Die Engel der Nationen
Walter Wink

Nationalismus ist möglicherweise nicht vollständig von Übel. Er bietet eine verbindende Kraft, um ganz verschiedene Stämme und Menschen zu vereinigen. Er liefert ein Gefühl von kollektiver Identität, die es vermag, Menschen aus sich selbst und ihren Familienzusammenhängen in ein größeres Ganzes hinein zu ziehen. Er ist einer der wenigen Kräfte, der gegen den Ansturm der transnationalen Konzerne etwas ausrichten kann. Und er verhindert, dass Imperien ihren Willen ohne Widerstand durchsetzen können. Noch mehr könnte zu seinen Gunsten vorgebracht werden. Jedoch: Was Nationalismus so bösartig, so todbringend, so blasphemisch macht, ist seine scheinbar unwiderstehliche Tendenz zum Götzendienst. Im Namen dieses Götzen werden ganze Generationen verstümmelt, ermordet, verbannt und zu Götzendiener/innen gemacht. Mehr als einhundert Millionen Menschenleben sind auf dem Altar dieses Molochs im zwanzigsten Jahrhundert geopfert worden, und wir beobachten heute mit einer Mischung von Faszination und Schrecken den Terrorismus, der über die Welt fegt.

Nur ein Gott könnte solchen Wahnsinn befehlen, der mit solch klarer Rationalität von einigen der klügsten Köpfe jeder Nation ausgeführt wird. Und hier beginnt die Ironie: Moderne Menschen glauben nicht an Götter. Wir glauben, dass es Götzen gibt, natürlich - Dinge, die fälschlicherweise als Götter verehrt werden. Aber unser Weltbild und unsere Theologien verbieten uns, an die wirkliche Existenz von Göttern zu glauben. Selbstverständlich wissen wir, dass Menschen, die den Nationalstaat vergöttern, den Staat zu einem Gott machen. Aber natürlich ist der Staat kein Gott, nicht im Sinne des Wortes. Wir verstehen nicht, dass Götzendienst eine reale Dynamik hat - dass ein Staat, der zu einem Gott gemacht wird, ein Gott wird, nicht nur in der Überzeugung der Individuen, sondern in der Wirklichkeit, in der Spiritualität der Nation selbst. Wir verstehen nicht wirklich, was entfesselt wird, wenn Millionen von Menschen den Staat als etwas Absolutes anbeten; wir erkennen nicht die spirituelle Realität, die solcher Götzendienst erzeugt. Und weil wir nicht mehr glauben, was früher alle Völker glaubten, dass jeweils Götter hinter den Staaten stehen, deshalb können wir das Zentrum nicht lokalisieren, an das sich die falsche Anbetung richtet. Wir glauben, dass Götzendienst etwas ist, was Götzendiener tun, aber wir leugnen, dass sie etwas Wirkliches anbeten. So opfern wir unzählig viele Menschen an Götter, deren Existenz wir leugnen, mit dem Ziel, die Welt für unsere Nationen und ihre Interessen sicher zu machen und zu halten.

Israel und die frühen Christ/innen sahen diese Dinge anders. Im Gegensatz zu einem weit verbreiteten Missverständnis leugneten die Anhänger/ innen Adonais* nicht die Existenz anderer Götter. Sie leugneten nur deren letzte Gültigkeit. Sie meinten, dass "jede Nation, jeder Stamm, jede Sprache und jedes Volk" von einer spirituellen Macht geführt werde. Rom hatte seinen Genius**, Athen die Göttin Athena, Ammon seinen Gott Chemosh, Babylon seinen Marduk, und Israel Adonai. Götter gab es reichlich und sie erfüllten viele Funktionen, aber sie wurden nirgendwo allgegenwärtiger erlebt als Götter der Imperien. Die Anbetung eines ‚nationalen' Gottes war der spirituelle Ausdruck dessen, was es hieß, eine Nation, ein Stamm, eine Sprache oder ein Volk zu sein. Die Götter der Nationen - später von Juden und Christen degradiert zu Engeln - stellte man sich vor als himmlische, transzendente Wesen von selbstständiger Existenz. Meine Hypothese ist, dass sie die innere Spiritualität des sozialen Ganzen selbst sind. Die Götter oder Engel der Nationen haben eine wahrnehmbare Persönlichkeit und Berufung; sie sind auch, obwohl gefallen, bösartig und unersättlich, Teil von Gottes Erlösungsplan. Unsere Aufgabe in diesem Erlösungswerk ist es, ihre Existenz zu erkennen, sie als Geschöpfe Gottes zu lieben, den Götzendienst, der um sie gemacht wird, zu demaskieren und sie an ihre himmlische Berufung zu erinnern. Solch ein Vorhaben wird nicht leicht Zustimmung finden; es ist einige Zeit her, dass die Engel der Nationen Teil der religiösen Sprache waren. Ich bitte nicht um Leichtgläubigkeit, sondern vielmehr um Geduld, diesen Gedanken in seinem ursprünglichen Sitz im Leben zu verstehen. Dann können wir beurteilen, ob dieser Gedanke hilfreich ist, um den selbstzerrstörerischen Wahnsinn der Nationen und ihre vernachlässigte, aber heilige Berufung zu verstehen.

Daniel und die Kraft des Schutzengels

Eine der frühesten biblischen Erwähnungen der Engel-Götter der Nationen ist 5. Mose 32,8-9. "Als der Höchste den Nationen das Erbe austeilte, als er die Menschenkinder voneinander schied, da legte er fest die Grenzen der Völker nach der Zahl der Göttersöhne. Denn der Anteil des HERRN ist sein Volk, Jakob das Maß seines Erbteils." Hier geht es um zwei Ebenen der Realität: die im Himmel und die auf Erden. Auf der Erde teilt Gott die Menschheit in Nationen auf, traditionell gemäß 1. Mose 10 begrenzt auf siebzig. Im Himmel setzt Gott Engel (hebräisch: bene elohim, Söhne Gottes oder Göttersöhne) über jede Nation, die die Aufgabe haben, im himmlischen Konzil die jeweiligen Interessen zu vertreten und für die jeweiligen Taten verantwortlich zu zeichnen. Adonai allein steht diesem himmlischen Konzil vor. Aber Adonai hat keinen Engel über Israel gesetzt; Adonai selbst will über Israel wachen. (Eine spätere Tradition schrieb diese Aufgabe dem Erzengel Michael zu.)

Daniel 10 bietet das vollständigste biblische Bild dieser Engel der Nationen. Die Szene ist in das dritte Regierungsjahr des persischen Königs Cyrus versetzt. In Wirklichkeit ist sie jedoch in den Jahren 167-165 v. Chr. geschrieben worden als Reaktion auf den Versuch des seleukidischen Herrschers Antiochus IV Epiphanes, die jüdische Religion zu zerstören. Folgt man der Geschichte, fastete und klagte Daniel 21 Tage lang aus Trauer über das Schicksal der exilierten Juden und Jüdinnen. Daniel war ein babylonischer Jude, der eine hohe Position am Hofe Nebukadnezars erlangt hatte und nun sich einer ebensolchen Prominenz unter den Persern, die das Land erobert haben, erfreute. Am 21. Tag erscheint ihm ein Engel (ich werde diesen Engel den Boten nennen) in einer benommen machenden Vision und erklärt, dass Daniels Gebet vom ersten Tag des Fastens an gehört und der Bote sofort losgeschickt wurde, er jedoch vom "Schutzengel" des persischen Königreiches 21 Tage zurückgehalten wurde. Endlich kam Michael, einer der Hauptengel, ihm zu Hilfe; er hielt den Engel Persiens zurück, so dass der Bote hindurch kam, um die Botschaft Daniel zu bringen. Danach - so berichtete der Bote - müsse er zurückkehren, "um gegen den Schutzengel Persiens zu kämpfen. Und wenn ich mit ihm fertig geworden bin, siehe, dann wird der Schutzengel Griechenlands kommen … und es gibt keinen einzigen, der mir gegen jene verlässlich beisteht als nur Michael, euer Schutzengel." (Dan 10,20-21)

Das ist bemerkenswert: Der Engel des persischen Imperiums widersetzt sich 21 Tage lang dem Engel Gottes, der zu Daniel geschickt wurde. Das ist nicht das sentimentale Bild von Engeln aus der Sonntagsschule. Der Engel Persiens will nicht, dass fremde Engel in den persischen Luftraum eindringen. Er hat seinen eigenen Willen; er hat das Recht, für die klar definierten Interessen des persischen Imperiums zu kämpfen. Er hat ein Interesse daran, eine Botschaft kritisch zu prüfen, die die Zerstörung des persischen Imperiums und die Auswanderung eines talentierten und produktiven gefangenen Volkes vorhersagt. Uns werden nicht perfekte engelhafte Wesen als ideale Personifikationen der Nationen präsentiert. Im Gegenteil: die Engel der Nationen, genauso wie die Engel aller Körperschaften, repräsentieren die aktuelle Spiritualität und Berufung der sichtbaren und unsichtbaren Mächte. Die Macht des Engel-Prinzen Persiens reflektiert hier die politische Macht des persischen Imperiums; daneben muss das schwache Juda mit seinem zerstörten Tempel, dem verwüsteten Land und dem in Babylon gefangenen Volk ganz unbedeutend erschienen sein. Sogar Gott konnte nicht einfach dieses Imperium zur Einwilligung zwingen, oder, weniger bildhaft gesagt: Ohne die Fürsprache Daniels konnte Gott nicht zugunsten Israels eingreifen, denn das hätte bedeutet, die Freiheit des persischen Imperiums, dem Willen Gottes zu widerstehen, zu verletzen.

Im Hintergrund der Geschichte des babylonisch- persischen Juden Daniel steht jedoch eine völlig andere Geschichte, wie ein übermaltes Bild auf einer wiederbenutzten Leinwand. Dieses Bild ist jedoch nicht älter, sondern zeigt aktuelle Ereignisse, nicht aus dem Jahr 532, sondern aus dem Jahr 167 v. Chr. Antiochus IV Epiphanes, der syrische Herrscher, hatte gerade die jüdische Religion verbannt und sich selbst zur "Manifestation Gottes" erklärt. Er verbot, den Sabbat einzuhalten, untersagte die Beschneidung, verbrannte Abschriften der Tora, förderte nackte Leibesübungen in den im griechischen Stil errichteten Gymnasien und opferte ein Schwein auf dem Altar, der für Zeus im Jerusalemer Tempel gebaut worden war. Sein Ziel war es, die Juden und Jüdinnen zwangsweise zu hellenisieren. Vor dem Hintergrund dieser schockierenden Ereignisse beschreibt der Autor seinen Helden Daniel als tapferen Juden, der sich der Assimilation widersetzte. Obwohl er in hoher Position erst dem babylonischen und dann dem persischen Hof gedient und auch den Namen eines babylonischen Gottes bekommen hatte (Beltschazar), kompromittierte er nicht seinen Glauben an Adonai. Daniel 10 erzählt, dass er 21 Tage lang aus Trauer über das gefangene Israel fastete und das Fasten auch während des Pessachfestes*** fortsetzte. Da Antiochus die Feier des Pessachs verboten hatte, könnte dies als ein versteckter Aufruf zum Widerstand verstanden werden, mit der Aussage: Du kannst zwar verbieten, dass wir unsere Pessach- Mahlzeiten essen, aber du hast keine Macht unser Fasten während des Pessachfestes zu verhindern.

Es besteht die Möglichkeit, Daniels Fasten als einen inneren Prozess zu interpretieren. Dann würde der Konflikt zwischen dem Boten und dem Schutzengel Persiens Daniels eigenen inneren Kampf widerspiegeln, seinen Geist von den Überbleibseln der internalisierten fremden Einflüsse zu befreien. Daniel wäre dann ein Vorbild für den Prozess, der von Juden und Jüdinnen generell gefordert war, um das Judentum vor der aufgezwungenen Hellenisierung zu retten. Diese Interpretation passt jedoch an einem Punkt nicht. Weder wartet der Engel 21 Tage, bis Daniel sich gereinigt hat, noch wird Daniel erst erhört, nachdem er sich gereinigt hat. "Vom ersten Tag an, als du dein Herz darauf gerichtet hast, Verständnis zu erlangen und dich vor deinem Gott zu demütigen, sind deine Worte erhört worden. Und um deiner Worte willen bin ich gekommen" (Dan 10,12). Warum dann die Verzögerung? Weil der Schutzengel Persiens den Boten zurückhält. Diese Szene ist eine Antwort auf die Theodizeefrage. Der üblichen Reaktion auf Katastrophen "Wie konnte Gott das zulassen?" gibt der Text eine völlig andere und neue Antwort. Gott hatte keine Wahl. Die Mächte können Gottes Boten 21 Tage in Schach halten und so verhindern, dass die Botschaft Daniel erreicht. Normalerweise berücksichtigte Israel nur zwei Faktoren beim Gebet: Gott und sich selbst. Bei dieser Sichtweise der Dinge blieben nur zwei Alternativen, wenn die Bitte, an Gott gerichtet, nicht erhört wurde. Entweder hatte Gott Nein gesagt, oder die Bittenden haben gesündigt oder waren nicht gläubig genug. Hier aber wird ein drittes Element eingeführt: die Mächte. Die Engel der Nationen haben ihren eigenen Willen und können sich dem Willen Gottes widersetzen. Gott kann gemäß seiner eigener Selbstbeschränkung seinen göttlichen Willen nicht den widerspenstigen Mächten aufzwingen: Gott will nicht die Freiheit der Geschöpfe verletzen. Wir haben die Gewalten und Mächte nicht berücksichtigt. Gebete sind nicht nur eine zweiseitige Angelegenheit. Ebenso beteiligt sind die starken sozialen und spirituellen Kräfte, die einen Großteil der Realität beherrschen. Ich meine die massiven Institutionen, sozialen Strukturen und Systeme, die die Welt beherrschen, und ihre Spiritualität in ihrem Zentrum. Daniel markiert den Moment, in dem die Rolle der Mächte, die Antworten auf Gebete blockierten, der Menschheit zum ersten Mal offenbart wurde.

Die Macht des Gebets

Der Engel Persiens kann Gottes Boten daran hindern, Daniels Gebet zu beantworten. 21 Tage kämpft Daniel mit unsichtbaren spirituellen Mächten. Vielleicht muss er die internalisierten Elemente babylonischer Spiritualität abstreifen; sein eigener Name war gebildet aus dem Namen eines babylonischen Gottes, Beltschazar (Dan 4,5). Aber was auch immer die notwendigen Veränderungen in ihm waren, der Engel wurde nicht erst gesandt, nachdem er sich selbst gereinigt hatte. Er wurde erhört am ersten Tag, als die Worte seine Lippen verließen. Und der Engel wurde in dem Moment, in dem er betete, gesandt, nicht erst nach 21 Tagen innerer Reinigung. Der wirkliche Kampf ist der Kampf zwischen den Engeln zweier Nationen. Der Engel Persiens will nicht, dass das Volk, das er be- schützt, ein talentiertes unterworfenes Volk verliert. Der Engel Persiens versucht aktiv, Gottes Willen zu durchkreuzen, und ist damit 21 Tage lang erfolgreich. Die Gewalten und Mächte können Gott in Schach halten. Daniel betet und fastet weiter, Gottes Engel bemühen sich weiter, den Engel Persiens zu überwinden, doch nichts Erkennbares passiert. Anscheinend hat Gott das Gebet nicht erhört. Doch trotz dieser offensichtlichen Gleichgültigkeit findet ein heftiger Kampf im Himmel zwischen sich bekämpfenden Mächten statt. Am Ende greift Michael, Israels eigener Schutzengel, ein und der Botenengel gelangt zu Daniel.

Dies ist, in mythologischer Ausdrucksweise, eine genaue Beschreibung der Erfahrungen, die Menschen im Gebet machen. Wir haben jahrzehntelang dafür gebetet, dass die Supermächte ihre Waffenarsenale reduzieren; die meiste Zeit schien es eine äußerst nutzlose Übung zu sein. Der "Engel der Vereinigten Staaten" und der "Engel der Sowjetunion" waren in einem tödlichen Kampf umschlungen, in dem keiner bereit war nachzugeben. Dann, als eine Ironie Gottes, handelte der am lautesten lärmende antikommunistische Präsident in der amerikanischen Geschichte (Ronald Reagan) einen Vertrag zur Reduzierung der Atomwaffen mit dem sowjetischen Führer (Michael Gorbatschow) aus, dessen neuer Kurs der Offenheit von keinem amerikanischen Sowjet-Spezialisten vorhergesehen worden war. Ohne Zweifel haben die wirtschaftliche Verschlechterung und der aufkommende Nationalismus in der Sowjetunion eine Schlüsselrolle dabei gespielt. Aber warum haben die Expert/innen diese Veränderungen nicht vorhergesehen? Hätte der kalte Krieg ohne die jahrzehntelangen Demonstrationen und Gebete der Friedensbewegung in den Vereinigten Staaten, in Europa und in der Sowjetunion geendet? Auf alle Fälle fand Gott eine Öffnung und vermochte eine wunderbare Veränderung hervorzubringen. Bemerkenswert, dass die Bibel keinen Versuch unternimmt, die Verspätung der Antwort Gottes zu rechtfertigen. Es ist einfach eine Sache der Erfahrung. Wir wissen nicht, warum Gott es nicht "besser" machen kann oder warum zum Beispiel Michael nicht eher dem Botenengel zu Hilfe gesandt wird. Es ist ein großes Mysterium. Aber wir verweisen nicht auf Mysterien, um ein intellektuelles Problem zuzudecken; die Sowjetexpert/ innen waren auch mit Mysterien konfrontiert. Wir wissen einfach nicht, warum manche Dinge passieren und andere nicht.

Was heißt das für die Allmacht Gottes? Für Gottes Fähigkeit zu retten? Für Gottes Souveränität über die Geschichte? Die Gewalten und Mächte können ihren Willen gegen Gottes Willen stellen und sich für eine Zeit behaupten. Das Wunder ist deshalb nicht, dass unsere Gebete manchmal unbe- antwortet bleiben, das Wunder ist, dass überhaupt einige erhört werden! Wir haben schon lange akzeptiert, dass Gott durch unsere Freiheit eingeschränkt ist. Das Buch Daniel formuliert die neue Einsicht, dass Gott auch durch die Freiheit der Institutionen und Systeme eingeschränkt wird. Wir behaupten normalerweise, es sei Gottes freie Wahl, sich selbst einzuschränken. Man kann allerdings fragen, ob Gott überhaupt eine Wahl hat. Doch in jedem Fall, egal ob Gottes Wahl oder nicht, sind Gottes Möglichkeiten einzugreifen, uneingeladen, sehr begrenzt - wie jeder merkt, der betet.

Kurz gesagt, an Gebeten sind nicht nur Gott und Menschen beteiligt, sondern Gott, Menschen und Mächte. Was Gott in der Welt tun kann, wird durch die Rebellion, den Widerstand und die Eigeninteressen der Mächte, die ihre Freiheit unter Gott ausüben, stark behindert.

Gott hat die Macht zu heilen; aber wenn Konzerne PBC oder Dioxin in das Wasser spülen, das wir trinken, oder radioaktive Gase in die Atmosphäre strömen lassen, oder darauf bestehen, unser Obst mit bekannten krebserregenden Stoffen zu besprühen, dann ist Gottes heilende Macht stark eingeschränkt. Kinder (wie die Jungen in meiner Gemeinde, die am Rand einer der größten petrochemischen Fabriken der Welt leben) sterben an Leukämie. Die Situation ist von normaler körperlicher Heilung nicht wesentlich verschieden. Ein sauberer Schnitt wird fast immer wunderbar heilen; aber wenn wir ansteckende Keime in die Wunde reiben, dann wird Gottes Kraft zu heilen behindert oder sogar aufgehalten. Gott will, dass Menschen frei sind, all das zu werden, wozu Gott sie geschaffen hat. Aber wenn eine Rasse eine andere versklavt, damit sie auf ihren Feldern oder in ihren Bergwerken arbeiten, wenn das Leben von Kindern in ihrer Entwicklung gehemmt wird, weil sie sexuell missbraucht werden, oder wenn ganze Nationen gezwungen werden, sich der Ausbeutung anderer, mächtigerer Staaten zu unterwerfen, was soll Gott dann tun?

Wir können beten für Gerechtigkeit und Freiheit, wir müssen es tun, und Gott hört uns vom ersten Gebet an. Aber Gottes Möglichkeit, gegen die Freiheit dieser rebellierenden Geschöpfe einzugreifen, ist manchmal tragisch eingeschränkt, in einem Umfang, den wir nicht verstehen können. Man braucht eine beträchtliche spirituelle Reife, um in der Spannung zwischen diesen beiden Faktoren zu leben: Gott hat unsere Gebete gehört, und die Mächte blockieren Gottes Antwort. Oft wird das Gebet als reine Selbsthypnose betrachtet; der oder die Betende schafft in sich selbst eine offenere und empfänglichere Haltung. In vielen Fällen mag das eine notwendige Komponente effektiven Betens sein, aber der Autor des Danielbuches betont etwas anderes. Der Punkt hier scheint zu sein, dass Daniels Fürbitten Gottes Eingreifen möglich machen. Gebete verändern uns, aber sie verändern auch Gottes Möglichkeiten. Daniels Rufen wurde schon am ersten Tag gehört. Sein Gebet öffnete einen Spalt für Gott, es eröffnete für Gott eine Möglichkeit, im Einklang mit menschlicher Freiheit zu agieren. Es startete den Krieg im Himmel. Es eröffnete einen Weg durch die undurchdringliche Spiritualität der fremden Großmacht, um eine neue göttliche Möglichkeit zu verkünden. Und die Botschaft hatte den gewünschten Effekt. Gestärkt durch solche Prophetien, wuchs der jüdische Widerstand gegen die Politik des Antiochus, und in vielleicht sogar kürzerer Zeit, als der Autor selbst erhofft hatte, wurde der Tempel von heidnischen Verunreinigungen gereinigt und jüdische Traditionen wurden wieder aufgenommen.

Nehmen wir das aktuelle Beispiel Somalias: Tag und Nacht bombardierten die Medien die Welt mit herzzerreißenden Bildern der unterernährten und verhungernden Somalier. Ein großes "Nein!" wuchs in den Menschen überall in der Welt. Geld wurde aufgetrieben. Regierungen sprangen ein. Schiffe, gefüllt mit Nahrung, wurden losgeschickt. Aber als sie gegenüber Mogadischu anlegten, wurde von den sich bekämpfenden Kriegsherren das Entladen verboten, denn sie fanden es für sich selbst vorteilhafter, wenn die Feinde verhungerten. Die Gebete der verhungernden Menschen wurden vom allerersten Tag an gehört. Aber die Mächte konnten, für eine Zeit, Gottes Antwort blockieren.

Die Macht Gottes

Wenn die Mächte sich Gott so wirkungsvoll entgegenstellen können, können wir dann überhaupt noch von Gottes Vorsehung sprechen? Wenn unsere Gebete nur sporadisch erhört werden, oder mit großen Verzögerungen, können wir dann noch wirklich Gott vertrauen? Kann man sich auf Gott verlassen? Ist ein begrenzter Gott überhaupt noch Gott? Wir müssen uns diesen Fragen stellen, denn unsere Fähigkeit zu beten ist von unserer Arbeitshypothese abhängig, dass Gott für uns sorgt.

Nehmen wird den Nationalsozialismus. Eine ganze Nation hatte sich einer üblen Ideologie unterworfen. Die Mächte hielten Gott in Schach. Es sah so aus, als würde Gott nichts tun. Ungesehen herrschte jedoch in dieser Zeit Krieg im Himmel. Wenn Menschen sich nicht nur bösen Mächten unterwerfen, sondern diese aktiv unterstützen, dann sind böse Mächte am Werk, auf die uns das alltägliche Leben nicht vorbereitet. Der Engel Deutschlands wurde als ein Götze angebetet und als höchstes Wesen angesehen. Gott, aus dem Himmel gedrängt, schlich durch die Straßen und fand einige Menschen, die bereit waren zu helfen. In solchen Zeiten scheint es, als wäre Gott ohnmächtig. Vielleicht ist Gott ohnmächtig. Es mag sein, dass Gott nicht direkt eingreifen kann, aber trotzdem bietet er Möglichkeiten zu Wundern, wenn sie von Menschen wahrgenommen werden. Wenn ein Wunder passiert, haben wir das Gefühl, dass Gott in besonderer Weise eingegriffen hat. Aber Gott greift nicht nur manchmal ein. Gott ist die ständige Möglichkeit der Veränderung, die sich in jeder Situation bietet, auch in den vorbeigegangenen, die Menschen nicht wahrgenommen haben. Gott lässt sich nicht verhöhnen. Die Räder der Gerechtigkeit mögen sich langsam drehen, aber sie drehen sich beständig. Ein Blick auf die Geschichte Daniels macht das deutlich. Nach 50 Jahren Gefangenschaft ließ Gott Cyrus auf den Plan treten, der die Juden und Jüdinnen aus Babylon befreite, aber Gottes Volk wollte lieber im Exil bleiben! Daniel eröffnete durch sein Fasten und Gebet Gott eine neue Möglichkeit. In diese Lücke ließ Gott die Vision eines neuen Lebens im wiederhergestellten heiligen Land einfließen - eine Verlockung, ein Köder, um Juda heimzubringen. Die ernüchternde Einsicht, dass die Mächte sich Gott entgegenstellen können, wird von dem Wissen übertroffen, dass sich unsere Fürbitten zu guter Letzt durchsetzen werden. Egal ob wir 21 Tage oder 21 Jahre oder 21 Jahrhunderte warten müssen, es ändert nichts für den Glauben. Der Glaube weiß, wie massiv und eigensinnig die Mächte und ihr Unterdrückungssystem sind. Wir dürfen nicht aufhören, für das Richtige zu beten, nur weil unsere Gebete anscheinend nicht beantwortet werden. Wir wissen, dass sie von Anfang an gehört werden. Und wir beten weiter, denn auch nur ein Tag ist zu lang, um auf Gerechtigkeit zu warten. Das ist auch der Grund, warum das Ausbleiben des Reiches Gottes nicht fatal für den christlichen Glauben im ersten Jahrhundert war, als Jesus nicht wie erwartet wiederkam. Die Kirche damals durchschaute das herrschende System so wie es war, und deshalb unterwarf sie sich ihm nicht völlig. Allein die Vision von Gottes herrschaftsfreiem Reich führte dazu, die Hoffnung auf sein Kommen niemals aufzugeben.

Daniel musste 21 Tage warten, um die Vision der Rückkehr der Juden und Jüdinnen nach Palästina zu erhalten; es dauerte noch zwei Jahrhunderte, bevor tatsächlich eine größere Menge zurückkehrte. Gandhi kämpfte 26 Jahre mit dem Engel des Britischen Empires; die Aquino-Revolution in den Philippinen entmachtete Marcos in nur wenigen Tagen. Egal, ob das Wasser Tropfen für Tropfen steigt oder durch eine plötzliche Flut, schließlich bricht der Druck den Damm der Unterdrückung und die Mächte werden hinweg gefegt. Sie sind nur sterbliche Kreaturen, und sie werden immer gemeiner, wenn sie wissen, dass ihre Zeit bald abgelaufen ist (Offenbarung 12,12). Viele unschuldige Menschen sterben, während das Imperium mit jedem Tod unbesiegbarer zu werden scheint; aber das ist nur eine Täuschung. Gerade Brutalität und Verzweiflung sind Zeichen dafür, dass seine Legitimität bald zu Ende geht. Sein Drang zu Gewalt ist ein Eingeständnis, dass es nicht länger freiwillige Zustimmung erwartet. Wenn genügend Menschen ihre Zustimmung entziehen, werden die Mächte unweigerlich stürzen.


* Adonai (hebräisch: mein Herr). Der Gottesnamen besteht im hebräischen Text aus vier Konsonanten (JHWH), die in der jüdischen Tradition nicht ausgesprochen werden dürfen. Überall wo der Eigenname Gottes im hebräischen Text steht, wird Adonai gelesen, was übersetzt "mein Herr" heißt. Deswegen haben die meisten Übersetzungen "HERR" an diesen Stellen.

** Genius ist ein Geisterwesen der römischen Religion. Der Genius, den nur Männer besaßen, wohnte einem jeden Mann inne und starb mit ihm. Später glaubte man, dass er auch öffentlichen Einrichtungen oder dem Staat innewohnt. Er repräsentierte seine Persönlichkeit und gab ihm die Fähigkeit zur Zeugung von Nachkommen. Man kann ihn als ein inneres Wirkungsprinzip bezeichnen.

*** Pessach ist das Fest zu Erinnerung an die Befreiung aus Ägypten.

Walter Wink ist Professor (em.) für Biblische Theologie,New York Leicht gekürzter Abdruck aus: DAS IMPERIUM KEHRT ZURÜCK, Das Imperium in der Bibel und als Herausforderung für die Ökumene heute (Hg.: Luise Schottroff u. a.). Erev-Rav, 2006. (Übersetzung aus dem Englischen: Britta Möhring)