Ein Wunder!
von Christiane Thiel

Endlich ist sie da. Schwer wie ein Ziegelstein und leider ein bisschen blass in der Farbgebung. Von außen. Dafür verbergen sich zwischen ihren Buchdeckeln massenweise farbenfrohe biblische Überlieferungen, die dank der neuen Übersetzung in den hellsten Farben zu strahlen beginnen. Sie leuchten und funkeln, und die neugierige Leserin kann einen Edelstein nach dem anderen entdecken. Gerechtigkeit auf der ganze Linie, jedenfalls dann, wenn bei der Leserin ein dynamischer und parteiischer Gerechtigkeitsbegriff anzutreffen ist. Das geht bei der Transparenz der Übersetzungsentscheidungen los, deren Begründungen im knappen Glossar nachvollziehbar gemacht sind. Und setzt sich fort bei der weisen Einsicht, dass der Revisionsprozess mit dem Tag des Erscheinens der Bibel in gerechter Sprache begonnen hat.

Ihren - für die kritischen und zum Teil hämischen Stimmen - schmerzhaftesten Ausdruck findet die Gerechtigkeit in der konsequenten Benennung beider Geschlechter in allen Texten, die sich den Menschen zuwenden.

Ihren schönsten und liebeswertesten Ausdruck findet sie in der Gerechtigkeit zwischen den Testamenten. Endlich eine christliche Bibel, die ihrer Wertschätzung der hebräischen Bibel in Übersetzung und Referenzsystem deutlich zu machen versteht. Endlich eine Bibel, die der Weisheit innerbiblischer Lektüre versucht angemessen Raum zu gewähren. Leider wurde dieses Ansinnen durch Vorgaben des Verlages im Umfang eingeschränkt. Es wäre wünschenswert, die Revision würde uns noch mehr Einblicke in das Farbenspiel innerbiblischer Selbstkritik, Wiederholung und Veränderung, Aktualisierung und Vergegenwärtigung gewähren. Wir können von dieser unglaublichen Gabe der Bibel mehr lernen als aus zahlreichen kirchlichen Verlautbarungen oder gepriesenen Dogmatiken.

Ihre streitbarste Erscheinung erhält die Gerechtigkeit in den sichtbar, lesbar, hörbar gemachten Ergebnissen und Einsichten aus dem jüdischchristlichen Dialog, die es unmöglich machen, Paulus weiterhin als Gründer der Kirche und Judenfeind zu lesen.

Ein Schatz, den zu heben, Zeit braucht. Die Lust, diesen Schatz zu heben, wächst aber mit jeder Seite. Wer hätte das von der Bibel noch erwartet? Dank den wackeren und mutigen Trägern und Trägerinnen dieses Projektes. Vielen, vielen Dank.

Christiane Thiel ist Stadtjugendpfarrerin in Leipzig