Streit um die Bibel
von Beatrix Jessberger

Ein Konflikt mit Geschichte

Für viele ist sie eine Provokation, die Bibel in gerechter Sprache, andere finden sie "frisch und fließend lesbar" (Günter Fässler im St. Galler Tagblatt vom 7. 11. 06). Der Zürcher Systematiker Ingolf U. Dalferth sieht sie im Niveau Lichtjahre hinter die Lutherbibel zurückfallen. Ihn interessiert weniger die Wirkungsgeschichte der Bibel, ihre Frauen diskriminierende und antijüdische Rezeption, sondern allein die sprachliche Präzision. Andere sind dankbar, dass die Gottesanrede und das Gottesbild sich öffnen und an die Stelle des unaussprechlichen Gottesnamen JHWH die verschiedenen biblischen Lesevarianten, wie "Die Lebendige", "Der Name", "Ha Makom" ("Der Ort") etc. neben den Gott als den "Herrn" treten. Die verschiedenen Namen führen vor Augen, dass Gott jedes Bild übersteigt, das Menschen sich von ihm/ihr machen.

Persönlich finde ich es interessant, dass die Art der Auseinandersetzung, wie sie derzeit geführt wird, eine Geschichte hat. Sie berührt die Frage, wie ein schriftlich verfasster Text lebendiges Wort bleiben kann und wie viel Interpretationsmöglichkeiten er zulässt. Gibt es eine objektive Übersetzung oder spielen die vorgefasste Meinung und der subjektive Blick des Lesers, der Leserin die ausschlaggebende Rolle? Darüber hinaus stellt sich die Frage, schließen Wissenschaftlichkeit und Frömmigkeit einander aus oder ergänzen sie sich? Kurz gesagt: weht der Odem des Göttlichen in einem Text, den unser Verstand analysiert, interpretiert und in unsere Wirklichkeit hinein übersetzt?

Die Bibel in gerechter Sprache erfährt eine ähnliche Kritik wie die Übersetzungen Martin Luthers, Martin Bubers, Franz Rosenzweigs und andere. Die Bibel scheint ein gefährliches Buch zu sein, an dem man sich leicht die Finger verbrennt bzw. seinen guten Ruf ruiniert. Schon zu Luthers Zeiten lehnten viele Gelehrte dessen Verdeutschung ab. Sie tobten und erkannten in der Übersetzung die ihnen vertraute lateinische Bibel nicht mehr. Sie meinten, ein ganz anderes Buch vorgelegt zu bekommen; selbst die biblischen Namen gab Luther nicht in der für sie üblichen Weise wieder. Auch jüdische Gelehrte lehnten die Lutherbibel ab, weil Luther sich oft viel zu weit vom Bibeltext entfernte. Seine persönliche Erfahrung der Gnade Gottes, der Rechtfertigung des Sünders, war die Folie, auf der er alle biblischen Texte interpretierte. Ein weiterer Kritikpunkt war, dass Luther mit seiner Übersetzung die scharfe Grenze zwischen Juden und Christen betonte und das Judentum abwertete.

Es ist nicht schwer zu erkennen, dass das Vorverständnis des Übersetzers oder der Übersetzerin wesentlich zum Verständnis eines biblischen Textes beiträgt. Jede Übersetzung ist Interpretation. Ein Bibelwort besitzt so viele Bedeutungsnuancen wie es Menschen gibt, die das Wort hören, meinte Franz Rosenzweig, der gemeinsam mit Martin Buber Anfang des letzten Jahrhunderts die hebräische Bibel übersetzt hat. Beide Gelehrte gingen methodisch von der Einheit der Bibel aus - wie auch die 52 Übersetzer/innen der Bibel in gerechter Sprache. Das meint, sie respektierten die Bibel in der Form, in der sie mehrheitlich schriftlich überliefert wurde, trotz Widersprüchen, trotz abweichender Handschriften, trotz Wiederholungen und Ungereimtheiten. Die Schrift bietet in ihrer Tiefe und Weite eine Fülle von Möglichkeiten an. Deshalb sind verschiedene und sich sogar widersprechende Interpretationen möglich. Während im Judentum diese Vielfalt bejaht und gewünscht wird, weil die Schrift dadurch jedem etwas zu sagen hat und sie dadurch lebendig ist, lehnen und lehnten christliche Schriftgelehrte diese Vielfalt eher ab. Die christlichen Wissenschaftler waren in erster Linie immer um Eindeutigkeit bemüht. Deshalb haben heute so viele Christen Mühe mit dem Lesen der Bibel, weil sie vor lauter Vielstimmigkeit die eine Stimme Gottes vermissen. Die Bibel ent- spricht zu sehr dem realen Leben, sie vermittelt kein Ideal, keine heile Welt, auch keinen heilen Himmel. Die Bibel erfährt eine vergleichbare Abwertung wie das eigene Leben, das dem Bild von einem geglückten Leben nicht entspricht, das widersprüchlich ist. In der jüdischen Tradition wird die Mehrdeutigkeit der Schrift nicht als Mangel an Eindeutigkeit, sondern als willkommene Chance, als gottgewollte Fülle empfunden. Vielstimmigkeit ermöglicht Kommunikation, Lebendigkeit und Freiheit; denn nichts kann dogmatisch verengt und anderen aufgenötigt werden. Damit die Bibel aber bei aller Vielstimmigkeit nicht instrumentalisiert wird, haben Juden strenge und allgemeinverbindliche Maßstäbe angesetzt. Jeder und jede Bibelübersetzer/ in muss begründen können, warum sie sich für diese oder für jene Interpretation entscheidet. Eigenes Denken ist gefragt, nicht die simple Übernahme anerkannter Übersetzungen.

Die Übersetzer und Übersetzerinnen der Bibel in gerechter Sprache sind auch dieser hermeneutischen Regel des Judentums gefolgt. Deshalb erfährt die Bibel in gerechter Sprache auch die Kritik, die jüdische Gelehrte bezüglich ihrer Übersetzung und Auslegung der biblischen Schrift erfahren haben. Christliche Theologen beschuldigten jüdische Gelehrte immer wieder, sie würden auf Grund eigener Interessen das offenbarte Bibelwort missachten oder verdrehen. So meint z. B. Ingolf U. Dalferth in seinem Artikel, Der Ewige und die Ewige (in der NZZ vom 18. 11. 2006): Doch der Tiefpunkt dieser Übersetzung ist ihre durchgehende Tendenz, sachliche Differenzen innerhalb der Bibel zu verharmlosen und theologische Entwicklungen aus ideologischen Gründen zu verdunkeln. Der Vorwurf der Ideologie verhindert eine kreative Auseinandersetzung mit der Bibel in gerechter Sprache. Dabei haben die Übersetzer/ innen nachvollziehbar begründet, warum sie so und nicht anders übersetzt haben. Glossar und Anmerkungen tragen dazu bei, den Gedankengängen der Übersetzer/innen zu folgen. Keine andere Übersetzung bietet diese Möglichkeit. Die Bibel, will sie nicht wie ein Museumsstück bewahrt werden, muss aufstören, muss in einer neuen Übersetzung neu laut werden.

Ein dritter Weg des Verstehens

In der Spannung von Bewahrung und Verlebendigung wachte die katholische Kirche bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil ängstlich darüber, dass es nicht zu viele Interpreten und Interpretationen der Bibel gab. Sie versuchte die Bibel vor Missverständnissen durch Ungebildete zu bewahren. Befreit aus den Fängen der Kirche entwickelten sich traditionell zwei Richtungen im Umgang mit der Bibel, die sich oft bekämpfen: Zum einen der wissenschaftliche Ansatz, der seit dem 18. Jahrhundert als historisch-kritischen Methode bekannt wurde, zum anderen die fromme, sog. wortwörtliche Interpretation der Bibel, die jede kritische Auseinandersetzung verhinderte. Die Bibel in gerechter Sprache setzt sich von diesen falschen Fronten ab, indem sie Frömmigkeit und Wissenschaftlichkeit nicht trennt, sondern verbindet. Sie bietet sozusagen einen dritten Weg an. In ihr verbinden sich christliche Wissenschaft und Frömmigkeit mit jüdischer Wissenschaft und Frömmigkeit, Moderne und Tradition, Mystik und Orthodoxie. Sie ermöglicht einen neuen Zugang, ein neues Hinhören auf die Texte und wahrt deren Geheimnis.

Die Bibel in unserer Gegenwart

Die Bibel ist unser jüdisch-christliches, unser abendländisches Erbe und gleichzeitig unsere Gegenwart. In den biblischen Sprachbildern sind wir zu Hause - es sei denn, wir sind biblische Analphabeten. Die Frage, die sich die ÜbersetzerInnen der Bibel in gerechter Sprache stellen, ist nicht, übersetzen wir alles im Sinne Zwinglis oder Luthers, sondern sie fragen: welche Wirkung verursacht der Text, was ist die Intention seiner Aussage? Es bleibt z. B. die alte, frauenfeindliche Aussage des Paulus in 1. Korinther 14,34: Die Frauen sollen in der Gemeindeversammlung schweigen. Aber dort, wo Interpretation möglich ist, wie im 1. Mose 2, 22: Dann formte Adonaj, also Gott, die Seite, die sie dem Menschenwesen entnommen hatte, zu einer Frau um und brachte sie zu Adam, dem Rest des Menschenwesens, entscheiden sich Frank Crüsemann und Jürgen Ebach für die Seite - anstelle der gewohnten Rippe. Die Frau ist also aus der Seite des Adams, des Menschenwesens. Das hebräische Wort, Zela, lässt sich sowohl als Rippe wie als Seite (z. B. eines Berges) übersetzen. Weil Adam kein Mann ist, sondern sich erst im Gegenüber zur Frau als Mann erkennt, ist Adam ein Menschenwesen - ein androgynes, zweigeschlechtliches Menschenwesen.

Im Bemühen um den Bezug zur Gegenwart erfährt nicht nur die Bibel in gerechter Sprache harsche Kritik, auch die, heute von manchen hoch verehrte, Übersetzung der hebräischen Bibel durch Rosenzweig und Buber erhielt eine niederschmet- ternde Rezension. Inken Rühle zitiert in ihrem Buch Gott spricht die Sprache der Menschen die Kritik von Siegfried Kracauer an der Buber-Rosenzweig- Bibel vom April 1926. Siegfried Kracauer, Redakteur der Frankfurter Zeitung, fand die Sprache dieser Bibel reaktionär. Sie trug, seiner Meinung nach, verwandtschaftliche Züge mit den Werken Richard Wagners. Hinter dieser Kritik verbarg sich aber ein viel tieferes Problem. Kracauer konnte sich nicht vorstellen, dass die Bibel in der Moderne aktualisiert werden könne. Er hielt sie für veraltet und hielt jeden Versuch der religiösen Erneuerung für unzeitgemäß. Ich denke, dass diese Frage letztlich hinter dem Streit um die neue Bibelübersetzung steht: Können wir uns vorstellen, dass die Bibel und unsere gegenwärtige Welt wieder neu eine Verbindung eingehen können? Glauben wir, dass die Bibel in der Lage ist, aus sich heraus zu uns zu sprechen? Persönlich vertraue ich mit den Übersetzer/ innen der Bibel in gerechter Sprache darauf, dass sich das Christentum in Verbundenheit mit dem Judentum, der feministischen Theologie, der Befreiungstheologie (und im Dialog der Religionen) erneuern wird. Ich danke deshalb all den engagierten und wissenschaftlich integren Männern und Frauen für ihre wunderbare Übersetzung.

Beatrix Jessberger ist Pfarrerin in Rehetobel (Schweiz)