Anlass zur Hoffnung
von Michel Bollag

Votum bei der Vorstellung des Projektes Bibel in gerechter Sprache am 9. November 2006 in Zürich.

Heute vor 68 Jahren standen in Deutschland die Synagogen in Flammen. Das Feuer, das sie und mit ihnen viele Juden verzehrte, sollte ein knappes Jahr später flächendeckend Europa und die ganze Welt erfassen: 6 Millionen Juden und Millionen von Menschen, jeder Einzelne Bezelem Elokim, im Ebenbild Gottes erschaffen.

Zum Brennstoff, der es diesem Feuer ermöglichte, sich so rasch und verheerend zu verbreiten, gehörten auch Worte der Bibel, namentlich von deren christlichem Teil, dem Neuen Testament. Worte, die als Wort Gottes galten und in denen von der Verwerfung der Juden die Rede war. Anstatt als Feuerlöscher zu fungieren, wirkten biblische Texte wie Öl, das ins Feuer gegossen wird. Ja, göttliche Worte, Worte der Tora, Worte des lebendigen Gottes, der selbst wie in Exodus 4,24 beschrieben, ein verzehrendes Feuer ist, sind Feuer, mit schwarzem Feuer auf weißes Feuer geschrieben. Brandgefährlich waren sie schon immer und sind sie bis heute, die Worte, die das Verhältnis des Menschen zum Absoluten, zur Wahrheit beschreiben. Nur derjenige, der weiß, wie man mit Feuer umgeht, der lernt, die Distanz zum Feuer zu bewahren, und sich mit äußerster Vorsicht ihm naht, erfährt, dass dieses Feuer auch eine immer sich erneuernde Quelle des Lichtes und der Wärme sein kann. Niemals also soll man sich diesem wie Feuer wirkenden Text der Bibel mit nackten Händen nahen, um ihn zu greifen, zu be-greifen, sondern immer mit den Instrumenten der Interpretation, im Wissen darum, dass der Text zwar Wahrheit enthält und sie zur Sprache bringt, die aber, weil sie in menschlicher Sprache formuliert ist, immer auch zeitlichen Formen und Bedingungen unterstellt ist. Jeglicher Versuch, die Bibel oder andere offenbarte Texte abschließend zu verstehen, ihren Sinn ein für allemal festzulegen, ohne zu hören, welchen Sinn andere ihm geben mögen, ist ein Spiel mit dem Feuer, brandgefährlich, heute wie eh und je, heute mehr denn je. Den Initianten des Projektes Bibel in gerechter Sprache, dessen Endergebnis heute hier vorgestellt wird, waren sich dieser Tatsache und ihrer historischen Verantwortung von vornherein bewusst und haben ein Werk geschaffen, welches versucht, die Bibel in die heutige Zeit hinein sprechen zu lassen, d. h., ihre existenzielle Dimension und ewige Forderung nach Gerechtigkeit in heutige menschliche Sprache zu übersetzen.

Diese Übersetzung ist wie jede Übersetzung in hohem Maße Interpretation, midrasch, und deshalb kann, darf und soll sie auch diskutiert und kri- tisiert werden. Was sie von anderen unterscheidet und einen Meilenstein darstellt, ist, dass sie immer beide historische, gesellschaftliche und kulturelle Wirklichkeiten, Horizonte im Blick hat: Diejenige Wirklichkeit, aus dem die Texte stammen, und die heutige, in die sie immer noch hineinsprechen. Indem sie zum Beispiel insbesondere im alttestamentlichen Teil den Gottesnamen durch verschiedene Übersetzungen adäquat darzustellen versuchen, nehmen die Übersetzer-Interpreten-Kommentatoren des Projektes Bibel in gerechter Sprache ihre Verantwortung als christliche Theologen wahr, lassen die jüdische Lektüre der Bibel zur Sprache kommen und geben somit den tot Geglaubten ihre eigene Stimme zurück.

Die Veröffentlichung der Bibel in gerechter Sprache gibt deshalb Anlass zur Hoffnung auf ein besseres Verständnis biblischer Sprachen und damit auch auf eine Vertiefung des Dialogs zwischen Christen und Juden. Heute, 68 Jahre nach der Reichspogromnacht, ist die Bibel in gerechter Sprache das Zeichen einer Umkehr, das auch wir Juden wahr und ernst nehmen sollen. Ein Hoffnungszeichen, das wir am heutigen Abend gebührend feiern dürfen.

Michel Bollag ist Rabbiner in der Schweiz