Graciela Chamorro

Professorin für die Geschichte der indigenen Völker an der Universität in Dourados/Brasilien

Eine Stimme aus dem Süden

Vortrag der Feministisch-theologischen Basisfakultät auf dem 5. DEKT in Dresden.

Ortbestimmung

Ich bin in einer armen Familie in Paraguay geboren und musste seit meiner Kindheit arbeiten. Meine Mutter gab mir die Hartnäckigkeit für das Überleben mit, eine realistische Sicht auf das Leben und ein tiefes Mitgefühl für diejenigen, die leiden. Von meinem Vater habe ich seine Wut und seine Unzufriedenheit gegen die soziale Ungerechtigkeit in unserem Land geerbt. Ich habe von ihm auch die Hoffnung mitbekommen, dass in unserer Generation endlich die Revolution stattfinden würde, die in seiner gescheitert war. Ich bin unter großem Aufwand zur Schule gegangen. Nach jedem Schuljahr erlebte ich dieselbe Unsicherheit: Ob ich wohl im folgenden Jahr wieder zur Schule gehen könnte?

Aber ich habe das Abitur gemacht, und dank der Unterstützung zweier Frauen aus der Kirchengemeinde, zu der ich gehörte, ging ich nach Brasilien, um zu studieren.

Bis ich mit dem Studium fertig war und eine Arbeit hatte, erlebte ich einige Male den bitteren Geschmack der Armut und eine gewisse Scham und Ausgrenzung, weil ich keine ausreichenden Ressourcen hatte. Aufgrund dieser Erfahrungen habe ich in meiner Erinnerung die unterschwellige Botschaft anderer behalten, dass „Armut eine Folge der mangelnden persönlichen Kompetenz“ sei. Auf der anderen Seite, wenn ich in der Satteltasche meiner Kindheit und Jugendzeit etwas suche, so finde ich dort auch eine große Zufriedenheit: Mut, Kreativität, Optimismus, Solidarität, Altruismus und einfache Formen, das Leben zu genießen.

Nach verschiedenen Tätigkeiten an verschiedenen Orten Brasiliens hatte ich (von 1999 bis 2005) das Privileg, sechs Jahre in Deutschland als Studienleiterin in der Missionsakademie zu arbeiten.

Zurück in Brasilien habe ich nach einigen Monaten, die mir die Erfahrung des Arbeitslos-Werdens einbrachten, eine Stelle an der Universität gefunden, wo ich zurzeit arbeite. Also habe ich seit einiger Zeit eine relativ gut bezahlte Arbeit. Meine gesellschaftliche Arbeit hält mich in Verbindung mit vielen Einzelpersonen und Familien, die aus dem wirtschaftlichen System ausgeschlossen sind. Vor allem bin ich verbunden mit den indigenen Völkern, die am stärksten von der Privatisierung des Reichtums der Welt betroffen sind. So behalte ich ein Gefühl des Einklangs mit den Armen und mit ihrer Fähigkeit, Widerstand zu leisten, zu überleben und das Leben zu würdigen.

Ich lebe in Dourados, einer Stadt, deren wirtschaftlicher Erfolg auf dem Prinzip der Monokultur basiert. In den vergangenen fünfzig Jahren ist die Region, in der ich wohne, fast vollständig abgeholzt worden. Eines der fruchtbarsten Gebiete der Erde hat die Spieler des großen Agrobusiness noch reicher gemacht, Tausende von verarmten Kleinbauern und -bäuerinnen noch ärmer, und Zehntausende von indigenen Frauen und Männern wurden aus ihren traditionellen Lebensräumen vertrieben oder auf die kleinen Flächen der sogenannten „Reservate“ beschränkt.

Das Ergebnis ist, dass wir heute unter den indigenen Völkern die ungerechtesten Lebenssituationen in Brasiliens vorfinden. In den Reservaten verhindert die enorme Konzentration der Bevölkerung sogar, dass die Menschen intime oder private Räume besitzen. Dies macht das Leben an diesen Orten vergleichbar mit dem Leben in einem Getto.

Der Anstieg der internen Konflikte, Alkoholismus und hohe Suizidraten sind die Folgen. Um solchen Situationen zu entkommen, verlassen viele Familien die Reservate und machen sich auf die Suche nach neuen Lebensorten. Sie gehen an den Rändern der Autostraßen entlang und nähern sich real und symbolisch ihrer Heimat. Sie berühren die Zäune, durchschneiden den Draht und betreten das Land. Sie werden vertrieben.

Dann kehren sie zurück an die Straßenränder und bauen auf diesem schmalen Streifen, der niemandem gehört, ihre Zelte aus Kunststoffabfällen, Totholz und Stöcken auf. Sie leben mitten in der eintönigen Landschaft der Monokultur, die Rinderfleisch, Soja und Zuckerrohr produziert, welches in Mühlen zu Agrotreibstoffen verarbeitet wird, und kämpfen um das Land, das das Land ihrer Großeltern war.

Währenddessen kann ich die monatlichen Raten unseres finanzierten Hauses bezahlen, ein Auto für die Familie haben, jedes Jahr für ein paar Urlaubstage verreisen, eine Haushaltshilfe anstellen, private Kranken- und Rentenversicherungen bezahlen, Haustiere haben, eine private Schule für die Tochter zahlen, etc. Und eines darf nicht vergessen werden: Ich habe eine Kreditkarte. Von diesem Ort aus frage ich mich: Wie kann ich die Option Gottes für die Armen in die aktuelle Situation meines Lebens integrieren?

Nicht kapitalistisch leben in einer kapitalistischen Gesellschaft

Wie leben wir die Option Gottes für die Armen? Als „wir“ bezeichne ich hier ehemalige Mitstudentinnen und Mitstudenten und meine heutigen Arbeitskolleginnen und -kollegen, in der Universität.

Mit dem Gehalt, das meine Kolleginnen bzw. Kollegen und ich verdienen, können wir endlich einiges verwirklichen: den Traum von einem eigenen Haus oder von einer Wohnung, ein besseres Auto fahren, den Kindern eine gute Ausbildung ermöglichen, das Lebensprojekt eines Verwandten unterstützen, den Schwestern, Schwägerinnen oder anderen Frauen finanziell helfen, weil sie unsere Eltern pflegen oder gepflegt haben, die Existenz einiger Menschen zu ermöglichen, deren Geschichte wir kennen und schätzen. Das heißt, wir sind mit Menschen verbunden, die uns nah sind und die nicht weiter gekommen sind, und wir versuchen, mit ihnen, als Zeichen von Solidarität und Dankbarkeit, unser Guthaben zu teilen. Wir sind auch aktiv in sozialen Initiativen, z. B. für die Erhaltung von einer solidarischen Wirtschaft und für die Gründung einer Verbraucher-Kooperative.

Als Dozentin für Indigene Geschichte habe ich ein Gefühl der Verantwortung für die mehr als 40 000 einheimischen Guarani und Kaiowá. Zusammen mit anderen Kolleginnen und Kollegen arbeite ich in der akademischen Ausbildung der indigenen Lehrer und Lehrerinnen an der Universität, mache historische und anthropologische Studien über Landrechtsfragen in indianischen Gebieten.

Ein großer Teil dieser Arbeit machen wir nicht, weil es unser Job ist, sondern wegen unserer menschlichen Verpflichtung. Und wir unterhalten auch mit unserem eigenen Geld dieses Engagement.

Wir können nicht anders. Aber die Versuchung ist da. Menschen, die besser verdienen, möchten nicht nur ein eigenes Haus und ein Auto haben, sondern auch Besitzer und Besitzerin weiteren Eigentums werden. Die Versuchung entsteht, in den Teufelskreis des Konsums zu geraten oder das Geld als „mehr Wert“ in der Bank aufzubewahren oder es zu investieren, um noch mehr Geld zu verdienen. Hier entsteht die Idee, dass wirtschaftliches Wachstum unbegrenzt sei. So habe ich das Gefühl, dass die Macht des Geldes unsere Ideale, unsere Vorstellungskraft, unsere Theologie und unseren Wortschatz unterwandern kann. Man redet kaum noch über Kapitalismus. Es ist, als ob wir vor dem wirtschaftlichen Markt kapitulierten, in dem Moment, in dem wir Zugriff auf die Mittel für unsere Integration in das System erworben haben. Kann uns der Wohlstand besiegen? Diese Frage betrifft nicht nur bestimmte Familien, sondern auch die Ausrichtung eines Landes, einer Kirche und der menschlichen Gesellschaft. Das Bundesland, in dem ich lebe, Mato Grosso do Sul, entwickelte sich mit dem Aufkommen von Agrotreibstoffen zu einem Investitions-Mekka der reichsten Menschen und Länder der Erde für die Herstellung von Ethanol. Im Jahr 2007 betrug die mit Zuckerrohr bedeckte Fläche 192 000 Hektar, im Jahr 2009 erreichte sie 490 000 Hektar, und im Jahr 2012 wird die Fläche der Zuckerrohr-Plantagen voraussichtlich 1 Million Hektar betragen. Viele Menschen meiner Generation sind fasziniert von dieser wirtschaftlichen Entwicklung Brasiliens und erkennen nicht, dass sie die Grundlagen unserer Existenz zerstört. Überall höre ich Stimmen, dass Brasilien bald eines der mächtigsten Länder in der Welt sein wird. Was wird das für unsere Spiritualität und Theologie bedeuten? Was machen wir mit unserer Utopie? Kapitulieren? Das möchte ich nicht. Aber ich sehe einen Mangel an Kreativität: an Kreativität, in einem kapitalistischen System auf eine nicht kapitalistische Weise mit dem – privaten – Geld umzugehen. Ich sehe einen Mangel an grundsätzlicher Kritik am wirtschaftlichen Wachstum. Ich spüre die Schwierigkeit, sich das Leben heute mit Wörtern wie „kollektiv“, „zusammen“, „soziales Eigentum“ vorzustellen. Ich spüre oft ein Loch im Magen, ein wachsendes Gefühl der Unruhe.

Eine befreiende Theologie ausgehend vom Wohlstand

Eine Frau aus meiner Gemeinde hat mir einmal erzählt, dass sie als junges Mädchen von einer Geschichte traumatisiert wurde, die ihr die Nonnen in der Schule über Gottes Option für die Armen erzählten. Sie hatte Gewissensbisse, wenn die Geschäfte ihrer Eltern gut liefen. Wenn z. B. die Sojaernte ertragreich war, glaubte sie, dass Gott sie dafür bestrafen würde. Sie sagte mir: „Ich will nicht, dass mein Sohn mit einem schlechten Gewissen aufwächst. Ist der Reichtum nicht vielmehr ein Segen Gottes, Frau Pfarrerin?“ Was diese Frau mir damals sagte, machte mich sehr nachdenklich:

Wann und für wen ist die „Ernte“ ein Segen Gottes? Was sollte die Botschaft des Evangeliums für die Reichen sein, wenn Gottes Option die Armen sind?

Ich bin mir sicher, dass wir eine Theologie des Wohlstands (teología de la prosperidad) von einer befreienden Theologie, die vom Wohlstand ausgeht, unterscheiden müssen. In Lateinamerika, und hier besonders in den neu heranwachsenden Kirchen, wird oftmals eine „Wohlstandstheologie“ verkündet, die lehrt, dass der Reichtum ein Segen Gottes ist und ein Beweis für die Frömmigkeit des Gläubigen.

Somit sind die Menschen permanent vor die Herausforderung gestellt, einen Zugang zu jenem „Segen“ zu erlangen. Diese Theologie ist alles andere als befreiend, weil sie die armen Gruppen der Gesellschaft abwertet.

Ich glaube aber, dass eine befreiende Theologie ausgehend vom Wohlstand möglich ist, indem sie den Wohlstand als etwas betrachtet, das Grenzen hat, das inklusiv ist bzw. sein muss, das gemeinschaftliche Aktionen vorantreibt und einen schöpferischen Geist hervorbringt. Sie soll kleine, aber dennoch symbolisch subversive Aktionen antreiben; sie soll andere Formen eines befreienden Gemeinschaftssinns anzeigen: Einkäufe in Genossenschaften, die eine bessere Bezahlung für das Personal gewähren, insbesondere eine Bezahlung, die über dem gesetzlichen Mindestlohn liegt; Unterstützung von solidarischen Wirtschaftsformen und ökologischer Produktion. Unbedingt notwendig in meinem Kontext ist das Eintreten und die Verteidigung sozial schwächerer oder unterdrückter Personen und Gruppen: die indigenen Völker, Kinder und Waisenkinder, politische Flüchtlinge und arme Migrantinnen und Migranten aus anderen lateinamerikanischen Staaten. Nichts von dem ist neu.

Aber es wäre gut, wenn wir diesen Erfahrungen mehr Visibilität geben würden, wenn sie unsere Lebensformen, unsere Gottesdienste und unsere Spiritualität wirklich verändern würden, und wenn sie in der Theologie ernsthaft aufgenommen werden würden. Außerdem ist es äußerst wichtig, dass wohlhabende Menschen und Gruppen sich einer Kultur des kollektiven Handelns im Sinne des Gemeinwohls verpflichten. Wir wissen, dass das bei weitem nicht selbstverständlich ist.

Auch sollen solche Aktionen von einer radikalen Kritik am System begleitet werden, das Ungerechtigkeit schafft. Das Leben zu ändern, heißt, die Lebensweise, das „System“ zu ändern. Der wirtschaftliche Markt ist ein politisch-religiöses System, zu dessen Prinzip es gehört, „all das den Menschen zu nehmen, was sie haben, und sie das wünschen zu lassen, was sie nicht haben“ (E. Viveiros de Castro). In einer ökologisch-theologischen Gleichung geht es um die Gegenüberstellung der unbegrenzten Unersättlichkeit menschlicher Wünsche auf der einen und den begrenzten Mitteln, um diese zu erfüllen, auf der anderen Seite. Gegen diese „Theologie der Bedürfnisse“ gilt es, einer Praxis der Genügsamkeit Raum zu verschaffen. Gegen die Welt, in der „alles gebraucht, aber nichts ausreichend ist“, gilt es, „einer Welt, in der sehr wenig gebraucht und fast alles ausreichend ist“ Raum zu geben. Dies führt uns zu einer schöpferischen Spiritualität.

Entgegen der Logik des Fortschritts ohne Limit, der die Welt in Wohlhabende und Arme aufteilt, rufen wir den Sabbat aus und genießen das Leben. Wir öffnen das Haus, teilen den Tisch, kosten ein besonderes Gericht, lassen uns bedienen, dienen selbst, singen, spielen, lachen, beten, entspannen, feiern, lieben und sehnen uns … und gönnen uns Momente der physischen und psychischen Ruhe und Erholung und Zeit für Kreativität.

Wir verkünden das große eschatologische Festessen. Und dann fragen wir weiter: Wie verhalten sich die Kirchen dem wirtschaftlichen Markt (Kapitalismus) gegenüber? Was ist ihre Option? Wo bewahren sie ihre Gelder auf? Bei welcher Bank? Das ist das Entscheidende: Wo befindet sich das Eigentum? Solange wir das Eigentum der Menschen nicht berühren, können wir von Ökologie, Spiritualität, Geschichte, Bibel und sogar Gender sprechen, und wir werden uns unterhalten. Meiner Meinung nach herrscht ein absoluter Mangel an Kreativität in der Führung und Organisation kirchlicher Institutionen. Es scheint, als ob die Kirchen glauben, dass der Markt (die Wirtschaft) allein sie retten könnte. Somit verlieren sie die Botschaft des Evangeliums vollends aus dem Blick.

In diesem Sinne: Wie bewältigen die Kirchen (und die betroffenen Personen und Institutionen) ihre Krise? Sind sie kreativ, schöpferisch, nachhaltig oder folgen sie der Marktwirtschaft und lassen sich von dem Kapitalismus leiten?

Literatur
Viveiros de Castro, Eduardo. Entrevistas. In: Sztutman, Renato (Hg). Encontros. Rio de Janeiro, Beco do Açougue (Verlag). 2008. 261p. Chamorro, Graciela. 2011. Imagens espaciais utópicas. Símbolos de liberdade e desterro nos povos guaraní. In: Indiana (27): 79–107. Berlin, Ibero-Amerikanisches Institut.

Claudia Janssen

apl. Professorin für Neues Testament in Marburg und Studienleiterin des FSBZ, Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD/Comenius-Institut, Hofgeismar

Eine Stimme aus dem Norden

Vortrag im Rahmen der Feministisch-theologischen Basisfakultät auf dem 5. DEKT in Dresden.

„Genieß das Leben alle Tage“

Ich möchte Sie einladen auf eine Zeitreise in die Mitte des ersten Jahrhunderts nach Korinth. Auf dem Markt in Korinth ist alles zu sehen, zu riechen, zu schmecken – Früchte, Gemüse, Gewürze. Es wird gehandelt, gefeilscht, gekauft. Paulus genießt die Farben, die Vielfalt, die Fülle. „Die Erde gehört der  Ewigen – und ihre ganze Fülle“, diese Psalmworte kommen ihm in den Sinn (1. Korinther 10,26; vgl. Psalm 24,1). Der ganze Reichtum der Schöpfung Gottes ist hier an den Ständen ausgestellt. „Ihr könnt alles essen, was auf dem Markt angeboten wird, ohne eure Verantwortung anderen gegenüber sorgfältig abzuwägen“, schreibt er (V.25).

„Wenn euch Leute einladen, die nicht an den Gott Israels glauben, und ihr hingehen möchtet, esst alles, was euch vorgesetzt wird, ohne eure Verantwortung sorgfältig abzuwägen.“ (V.27) Genießt das Leben alle Tage, die Fülle, denn sie kommt von Gott. Die Erde gehört Gott und alles, was darauf ist. Und gleichzeitig gilt für ihn ein anderer Satz: „Alles steht mir frei – aber nicht alles fördert.“ (V.23) und er führt ihn fort: „Niemand sollte nur im Blick auf sich selbst entscheiden, sondern auch auf die Mitmenschen achten.“ (V.24) Auch beim Einkaufen gilt es, sich der Verantwortung anderen gegenüber bewusst zu sein. Die eigene Freiheit wird von der Verantwortung anderen gegenüber bestimmt (V.29). In Korinth war das Problem, ob das Fleisch, das fremden Gottheiten geopfert wurde, gegessen werden durfte oder nicht. Paulus hat im Prinzip nichts dagegen. Doch in dem Moment, in dem andere dadurch in ihrem Gottvertrauen erschüttert werden, isst er lieber kein Fleisch. Diese Reise in die Vergangenheit führt mich direkt in meinen eigenen Alltag zurück.

Ich genieße mein Leben sehr. Ich genieße es, in Marburg in einer sehr schönen Wohnung in einer ruhigen angenehmen Umgebung zu leben, in unserem Garten in der Erde zu wühlen, die Farben und Düfte einzuatmen, und jedes Mal beschenkt nach Hause zu fahren, mit Blumen, Kräutern, Gemüse.

Ich freue mich oft daran, dass ich ein so reiches Leben habe.

Ich habe das Privileg, einen Beruf zu haben, durch den ich mit vielen Menschen zusammen komme, die ich unterrichte, für die ich schreibe, mit denen ich zusammen lernen, nachdenken, Erfahrungen austauschen, kämpfen und feiern kann.

Oft denke ich, dass ich mir mein Leben in einer Nische gut eingerichtet habe, wenn ich mir klarmache, dass es anderen nicht so gut ergeht. „Die Erde gehört der Ewigen – und ihre ganze Fülle“, manchmal muss ich mir es selbst deutlich sagen, dass es erlaubt und gut ist, mein Leben zu genießen.

Denn die Fülle stammt von Gott. Allzu oft aber wird mir der schwankende Boden meines Lebens bewusst, die Verantwortung anderen gegenüber und dazu die Unsicherheit, die ich auch selbst in allem spüre. Denn natürlich gehört zu meinem Leben auch eine andere Seite, eine dauerhafte Überforderung, erschöpfende Strukturdebatten, permanent unterwegs sein … Und ich weiß, dass es nicht nur die viele Arbeit ist, die mich unter Druck setzt, sondern vor allem die unsichere Perspektive, eine befristete Stelle zu haben, die in zwei Jahren ausläuft, ohne zu wissen, ob es dann meinen Arbeitsplatz, das Frauenstudien- und -bildungszentrum in der EKD (FSBZ) noch so gibt, wie es jetzt ist.

Vor vier Jahren, bevor ich meine aktuelle Stelle angetreten habe, war ich ein halbes Jahr lang arbeitslos.

Das war für mich eine quälende Zeit, in der mich vielfältige Ängste bedrückt haben, die Unsicherheit, nicht zu wissen, was mit mir wird:

irrationale Ängste, und reale wie die Sorge vor Altersarmut, Krankheit und das Gefühl, dem Arbeitsamt ausgeliefert zu sein, von anderen bestimmt zu werden. Ich weiß, dass es vielen anderen auch so geht – und über längere Zeiten, als es bei mir der Fall war.

Ich sehe es an mir selbst, dass ich unsicher bin, ob ich mit meinem Geld, das ich im Moment in ausreichendem Maße verdiene – sogar mehr als ich eigentlich brauche – Projekte unterstützen kann, ob ich es spende. Ich kann mich kaum dafür entscheiden, eine weitere langfristige Rentenversicherung abzuschließen, weil ich nicht weiß, ob ich in zwei Jahren noch die Beiträge aufbringen kann.

Diese Unsicherheit verengt den Blick. Und ich muss mich oft daran erinnern, mich nicht davon bestimmen zu lassen, mich jetzt schon arbeitslos und ungesichert zu sehen, obwohl das frühestens in zwei-drei Jahren der Fall sein könnte. Und selbst dann wäre es relativ. Ich bin sehr gut ausgebildet und werde wieder etwas finden.

Ich will mich nicht anstecken lassen von den Abstiegsängsten des Mittelstands, die zwar auf realistischen Hintergründen beruhen, aber auch bewusst geschürt werden. Echte Solidarität wird auf diese Weise politisch und medial verhindert – das ist gewollt. Die Angst um die eigene Zukunft macht eng. Wir schauen nicht mehr hin auf die echte Not in dieser Gesellschaft – aus Angst, dass es uns auch so ergehen könnte. So können immer mehr Sozialleistungen gekürzt werden, ohne großen Protest – so paradox das auch ist. Je mehr Menschen sich um ihre Zukunft sorgen, desto leiser werden die Stimmen.

Ich gehöre nicht zu den von Armut Bedrohten dieser Gesellschaft – so ungewiss mein beruflicher Weg auch ist. Ich besitze einen großen Reichtum an Geld und Fähigkeiten. Damit möchte ich verantwortlich umgehen.

Wie lebe ich meine Option für die Armen?

Ich bin Radfahrerin und besitze bewusst kein Auto, ich hatte noch nie ein eigenes. Wenn wir eines brauchen, nutzen wir car-sharing. Bei unseren lokal eigenständig organisierten Stadtwerken beziehen wir den Ökostromtarif – und ich freue mich immer, wenn ich überall auf öffentlichen Gebäuden „unsere“ Solaranlagen sehe. Ich bin nicht in allen Bereichen wirklich konsequent, so fliege ich auch ab und zu mit dem Flugzeug in den Urlaub.

Ich achte aber darauf, dass es nicht so häufig ist und gleiche dann die Emissionen bei Atmosfair aus. Mit dem Geld, das ich als Ausgleich für meinen CO2-Verbrauch zahle, werden an verschiedenen Orten auf der Welt Klimaschutzprojekte gefördert.

Ich bin seit langem Vegetarierin und kaufe, wenn es irgendwie möglich ist, ausschließlich ökologisch produzierte und fair gehandelte Produkte. Ich achte darauf, sie entsprechend der Jahreszeit einzukaufen, mit möglichst regionaler Herkunft. Ich habe das große Glück seit etwa 10 Jahren in einer Genossenschaft einkaufen zu können, in einem Mitgliederladen. Er heißt Onkel Emma, weil er ursprünglich von drei jungen Männern gegründet wurde. Mittlerweile arbeiten dort fünf Frauen und Männer. Wir bezahlen für unseren 2-Personenhaushalt 30 Euro im Monat, die für die Gehälter und Raummiete verwendet werden und können dann für den Einkaufspreis dort kaufen. Es ist eine gute Kombination aus Food-Coop und Bioladen.

Mir gefällt vor allem, dass diejenigen, die dort verkaufen, und die, die dort einkaufen, politisch denken und mit ihrem Konsumverhalten verantwortlich umgehen wollen. Meine Option für die Armen bedeutet, dass ich mehr Geld als der Durchschnitt für ökologisch angebaute regionale Nahrungsmittel und für fair produzierte und gehandelte Kleidung ausgebe. Die Option, für die Armen in einem der reichsten Länder der Erde zu leben, heißt hinzusehen, die globalen und regionalen Zusammenhänge auf das eigene Leben zu beziehen.

Gibt es eine befreiende Theologie des Wohlstands?

„Die Erde gehört der Ewigen – und ihre ganze Fülle“, mit diesen Worten aus Psalm 24 drückt Paulus aus, wie sehr er sich über die Schönheit der Schöpfung und ihre Fülle freut. Was macht die Fülle und die Schönheit des Lebens aus? Ich finde es sehr wichtig, dass wir uns als Gesellschaft darüber verständigen, was für uns Wohlstand bedeutet.

Wirtschaftliches Wachstum darf nicht länger als der alleinige Maßstab gelten, auch wenn dieses mit erneuerten technischen Entwicklungen ermöglicht werden soll. Es muss eine Wirtschaft ohne Wachstum entwickelt werden, denn unsere Ressourcen sind begrenzt. Woran messen wir Glück und Zufriedenheit? ist die drängende Frage. Wir dürfen nicht auf die große Politik warten, damit diese Debatte gesamtgesellschaftlich angestoßen wird. Wir sind dran – als Kirche, als Frauen und Männer, die Verantwortung für die Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Generationengerechtigkeit und der Schöpfung übernehmen. Nehmen wir unsere Rolle auch hier als Wutbürger/innen ernst, ein Begriff, der in diesem Zusammenhang wirklich angemessen ist. Die Frage, was Wohlstand bedeutet, weitet den Blick auch auf die, die an diesem nicht teilhaben können. Das bedeutet konkret:

  1. Armut in der Gesellschaft ist unsere Verantwortung.
  2. Dass der öffentliche Nahverkehr ausgebaut wird, ist in unserer Verantwortung.
  3. Dass Massentierhaltung abgeschafft und ökologische Landwirtschaft gefördert wird, ist unsere Verantwortung.

Das sind drei zentrale Punkte für eine befreiende Theologie im Wohlstand. Die Frage, gibt es eine befreiende Theologie des Wohlstands? muss ich nach langem Überlegen mit „Nein“ beantworten. Vielleicht kann es aber eine befreiende Theologie im Wohlstand geben, wenn wir alle zusammen daran arbeiten, wenn wir Reichen uns gegenseitig ermutigen, immer weitere Schritte zu gehen. Ich merke an mir selbst, dass ich bereit bin, auf vieles zu verzichten oder mich einzusetzen, wenn ich einen Sinn darin sehe und es mit anderen zusammen mache. Ich werde aufmerksamer und empfindlicher, wenn ich ermutigt werde hinzuschauen und ich dann mit meiner Hilflosigkeit nicht allein dastehe. Armut ist menschengemacht.

Armut ist von uns gemacht. Die Analyse wächst mit der Praxis. Und auch der Mut wächst mit der Praxis. Handeln wir nicht erst, wenn es zu spät ist! Handeln wir jetzt!

Wir haben als Kirche die Verantwortung und die Möglichkeit, Veränderungen zu bewirken. Ich wünsche mir, dass wir uns gegenseitig dazu ermutigen, gerecht zu leben. Dass wir gemeinsam dazu beitragen, dass die Fülle, die die Ewige schenkt, allen offen steht.