Junge.Kirche 4/2017

 

Verantwortung angesichts eines nicht veröffentlichten Textes

Mehrere Jahre gab es an der Woltersburger Mühle die sogenannten Woltersburger Gespräche. Engagierte in der Palästina-Solidarität und Multiplikator/innen aus dem christlich-jüdischen Dialog haben versucht, über einen Schlagabtausch hinauszukommen, um gemeinsam einen Verständigungsprozess in Israel-Palästina zu stärken. Aus der Verarbeitung dieser Gespräche ist das vorliegende Heft der Junge.Kirche erwachsen.

Trotz des gemeinsamen Anliegens, auf das Unrecht der Besatzung Palästinas aufmerksam zu machen und die Suche nach Auswegen zu unterstützen, blieb das Gespräch schwierig. Beide Seiten wurden mit ihnen widerstrebenden Perspektiven konfrontiert. Eine der Irritationen war der Eindruck, dass in bestimmten israelkritischen Formulierungen traditionelle antisemitische Denkmuster wiederkehrten. Trotz dieser Irritation, die es im Verlauf der Gespräche von Anfang an gab, haben wir im Vorfeld der Herausgabe des Themenschwerpunktes „Israel/Palästina“ entschieden, solche Vorwürfe in der Junge.Kirche nicht zu veröffentlichen.

Die Beobachtung, dass Antisemitismen in der Kritik am Staat Israel auftauchen, ist nicht neu. Das „European Forum on Antisemitismus“ nennt als Arbeitsdefinition von Antisemitismus explizit auch Formen der Israelkritik. Genannt werden:

  • Das Abstreiten des Rechts des jüdischen Volkes auf Selbstbestimmung, z. B. durch die Behauptung, die Existenz des Staates Israel sei ein rassistisches Unterfangen.
  • Die Anwendung doppelter Standards, indem man von Israel ein Verhalten fordert, das von keinem anderen demokratischen Staat verlangt wird.
  • Das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit traditionellem Antisemitismus in Verbindung stehen (z. B. die Ritualmordlegende), um Israel oder die Israelis zu beschreiben.
  • Vergleiche der aktuellen israelischen Politik mit der Politik der Nationalsozialisten.
  • Das Bestreben, alle Juden kollektiv für Handlungen des Staates Israel verantwortlich zu machen.

Ein Gespräch über diesen Verdacht, dass mitten in einer politischen Argumentation plötzlich tiefsitzende judenfeindliche Denkstrukturen zum Vorschein kommen, ist uns nicht gelungen.

Wenn palästinensische Befreiungstheologen von Israel als „dem Imperium“ sprechen, ist das dann eine Dämonisierung, die die Menschen Israels hinter einem Feindbild verschwinden lässt? Oder: Wenn Israel als die Speerspitze des expandierenden, globalen imperialistischen Systems benannt wird, kehrt hier in abgewandelter Form das alte Denkschema wiederkehrt, dass in den Juden die Inkarnation allen Übels sieht? Spielt ein Begriff wie „Israellobby“, wenn öffentliche Räume für Palästina-Solidaritätsveranstaltungen verweigert werden, mit dem alten Mythos einer jüdischen Weltverschwörung und jüdischer Kontrolle über Medien, Wirtschaft und Regierung?

Es ist nötig, über solche Fragen ins Gespräch zu kommen, doch meine Erfahrung ist, dass der Vorwurf des Antisemitismus dieses Gespräch nicht eröffnet, sondern abbricht. Erhoben gegenüber Menschen, die sich gegen Ausgrenzung und für Frieden engagieren, stößt er auf Abwehr und Weghören beim Thema Antisemitismus. Angesichts der Gefährdung, die Antisemitismus für Juden und Jüdinnen auch in Europa nach wie vor darstellt, ist fatal, was passiert. Antisemitismus wird banalisiert (siehe dazu Michael Lerner, JK 3/2017,14–18).

Ich habe keine Lösung, wie der Dialog in dem schwierigen Konflikt zweier Solidaritätsgruppen sinnvoll geführt werden kann. Mir persönlich ist aber klar, dass der Vorwurf des Antisemitismus, wenn wir über Israel und Palästina streiten, fallen gelassen werden muss. Das erhebt uns nicht der Aufgabe, Räume zu schaffen, um über Antisemitismen auch im eigenen Kopf nachzudenken und sie zu bearbeiten.

Klara Butting

Leiterin des Zentrums für biblische Spiritualität und gesellschaftliche Verantwortung an der Woltersburger Mühle.
Sie ist eine der Herausgeber/innen der Jungen Kirche