Gerdi Nützel

Shared Space:
die Teilung des öffentlichen Raumes zwischen verschiedenen Religionen

Wenige Wochen vor dem neunten Jahrestag der Anschläge in den USA am 11. September 2001 brach im letzten Sommer ein heftiger Streit aus, ob einige Straßenzüge von dem Ort der zerstörten Twin Towers entfernt ein muslimisches Gemeindezentrum gebaut werden sollte.

In der Zeitschrift News Week stellte eine jüdische Journalistin die gegensätzlichen Optionen zweier katholischer weißer Sozialarbeiterinnen dar, die beide ihren Sohn bei dessen Einsatz als Feuerwehrmann am 11. September 2001 verloren hatten. Während die eine Mutter das Gelände der ehemaligen Twin Towers als eine Art nationales Kriegsdenkmal gestalten wollte, in dessen Nähe kein Platz für anderes sein sollte, befürwortete die andere Mutter den Bau des muslimischen Gemeindezentrums als eine symbolische Brücke zu allen trauernden Müttern weltweit und als einen Ort, an dem das Gedächtnis an ihren Sohn lebendig gehalten würde.

Die Prämissen hinter den konträren Positionen beider Mütter fanden sich auch in den in der Öffentlichkeit und in den Medien mit großer Heftigkeit ausgetragenen Diskussionen wieder. Denn während die einen in diesem Vorhaben eine Bedrohung der amerikanisch-christlichen Identität und eine Entweihung des „heiligen Ortes“ Ground Zero sahen, verstand der New Yorker Bürgermeister die staatliche Baugenehmigung als Beweis für das amerikanische Prinzip der Trennung von Staat und Religion. Die Direktorin Daisy Khan der muslimisch interreligiös engagierten Organisation, die den Bau des Cordoba House plante, betonte, dass dies ein Ort werden sollte, um die Wunden zu heilen und um Erfahrungen mit einem Islam zu machen, der voll in die amerikanische Gesellschaft integriert ist. Sie formulierte die Herausforderung des Cordoba House im Blick auf die Idee von Shared Space folgendermaßen: „Wenn das Cordoba House eine Provokation ist, dann, weil es eine sichtbare Präsenz von Menschen muslimischen Glaubens in der Mitte der amerikanischen Gesellschaft fordert. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, was sozialer Raum bedeuten soll und wie wir diesen Raum mit unseren Nachbarn teilen.“ (FR 5. 8. 2010)

Exklusiv oder inklusiv

Auch in Deutschland brandeten in den letzten Jahren wiederholt Konflikte um die Kriterien für eine Teilung des öffentlichen Raumes zwischen verschiedenen Religionen auf, sei es beim Bau repräsentativer Moscheen wie in Köln, sei es bei Diskussionen um die Gestaltung gemeinsamer Räume in öffentlichen Gebäuden wie Flughäfen, Schulen oder Krankenhäusern oder im Blick auf die Umwidmung christlicher Kirchen infolge des Rückgangs von Mitgliedern und Finanzen. Dabei machen Untersuchungen der Moscheebaukonflikte deutlich, dass es einerseits um Kriterien für die Teilung des physischen Raumes geht, wenn die Höhe von Minaretten, die Nähe zu christlichen Kirchen, ein exponierter Standort mit Einfluss auf die Ortssilhouette diskutiert wird. Andererseits spielen aber auch symbolische Faktoren wie Dominanz-, Identitäts- und Anerkennungskonflikte eine wichtige Rolle. Letztlich entscheidend ist die Frage, wie angesichts des Auftretens neuer religiöser Akteure im öffentlichen Raum diese Pluralisierung des gesellschaftlichen und damit auch religiösen Lebens bewertet wird. Geschieht dies mit exklusiven Tendenzen, also mit dem Ziel des Ausschlusses der Anderen zumindest aus dem öffentlichen Erscheinungsbild, oder mit inklusiver Haltung im Sinne einer Befürwortung eines komplexeren Spektrums, mit der Offenheit für eine Bereicherung durch Glaubensgeschwister? Die Plakatüberschriften im Streit um einen Moscheebau in dem von einer christlichen Minderheit bewohnten Ortsteil Heinersdorf in Berlin-Pankow machen die Differenz beider Positionen deutlich.

So betitelten die Moscheebaugegner ihre Plakate mit dem exkluvistischen Leitmotiv „Die Kirche im Dorf und die Moschee in Istanbul lassen“, während die von einem Vertreter der Stiftung Weltethos moderierte Diskussion unter dem Motto „Der Himmel geht über allen auf. Neue Gotteshäuser in unserer Nachbarschaft“ stattfand. Unbestritten ist jedenfalls in der verfassungsrechtlichen und auch kirchenrechtlichen Diskussion, dass Grundlage für die deutsche Situation Artikel 4 des Grundgesetzes ist. Dieser sichert die Realisierung der positiven wie negativen Religionsfreiheit individuell und kollektiv zu.

Mein Traum –
der multikulturelle Marktplatz

Kirche und Moschee stehen sich gegenüber, dazu kommt in dunklen Rottönen das Rathaus, demokratisches Zentrum der Gleichberechtigung, und dem gegenüber in hellen Rottönen der Bazar, das Einkaufszentrum, in dessen Angebot sich die Vielfalt der verschiedenen Kulturen findet, und schließlich gibt es da in der Mitte den Brunnen, das Wasser des Lebens für ALLE.

Aber der Einzelne soll nicht vergessen sein: Die Tore des
Marktplatzes sind offen, jeder kann in seine eigene Identität gehen und in ihr leben. Wahrlich ein Traum! – Aber ist es von Gott nicht so gedacht? Es ist höchste Zeit, dass wir uns gemeinsam auf diesen Weg machen, um ein friedliches Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen zu ermöglichen, wo sich jeder in seiner anderen Eigenart akzeptiert fühlt, wo jeder und jede die eigene Religion in Freiheit ausüben kann und in Demokratie und sozialer Gerechtigkeit lebt.

Dann endlich könnten Juden, Christen und Muslime in Würde zusammenleben und auf eine bessere Zukunft schauen, ganz besonders im Hinblick auf unsere Kinder.

Ilona Klauke (1990)

Die Karte ist bestellbar bei barbara.faccani@t-online.de

Ethische Raumplanung

Anregungen für einen positiven Zugang bietet das ursprünglich aus der Raumplanung stammende Konzept Shared Space von Hans Modermann. Es geht – auch aufgrund empirischer Forschungen – davon aus, dass für alle Beteiligten eine Auf-wertung des öffentlichen Raumes erfolgt, wenn Räume von verschiedenen Akteuren gleichzeitig und für mehrere Interessen genutzt werden. Voraussetzung für solch eine von Vertrauen und gegenseitiger Wahrnehmung statt vom Beharren auf dem eigenen Recht und gegebenenfalls auch der physischen Stärke geprägten Umgang sind die gemeinsame Bereitschaft zur Kommunikation, Kooperation und Partizipation. Diese Prinzipien sind wiederum auch die Voraussetzungen für die Planung, Gestaltung und Nutzung gemeinsamer sakraler Räume, sei es in öffentlichen Gebäuden mit anderer Nutzungsdominanz oder in eigenen sakralen Räumen wie Interfaith Centern, die gerade auch im angelsächsischen Bereich anzutreffen sind.

Ihnen zugrunde liegen die (im philosophischen Diskurs spatial turn entwickelten) Überlegungen zu heterotopen Orten – das sind Orte, die in der Lage sind, mehrere Räume an einem einzigen Ort zu vereinen und zueinander in Beziehung zu setzen, die eigentlich nicht vereinbar sind. Wer wie Levinas Gastlichkeit als Grundlage für eine ethische Topographie ansieht, versteht Raum als immer schon empfangen und dem anderen anzubieten, mit ihm auf Zeit zu gestalten und für immer wieder neue Gäste zur Mitgestaltung offen zu halten. Schließlich hilft auch der Blick auf die historische Entwicklung der Pluralisierung des öffentlichen Raumes zu einer gewissen Gelassenheit, der die Realisierung immer neuer Sakralbauten für Menschen wahrnimmt, die durch politische, ökonomische oder andere Motive sich freiwillig oder gezwungen neue Lebensräume in von anderen Religionen geprägten Weltteilen suchten. Andererseits machen Entwicklungen wie die Zerstörung der jüdischen Gotteshäuser im Nationalsozialismus und der jeweils andersreligiösen Sakralbauten in den Bürgerkriegen in Jugoslawien sowie der von Samuel Huntington prophezeite Kampf der Kulturen deutlich, dass ein bewusstes Eintreten für eine gerechte Teilung des öffentlichen Raumes notwendig ist – und damit eine Erinnerung an den von Gott gegebenen Auftrag zur gemeinsamen verantwortlichen  Nutzung der Erde als Shared Space.

Gerdi Nützel

evangelische Theologin in Berlin und Koordinatorin der interreligiösen Initiative „Religionen auf dem Weg des Friedens – am 11. September 2011“