Anmerkung zum erloschenen Feuer
Frigga Haug

In den kalten Zeiten, da die Menschen von Berechnung und Misstrauen getrieben waren, jeder dem anderen übel wollte und die Herzen sich ausschließlich am Geld erwärmten, zogen drei Götter über die Erde. Sie suchten einen einzigen guten Menschen; fänden sie ihn, gäbe es noch Hoffnung. Die Götter waren wohlgenährt und gut gekleidet, so kam es ihnen nicht in den Sinn, nach den Ursachen des Verlusts an Menschlichkeit zu fragen. Sie glaubten daran, dass Gutsein eine Tugend sei, die den Menschen wahrhaft zum Menschen machte. "Edel, hilfreich und gut", so hatten auch sie ihren Goethe gelesen. Sie suchten lange vergeblich, bis zu den Erschöpften die Kunde gelangte, dass da in einem Ort eine Frau wohl gut sein müsse, denn zu ihren Geschäften gehörte die Liebe. Die Götter ließen sich bei der Prostituierten nieder, erfuhren bald, dass sie auch alle anderen Gebote befolgte, dass sie den Menschen Gutes tat, ihnen Nahrung, Kleidung, Wohnung gab, und sie fragten sich nicht, woher sie das Geld dafür nahm, sondern zogen beglückt und getröstet von dannen.

Bertolt Brecht, dessen Stück vom Guten Menschen von Sezuan diese Parabel nacherzählt ist, lässt die Sache schlimm und also realistisch ausgehen. Die Gute muss wieder eintreiben, was sie großherzig ausgab. Sie spaltet sich in den bösen geschäftstüchtigen Vetter bei Nacht und die gute Frau bei Tage und kann so die nötige Härte zum Überleben verbinden mit der Weichheit des guten Menschen. Aber damit nicht genug. Die anderen Menschen, denen ihre Güte galt, zeigen sich als faule Schmarotzer, die als ihr Recht einklagen, was sie reichlich ihnen aus Güte gab. Am Ende des Stückes sind wir froh, dass alle an die Arbeit gesetzt werden, und so auch der gute Mensch nicht mehr gut sein muss. Die Spaltung wird überflüssig, wo alle arbeiten.

Noch glimmt das Feuer

Gebeten, Anmerkungen zum "Impulspapier" über die "Perspektiven für die evangelische Kirche des 21. Jahrhunderts" zu machen, spreche ich von Außen, ein Fremdling, nach der Lektüre fremder noch. Wie komme ich überhaupt dazu, mich einzumischen? Ich kenne "die Kirche" doch nicht als Institution, nicht als etwas Übergeordnetes, sondern als viele Menschen, denen ich begegne, mit denen ich etwas in Bewegung bringe. Ich fühle mich in mehreren Bewegungen zu Hause, der Arbeiterbewegung, der Frauenbewegung, der Studentenbewegung, der Friedens- und Anti-Atombewegung, neuen sozialen Bewegungen, wo immer Menschen sich zusammenfinden und dem Unrecht in den Arm fallen.

Freilich leuchten diese Bewegungen nicht immer und überall gleich hell. Das Feuer wird kleiner, die Not größer, die Kraft schwächer. Kleinmut, Angst und Hoffnungslosigkeit als Begleitung der neoliberalen kapitalistischen Globalisierung lähmen die Menschen. Zuletzt aber, immer und überall treffe ich Christen, die für ein besseres Leben sich zusammentun. Ich kenne inzwischen viele der evangelischen Akademien, Arbeitskreise, die Beteiligten am Kirchentag. Ich gestehe, dass ich in wenigen gesellschaftlichen Bereichen so viele mir nahe stehende Menschen getroffen haben wie unter den aktiven Frauen aus der evangelischen Bildungsarbeit. Mit ihnen arbeite ich zusammen gegen das weltweite Unrecht, das den Frauen der Welt angetan wird, immer noch. Die Themen sind so vielfältig wie wir es für die Hälfte des Menschengeschlechts brauchen, auf dass beide Hälften menschlich zusammenleben können. Wir suchen nach unserer Verstrickung in unsere Unterdrückung, prüfen unsere Träume, unsere Passivität, unseren Widerstand, schreiben über Erinnerung und denken an Zukunft. Ich gehe gerne an Orte, wo ich Menschen treffe, die solches bewegt. Noch glimmt das Feuer.

Nichts von alledem im Impulspapier. Es heißt zwar, es würden Leuchttürme aufgestellt, zwölf davon, aber der Text ist auf den ersten Blick wesentlich lichtlos.

Wirtschaftsunternehmen Kirche

Worum geht es? Die Kirche hat zuwenig Geld für die Struktur, die ihr in besseren Zeiten zugewachsen war. Zu viele Gebäude, zu viele bezahlte Menschen im Verhältnis zu den weniger werdenden Kirchgängern und Steuerzahlern. Das ist zunächst eine verständliche Sprache und eine nachvollzieh- bare Not. Es ist ein allgemeines Problem, wo in den gesellschaftlichen Umbrüchen die Reichtümer umgeschichtet werden. Da bleiben viele auf der Strecke. Und so findet sich die Kirche im paradoxen Zustand, dass die Angst Menschen zurück in die Kirchen treibt ("Depressionsschleife", 24) und doch dieses Wachstum die Einnahmenschrumpfung nicht ausgleicht. Jetzt muss betriebswirtschaftlich gerechnet werden. Der Blick seitwärts in die Wirtschaft bringt reiche Ernte. Zunächst das allgemeine Rezept: Menschen entlassen, Intensivierung der Arbeit für die restlichen und, darin ist die Kirche viel besser als jeder Wirtschaftsbetrieb, Umsonstarbeit, freiwilliges Ehrenamt. Das Gleiche gilt für die Räume. Zu viele Kirchen, man sollte sie vermieten. Schließlich trägt jeder das Christsein im Grunde schon in sich - dieser Gedanke wird allerdings nicht zuende gedacht, denn dann bliebe ja auch der Kirchenrat nicht übrig. Also muss mehr gelernt werden bei den Vettern aus dem Wirtschaftsleben. Ab jetzt klingt die Kirche wie Peter Hartz, der Vater der Hartz-4-Regelung (345 Euro usw.), und die Verwandlung der politischen Sprache in einen "Werbeslang". Die evangelische Kirche spricht lange nicht mehr Latein, aber auch nicht im lutherischen Deutsch. Die Kirche spricht zeitgemäß im Geschäftsenglisch und in Begriffen aus dem modernen Management.

Gebraucht wird ein "Kirchenkompass" mit "Zielverabredungen mittels einer ‚balanced scorecard'" (27); Aufgaben sind Themen-Management und "Agendasetting". Ein "Corporate design" soll entwickelt werden. Auf die "evangelische Skyline" (87) ist Verlass. Es gibt einen "Megatrend" hin zu Kirche, eine "Superchance"; es muss "good practice" gegen "bad practice" gesetzt werden. Wie lernt man aus der Wirtschaft? Es sind "Zielvereinbarungen, Dienstleistungsdefinitionen, Kostenund Leistungsrechnungen sowie Controlling" (40) nötig. Die Kirche hat "einen erheblichen Marktverlust im Bereich ihres Kerngeschäfts erlitten" (23), eine "generative Entkirchlichung", ein "religiöses Analphabetentum" breitet sich aus (Hartz hatte das digitale Analphabetentum diagnostiziert). Gegen die Anbieter ",kleiner Transzendenzen' - wie Wellness, Sport … oder patchwork-artige religiöse Identiät durch die Medien" (24) muss Neues her: Ein "fundamentaler Wandel" ist nötig.

Das Ganze ist ein "Impulspapier" zum Anstoß des Neuen. Da gibt es immer wieder ein "Profil" und einen "Mentalitätswandel", der fast so oft gefragt ist. "Qualitätsmanagement", "Visitationen", "Qualitätsanalyse und -kontrolle", "Engagement", "qualitätsorientiertes Lernprogramm" - "nur Qualität setzt sich durch" (28). Es geht um eine Kirche, die "schlanke, bezahlbare Strukturen unterhält" (das war lean production von den Japanern schon vor Hartz). Der kleine Zweifel, ob dies alles eine Vertrauen schaffende Sprache im christlichen Geist ist, wird doppelt erstickt: Die Kirche ist "kein Wirtschaftsunternehmen", heißt es (28), und zum inneren Beweis, gemäß Apostel Paulus, braucht es: "Führung, Qualitätsmanagement, Personalentwicklung, Betriebswirtschaft"! (28), "marketingorientierte Methoden" (42). Angestrebt wird auch eine "neue Führungsstruktur", neue "Führungsinstrumente" nach "Schwachstellenanalyse". Der Verdacht wächst, dass dieses gesamte Impulspapier vermutlich eine Koproduktion mit einer "neutralen" Werbefirma ist, die noch aus einer anderen Kampagne Stücke zu "Freiheit" und "Wachstum", "Wettbewerb", "Fundraising" und den Rat zu "emotional ansprechenden Aktivitäten" (87-90) in der neoliberalen Schublade hatte.

Dann wird es auch einmal fast konkret: es gibt "begründete Zweifel an der Qualität der Mitarbeiter" (28). Die "Partizipation muss überprüft werden in Bezug auf Zielorientierung und Effektivität" (29).

Es kommt mir selbst in dieser gerafften Kürze so vor, als wiederhole ich mich ständig; dies ist aber nichts im Vergleich zur unglaublichen Redundanz des "Papiers". Es gibt so unendlich viele Wiederholungen, dass man genötigt ist, darüber nachzudenken, ob vielleicht die Wiederholung selbst ein Prinzip der Einhämmerung ist, ein Ritual, das Widerspruch erstickt? Als Redakteurin hätte ich die 100 Seiten ihrem Gehalt nach auf 10 zusammengestrichen. Denn es ist, wirtschaftlich gesprochen, so ja auch eine ungeheure Vergeudung an Lesezeit, Schreibzeit, Papier, Umwelt.

Aber was ist der Gehalt?

Wir hatten die Vorlage von Mittelkürzungen - das lässt sich auch sehr schnell sagen und begründen. Die Not ist offenkundig und nachvollziehbar. Im Klartext muss "Gewachsenes losgelassen werden, Strukturen zurückgebildet, manche Arbeitsformen ganz aufgegeben werden, ein Paradigmenwechsel" ist angesagt. Es gibt "symbolisches Kapital" (hier darf Bourdieu Worte leihen). Jetzt fehlt nur noch eine Auskunft, in welchen Bereichen und dann das Wichtigste: was bleibt inhaltlich, also wofür das Ganze?

Auf der Suche nach Inhalt und Ziel

Über die Bereiche, die gekürzt werden sollen, erfahren wir: es sind die, deren Qualität nicht gut genug ist. Freilich fehlt eine Bestimmung, was Qualität ist und wie sie sich zu irgendeinem als christlich zu nennenden Ziel verhält. An anderer Stelle heißt es, die Bereiche, die "zuviel Kraft und Geld kosten" (42), sollen nicht mehr finanziert werden. Umgekehrt wimmelt es von "missionarischer Qualität" (u. a. 38), übersetzt heißt das Einwerbung neuer Kirchenmitglieder, "Intensivierung von Mission" - dies im Kontext, wirtschaftlich denken zu lernen" (40); da ist die Rede vom "gemeinsamen Kirchenbewusstsein" und in diesem Kontext wird es fast dialogisch, liest man überraschend von Widerstand. "Die beschriebenen Verschiebungen sind mit Reibungsverlusten verbunden; sie stoßen bisweilen gerade bei kirchlich Engagierten auf Widerstand. Denn sie werden als Verlust an Möglichkeiten zur Mitgestaltung und als unerwünschte Zentralisierung wahrgenommen. Tatsächlich werden bisherige Zuständigkeiten von Leitungsgremien wie gewohnte Arbeitsfelder beruflicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch diese Veränderungen in Frage gestellt." (39) Hier hätte man unbedingt Genaueres wissen wollen. Aber das Feld wird schnell verlassen. Vorbei das Rollen hinter den Kulissen. Den Uneingeweihten wie mir bleibt es ein beunruhigendes Rätsel und zugleich Hoffnung auf Lebendigkeit in der Öde der abstrakten Maßnahmen, die nur konkret werden, wo sie betriebswirtschaftlich sprechen.

Ich suche weiter nach Inhalt und Ziel und prüfe etwa, geleitet durch Brechts Parabel, wo das Problem des Gutseins in einer schlechten Welt vorkommt oder wie dem Unrecht in den Arm gefallen werden kann, suche nach Kritik an gesellschaftlicher Verfasstheit und dem Versprechen, wenigstens dagegen zu streiten. Ich suche auch nach einem Ort für meinen Einsatz, der Unterdrückung von Frauen entgegenzuarbeiten. Das ist viel zu konkret. So weit lässt sich das Papier nicht auf die Inhalte ein. So erscheinen Reduzierungen von Mitteln, kombiniert mit ehrenamtlicher Arbeit, als Aufbruch zu einem Ziel, das sich eigentlich als Drohung liest. Es ist nicht das, was bislang getan wurde, "es gibt kirchliche Angebote, denen die Konzentration auf den spezifisch evangelischen Beitrag zur Bildung verloren gegangen ist" (78); dies muss endlich der Qualitätskontrolle unterworfen werden, geprüft auf Effektivität und Leistung, gestrebt wird nach Mission, nach neuer Vision von "Zukunft, die nicht irreal über der Kirche schwebt, ..., sondern Neues wagt" (32). Das Neue in den "angebotsorientierten Zentren" (60) ist offenbar die Rückkehr zum Alten: Geistliche Profilierung im Bild des Lichts der Welt, Schwerpunktsetzung - Heilungs- und Wundergeschichten, Leib Christi und Gottes Güte für alle (45), 10 Lieder und Auswendiglernen. "Die Lebensgewissheit" (32), "der Trost im Verlassen auf Gott" muss gegeben werden. Die Leerworte werden niemals gefüllt. Vielmehr scheine ich den Kontakt mit den sozialen Bewegungen deshalb nirgends zu finden, weil das Ganze nicht für die Menschen konzipiert ist, sondern für die Kirche als Institution. Es geht nicht um die Zukunft der Menschen in der Welt - da komme ich mit den Fragen nach den Frauen schon gar nicht vor -, sondern die Rede ist ausschließlich von unsinnlichen Subjekten wie dem Protestantismus, immer wieder der Kirche selbst, dem öffentlichen Christentum; die "äußere Gestalt der Kirche" soll gestärkt werden (45). So hören sich die Aufträge, "Gottvertrauen" zu verbreiten, im Kontext der Finanzprobleme auch bigott an, so "das Geschenk der göttlichen Güte" (32) oder: "Gottes Barmherzigkeit einen Raum in der Welt eröffnen".

Am Ende kein Licht

Die Empfehlung bringt uns zurück zu den drei Göttern in der Wohnung der Prostituierten. Es fehlt, kurz gesprochen, jeder Bezug zu den gesellschaftlichen Bedingungen, in die einzugreifen wäre, so dass die Arbeit sinnvoll wäre, ein engagierter Einsatz erhofft werden kann, alle sich einbringen werden; es fehlt vor allem auch jeder Bezug zu den sozialen Bewegungen in der Welt, mit denen gemeinsam Widerstand zu leisten wäre, es fehlt daher natürlich auch die Verbindung mit der Frauenbewegung, die zur eigenen feministischen Theologie führte, und umgekehrt der Beitrag der vielen Frauen in der Kirche zur Weiterarbeit an der Verringerung von Frauenunterdrückung, gerade dort, wo die Bewegung in der Gesellschaft nachließ.

Ich kenne viele Pfarrerinnen und einige Pfarrer. Wenn sie sich den Zielvorstellungen des Papiers entsprechend in ihrer "Mentalität" gewan- delt haben, werde ich keinen von ihnen mehr erkennen. Sie werden in ihrem Beruf, der "attraktiv, flexibel und finanziert" ist, als "Schlüsselkompetenz" über "theologische Urteilsfähigkeit, geistliche Präsenz, seelsorgerisches Einfühlungsvermögen, kommunikative Kompetenz, Leistungsbereitschaft, Qualitätsniveau, geistlich-missionarische Kompetenz, missionarische Innovationskompetenz" usw. (71-73) verfügen. Aber sie werden nicht länger gegen das Unrecht streiten, Politik lassen sie links liegen, die Frauen der Welt sind ihnen gleichgültig und so auch ich. Jetzt nehmen sie die "Verbindung zu den gesellschaftlichen Eliten" auf (80). Das zahlt sich aus.

Kurz, der Weg, den mir die Leuchtfeuer weisen, ist lichtlos und das Dunkel liegt diesmal nicht in meinen Augen. Er führt nirgendhin, wo Leben wäre und Bewegung. Er zeigt auch am Ende kein Licht. Hier bin ich fremder als je zuvor.

Frigga Haug ist Professorin (em.) für Soziologie an der Hamburger Universität für Wirtschaft und Politik