Rolf Wischnath

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern

Eine adventliche Besinnung zu den Wundern Jesu

Was ist unsere Adventshoffnung? Dass die Nacht vorübergeht und der Tag kommt. Dass die Nacht nie mehr wiederkehrt und der Tag nie endet. Wann wird das sein? Es wird bald sein. Und wie spät ist es? Schon spät für die Nacht. Schon früh für den Tag. Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. Und was sollen wir tun? Nicht länger schlafen. Aufstehen. Den Anbruch des Tages nicht verpassen. Den Geschmack des kommenden Tages schmecken. Das Licht in der Nacht hüten und weitergeben.

Eine Gute-Nacht-Geschichte

Es gibt eine eher unbekannte Adventsgeschichte aus dem Neuen Testament: eine Nachtgeschichte, in der die Nacht vorgedrungen ist und der Tag nicht mehr fern. Es ist – sehe ich recht – die weitreichendste Advents- und Nachtgeschichte im Neuen Testament. Merkwürdig, ich habe mehr als ein halbes Jahrhundert in meinem Leben dafür gebraucht, sie zu entdecken:
Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu Jesus alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er heilte die vielen Kranken, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb die vielen bösen Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. Und in der Frühe, als es noch finster war, stand er auf und ging hinaus … (Markus 1, 32–35)

Diese kurze Erzählung ist eine Adventsgeschichte.

Den Kindern, die nicht wissen was das Fremdwort „Advent“ bedeutet, würde ich sagen: es ist eine Gute-Nacht-Geschichte, die beste Gute-Nacht-Geschichte der Bibel. Warum? Weil sie das Beste erzählt, was je in einer Nacht „und in der Frühe, als es noch finster war“ geschehen ist. Da geht ein Tag zu Ende. Es ist Samstag, Sabbat, Gottes und Israels Ruhetag, letzter Tag der Schöpfung Gottes, hier erster Tag der öffentlichen Wirksamkeit des Jesus von Nazareth. Es wird Nacht, es ist die Nacht vom Sabbat zum ersten Tag der Woche, die Nacht von Sonnabend auf Sonntag. Und eine ganze Stadt ist auf den Beinen: Kapernaum hat sich vor der Tür versammelt. Vor welcher Tür?

Und ER, der am Morgen in der Synagoge gepredigt, danach einen Wahnsinnigen und eine kranke Alte geheilt hat, er „half“ mitten in finsterer Nacht „vielen Kranken“. Hinter dem Wort „viele“ steht ein hebräischer Ausdruck, der meint: er half den „unzählig vielen“, nämlich „allen“ Kranken, allen, die es überhaupt gab und gibt. Am Morgen aber „noch in der Frühe“, also noch tief in Finsternis und Nacht, „steht er auf“ – ein besonderes „Aufstehen“ ist das, ein adventliches, ein österliches Auferstehen mitten im Leben, – „und ging hinaus …“ – hinaus zu dir und zu mir, hinaus zu all denen, die „draußen vor der Tür“ sind, ungeborgen, unbeheimatet, unbehaust. Dort ist er zu finden.

Eine gute Geschichte ist das – eben eine Adventsgeschichte oder eine „Gute-Nacht-Geschichte“. Sie steht bei Markus gleich zu Anfang, wo Jesus in der Welt ankommt. Und „ankommen“, „Ankunft“, das ist die deutsche Übersetzung für „Advent“, „adventlich“. Und bei diesem Advent Jesu geht es sofort ums Ganze: Wir verstehen diese Geschichte vom Evangeliumsanfang dann recht, wenn wir sie vom Ende, von der Vollendung des Evangeliums, von seinem letzten Kapitel her lesen: „Am Abend (dieses Sabbats) aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen“, heißt es zu Anfang. Und im letzten Kapitel des Markusevangeliums, Markus 16, steht: „Und als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala und die Maria des Jakobus und Salome (Toten-)Balsam (,Spezerei‘, übersetzt Luther), um hinzugehen – nämlich zum Grab des vorgestrigen Karfreitag – und ihn zu salben“, ihn, den Gekreuzigten, den Zerschlagenen, den in die Nacht und Stockfinsternis des Grabes Gelegten: Jesus von Nazareth, König der Juden.

Am Beginn seiner adventlichen Wirksamkeit in jener ersten Nacht nach dem Sabbat bringen sie zu ihm alle Kranken und Besessenen – und er half ihnen allen, Und dann: „… in der Frühe, als es noch finster war, stand er auf und ging hinaus …“ Am Ende, in jener letzten Nacht, erweckt Gott den Gekreuzigten aus der Nacht der Gottverlassenheit und des Todes, erweckt er ihn zum neuen, ewigen Leben, so dass es auch hier heißen mag: „Und in der Frühe, als es noch finster war, stand er auf und ging hinaus …“ So gibt Gott das, was der Welt, der todverfallenen, allein Licht in der Nacht und Grund aller Hoffnung ist: die Botschaft vom Advent Jesu, vom „Guten Morgen“ in Kapernaum und vom besten aller Morgen – vom Ostermorgen.

Wir verstehen die Wundergeschichten des Neuen Testaments dann recht, wenn wir sie allesamt begreifen als Adventsgeschichten. Als Geschichten der sich erhellenden Finsternis kommen sie uns vor, als Lichter, die uns den Advent gestalten lassen, indem sie uns das unvergleichliche Wunder der Osternacht vor Augen führen – in unserer Nacht „am Morgen noch vor Tage“ (wie Luther übersetzt). Es sind Geschichten, die uns allesamt zeigen, was Gott getan und zu tun versprochen hat:

Es sind Erzählungen, die uns den Blick öffnen für die adventlich auf uns zukommende Zukunft der Welt, die Zukunft Gottes. Wir müssen beachten, dass das deutsche Wort „Zukunft“ keine Übersetzung des lateinischen Futurum ist, sondern des Adventus. Adventus aber bezeichnet die Ankunft von Personen oder das Eintreffen von Ereignissen; im christlich aufgenommenen Wort „Advent“ schwingt der jüdische, messianische Klang der Hoffnung mit, d. h. die Sprache der Propheten und Apostel ist in dieses Wort gekommen. Und eben dieses Wort zieht ein in unsere Nacht, in eine Nacht, in der noch geweint und gelitten wird, in der Menschen Heimweh und Sehnsucht haben nach dem Tag und dem Licht, nach der Zeit, in der Krankheit und Tod, Beschädigung und Verletzung, Elend und Sterben nicht länger an die Türen klopfen.Wir hören diese eine Geschichte, und in ihr die anderen Heilungs- und Adventsgeschichten als Geschichten, in denen die Hoffnung auf die Zukunft und Ankunft Gottes, auf den umfassenden Advent Gottes, in welchem die Vollendung und die Auferstehung von den Toten geschehen und lebendig sind. Wir lassen uns diese Geschichten nicht ausreden.

Wir sind dazu da, um die Menschen in der Nacht – also auch uns selbst – daran zu erinnern, an eine große Hoffnung, die wir nicht preisgeben für das Linsengericht einiger Sättigungsbeilagen, die uns in der Nacht sattsam zugeführt werden.

Sechs Adventsgeschichten

  1. Die Adventsgeschichte von der Heilung des Taubstummen. Sie soll daran erinnern: Verstopfte Ohren macht der Ankommende frei. In all dem Lärm und Widerspruch der Welt ist dennoch seine Stimme, die Stimme des guten Hirten, des Siegers über den Tod zu vernehmen. Den Mund öffnet er, damit die, denen Stimme und Sprache genommen werden, sich selber artikulieren können, selber sagen, was Sache ist, selber den Mund aufmachen und die Zunge bewegen können – vor allem zum Lobe dessen, der uns Sprache und Stimme geschenkt hat, um ihn anzurufen, ihn zu preisen.
  2. Die Geschichte von der Heilung des Lahmen, den die Freunde in einer Hängematte durchs Dach gehievt und dem Nazarener vor die Füße gelegt haben. Es bezeugt uns, dass die Menschen zusammengehören und der Schwache die Hilfe der Starken braucht. In einer Gesellschaft, in der die Ellenbogen zum wichtigsten Körperteil geworden sind, in der die größten Heroen und Vorbilder die mit den geballten Fäusten sind, da erinnert die Gemeinde des Ankommenden an die geöffneten Hände, die ungeballt dem anderen gereicht werden: zur Versöhnung, zur Hilfe, zur Liebe, zur Verträglichkeit: mit einem Wort: zur Solidarität.
  3. Die Geschichte von der blutflüssigen Frau. Sie soll uns mahnen: Die Frauen sind nicht verdammt zur biologischen Zweitrangigkeit, nicht für alle Zeit bestimmt zur benachteiligten Existenz hinter dem Mann als eingebildeter „Krone der Schöpfung“. Der Sohn Gottes wurde von einer unmündigen Frau geboren. Er hat sich den Frauen in der patriarchalen Welt vorbehaltlos zugewandt. Eine von ihnen hat ihn zum Tode gesalbt. Auf seinem Weg zum Kreuz sind die Frauen, die Jüngerinnen weiter mitgegangen als die feigen Männer und Jünger. Und Frauen waren die ersten Zeuginnen der Auferstehung.
    Sie sind gleichberechtigt in dieser Welt. Ihre Diskriminierung muss ein Ende haben. So soll es schon heute sein – und erst recht, wenn der große Tag anbricht: Da ist weder Mann noch Frau, denn ihr seid alle eins und gleich in Christus Jesus.
  4. Die Geschichte von der Heilung des Blinden. Sie soll daran erinnern: Es wird nicht dunkel bleiben über denen, die im Finstern und der Verwirrung umherlaufen. Einer ist da, der die Augen heilt und öffnet für Klarheit und Wahrheit, für gute Erkenntnis, für Licht, in dem die Kinder des Lichts wandeln und leben sollen. Darum brauchen wir uns nicht zu verlaufen: Der Weg ist zu erkennen – und die Frage, wie es weitergeht, lässt sich beantworten.
  5. Die Geschichte von der Heilung des Besessenen und von der Dämonenaustreibung, die in Markus 1 so machtvoll bezeugt wird. Sie soll daran erinnern: Diese Welt gehört nicht dem Bösen und dem Irrsinn und der Depression. Auch wenn die irrsinnigen Teufeleien uns derzeit auch in unserem Advent so bedrängen: Hunger und Armut, Krieg und Terror, Mord und Waffen, Feuer und Wasser. Ja, uns bedrängt das alles so nicht so sehr wie es sein müsste. Wir sind oft nur innerlich beteiligte oder unbeteiligte Zuschauer. Aber es soll so nicht weitergehen. Im Licht des Advent steht diese Welt nicht unter einem dämonischen Fluch, der wie besessen fortwährend das Teuflische nur gebiert.
    „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre“ (1. Johannes 3, 8). Er tut es, er wird es tun.
  6. Die Adventsgeschichte vom Gichtbrüchigen. Sie soll daran erinnern, dass die Behinderten, die Alten, die nicht mehr gehen können, die Kleinen, die vielleicht nur zu stolpern vermögen, dazu gehören. Auch sie sind gleichberechtigt. Auch sie haben eine unaufgebbare Würde. Sie dürfen nicht über ihre Krücken definiert werden. Da ist einer, der sie wieder aufrichtet, dass sie allein gehen können. So haben sie in einer Gesellschaft, die sich gern über Jugend und Gesundheit und körperliche Schönheit und Unversehrtheit definiert, so haben gerade sie von Christus her ein gleiches Recht, gleiche Würde und gleichen Stand.

So wird es sein

Das sind die Wunder Jesu. „Adventstaten“ will ich sie hier nennen. Sie wollen nichts anderes, als das Wunder der Auferstehung des Gekreuzigten bezeugen, es in seiner Hoffnungsdynamik konkretisieren. Sie wollen die große adventliche Hoffnung auf die Auferstehung aller Toten und die Heilung aller Leiden ankündigen und verleiblichen mitten im alten Leben. Es ist immer wieder darauf aufmerksam zu machen: Von Jesus werden im Neuen Testament nicht irgendwelche auffälligen Krafttaten und Spektakelhandlungen erzählt, sondern vorwiegend Hilfeleistungen für Menschen – für Menschen, die so leiden, dass sie mitten im Leben aus der menschlichen Gemeinschaft und ihrer Solidarität zu fallen drohen. Es geht in diesen Wundern um einen Kampf gegen das, was Menschen leiden macht, was Gottes Schöpfung zerstört und sein Ebenbild entstellt und schändet.

Wir mögen als aufgeklärte Skeptiker an den Wunderberichten des Neuen Testaments zweifeln. Zweifel sind verständlich. Und auch in der Kirche sind sie vorhanden und erlaubt. Ob’s denn wirklich so geschehen ist? Oder waren die Geschichten nicht von Anfang an nur Geschichten? Ich meine:

Die Wundererzählungen der Evangelien sind Berichte, die erzählen wollen von etwas, was geschehen ist und die im historischen Wirken Jesu festen Anhalt haben. Am Anfang war nicht die Erzählung, sondern die Tat, die Tat Gottes in ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Aber diese Taten Gottes in ihm haben erst im Licht des Ostermorgens ihre literarische Gestalt gefunden. Als solche wollen sie uns nicht sagen, wie es faktisch war, sondern wie es einmal wird. So sind sie uns zu Adventsgeschichten geworden. Aus der Nacht-Geschichte zu Kapernaum ist die Gute-Nacht-Geschichte für alle Welt im Licht des Osterereignisses, im Schein des Osterzeugnisses geworden. Den damaligen Hörern und auch uns heutigen wollen solche Erzählungen gelten als Zeugnisse, die von Ostern her die Hoffnung wach halten und Kraft geben zum Widerspruch gegen die Leidens- und Todesrealität unserer Welt. Diese Bilder heißen uns hoffen, und sie zeigen an, dass Gott keinen Kompromiss schließt mit der menschlichen Not, mit Krankheit und Leiden, mit dem Tod. Sie zeigen, dass die Hoffnung auf Überwindung des Bösen und des Schmerzes einen Anker im irdischen Wirken des Jesus von Nazareth hat, dass aber die Erfüllung
dessen noch aussteht, was das Evangelium uns adventlich hoffen heißt.

Die geschehenen Heilungen und Wunder und ihre erzählten Bilder sollen uns vor Augen halten, dass zur Hoffnung auf den kommenden Advent Jesu Christi gehört:

  • die Heilung des Leibes,
  • die umfassende Rekultivierung der Schöpfung Gottes,
  • die Vergebung der Sünden,
  • die Aufhebung der Ächtung des Menschen und ihres Elends,
  • die Beendigung allen Unrechts,
  • die Beseitigung des Skandals der wenigen Reichen im Angesicht der vielen Armen und Hungernden in dieser Welt.

Gott wäre nicht Gott, und der Auferstandene wäre nicht auferstanden, wenn diese Hoffnung im kommenden Advent nicht so konkret und handgreiflich von dem erfüllt werden würde, der schon einmal zu seinem ersten Advent gekommen ist und nun in seinem zweiten Advent hoffentlich bald kommen möchte.

Schaut hin …

Nach dieser Erfüllung sehnen wir uns. Und sie wird kommen von IHM her. Darum muss sich niemand übernehmen. Und keiner muss verzagen, wenn er es in seinem je besonderen Leben immer nur zu Halbleistungen bringt. Das Vollkommene, das Ganze zu erreichen, ist uns abgenommen. Es wird kommen – ohne uns, aber für alle. Dass wir uns jedoch mit den Halbleistungen nicht abfinden und begnügen, dass wir uns die Hoffnung auf das Ganze und Vollkommene des Reiches Gottes nicht ausreden lassen, dass wir die Feder in der Uhr unserer alltäglichen Miseren dennoch gespannt halten – darauf kommt es an: im Advent. Und das gelingt, wenn wir unsere Herzen und unsere Blicke immer wieder erheben: hin zu dem, der den Tod besiegt und seine Helfershelfer geschlagen hat. Schaut hin. Schaut überall da, wo es mit der Heilung und dem Trost beginnt, schaut, wie leibhaftig er siegt und wie sie geschlagen und beschämt und geduckt sind: die Helfershelfer des Todes, seine Schergen und Grabeswächter! Sie werden einmal ganz und gar verstummen und überwunden werden. Denn dieser Auferstandene wird unser aller Morgen und Übermorgen bestimmen, so wie er unser Heute und unsere Vergangenheit schon jetzt adventlich in seiner Hand hält.

Rolf Wischnath
Pastor und Honorarprofessor für Systematische Theologie
an der Universität Bielefeld