Brigitte Kahl

Mit der Bibel ist kein Staat zu machen?

Die Bibel als politisches Buch
 
Der Text wurde von Brigitte Kahl im Bibelzentrum auf dem Kirchentag in Dresden vorgetragen. Brigitte Kahl arbeitet als Professorin für Neues Testament an dem Union Theological Seminary in New York. Davor lehrte sie an der theologischen Fakultät der Humboldtuniversität in Berlin (Hauptstadt der DDR).

Die Zeitung

Eins steht fest: Mit der Bibel war sicher kein Staat zu machen – in der DDR vor 1989. Dabei war Bibellesen in der DDR immer ein Politikum und hatte weitaus mehr Gewicht in der Diktatur als in der Demokratie. Und die Partei- und Staatsführung hätte eine Menge zu lernen gehabt von diesem Buch. Zum Beispiel was die so genannten „Sieger der Geschichte“ betrifft – und ihre Verlierer. Oder die Ambivalenz der Macht. Wie schnell die gestern Bedrückten die Bedrücker von heute werden oder die großen Visionen zu unerträglichen Phrasen verkommen können. Nirgendwo ist das alles jemals mit so viel Durchblick, Härte, Verzweiflung, Hoffnung aufgeschrieben worden wie in den Büchern Genesis bis Könige – und den Propheten. Jedenfalls habe ich in der DDR lesen gelernt, sowohl die Bibel als auch die Zeitung, die man ja Karl Barth zufolge immer beieinander halten soll.

Das Zweite: Mit der Bibel wird Staat gemacht seit eh und je und bis heute: Unter anderem in den USA, wo ich seit 13 Jahren lebe und Neues Testament unterrichte. Aber hier wird die Bibel anders gelesen, und auch die Zeitung. Kaum einer liest „zwischen den Zeilen“ – eine der elementarsten und nützlichsten Lesefähigkeiten, die man sich bei der Lektüre diverser „Zentralorgane“ in der DDR erwerben konnte, auch für den Umgang mit der Bibel.

In den USA ist die Presselandschaft inzwischen ebenfalls weitestgehend zentralisiert und beunruhigend gleichgeschaltet. Dennoch wird Gedrucktes weitgehend für bare Münze genommen, und es gibt erschreckend wenig kritisches Lesen der Medien „gegen den Strich“. Niemandem fällt so richtig auf, was eigentlich trotz unumschränkter Pressefreiheit und schrankenloser Informationsübersättigung alles nicht gesagt, berichtet, gezeigt wird:

Stimmen, die den American way of Life grundsätzlich infrage stellen, abweichende Vorstellungen, z. B. europäischer Herkunft, gesellschaftliche oder ökonomische Gegenentwürfe, die in eine andere Richtung weisen und vielleicht Hoffnung machen könnten auf eine andere Welt … Von alledem liest man in der New York Times erstaunlich wenig. Oder auch von den Alltagsratlosigkeiten, die einen als amerikanische Neubürgerin immer wieder einholen: – Warum gibt im freiesten Land der Welt so viel mehr Gefängnisinsassen pro Kopf der Bevölkerung als in allen anderen Ländern? – Warum nehmen die Amerikaner, die auf den ersten Blick oft irgendwie fröhlicher und freundlicher als die Deutschen erscheinen, auf den zweiten Blick solche Unmengen an Antidepressiva und anderen Psychopharmaka ein?

Warum ist das reichste Land auf Gottes Erde so arm, dass man zu Schuljahresbeginn der Klassenlehrerin seines Kindes (es geht um eine öffentliche Schule, keine private, wo sich das Schuldgeld mühelos auf 30.000 Dollar oder mehr pro Jahr belaufen kann ) im September nicht nur eine große Plastiktüte mit Heften, Bleistiften, Buntpapier, Kreide, Leim, Taschentüchern und Seife überreicht, um den Bedarf bis nächsten Sommer zu decken, sondern auch noch etliche Rollen Klopapier dazu.

Meinen amerikanischen Freunden fällt so etwas überhaupt nicht auf. Sie nehmen es als eine Selbstverständlichkeit hin wie so vieles andere, z.B. die Nichtexistenz von staatlichem Kindergeld und Elternurlaub (Kinder sind eine Privatangelegenheit – oder?) oder die astronomischen Summen, mit denen sich diejenigen verschulden, die einen College- oder Universitätsabschluss machen. Was für merkwürdige Vorstellungen trage ich mit mir herum, dass ich immer wieder solche Fragen stelle und zu glauben scheine, die Welt könnte auch anders sein als sie ist – nämlich eine Scheibe. Ist das meine Ost-Vergangenheit? Oder allgemein meine Herkunft aus Europa, das sich aus amerikanischer Sicht immer noch viel zu sehr sozialistisch-sozial benimmt, auch nach 1989? Was auch immer. Klopapier für die Schultoiletten aus öffentlichen Geldern jedenfalls ist kommunistisch. Alternativen zu denken ist in Amerika gerade schwer. Ich glaube, dass zwei magische Daten für diesen Prozess der aggressiven Abschottung gegenüber aller Systemdissidenz stehen, der da stattfindet:
Der 9. November 1989 ist das für ewig eingeschriebene Siegesdatum des neoliberalen Kapitalismus. Selbst im Zeichen eines so katastrophalen und längst nicht überwundenen Zusammenbruchs seines gesamten Wirtschafts- und Finanzsystems wie vor drei Jahren darf der Kapitalismus nicht prinzipiell hinterfragt werden. 1989 ist die Wende zum Ende aller Utopien. Darauf folgt dann der 11. September 2001 als der große archetypische Angriff auf Amerika, der die Frage nach Freund und Feind, Recht und Unrecht, Krieg und Frieden völlig neu gestellt hat. Und die Frage nach Gott.

Die Bibel

Offiziell ist die Bibel natürlich in Amerika kein politisches Buch, sondern ein religiöses, weil Kirche und Staat getrennt sind laut First Amendment.

D.h., sie ist zuständig für den Privatbereich, den Einzelnen, individuelles Heil, das Jenseits, Gott. Unter den intellektuellen Eliten der weltanschaulich Aufgeklärten und politisch Liberalen – z. B. an den Religion Departments der amerikanischen Universitäten – wird sie in der Regel verabscheut als reaktionäres und wissenschaftlich hinterwäldlerisches Machwerk. Die Armen, Mühseligen und Beladenen dagegen sitzen in der überfüllten U-Bahn bibellesend und suchen Trost und Beistand, ganz individuell. Auch was die politische Landschaft im Großen betrifft, so spielt die Bibel mindestens implizit hier eine wichtige Rolle. Wenn ein amerikanischer Präsident seine Rede mit „God bless America“ beendet, was häufig geschieht, vor allem bei den großen Reden, dann heißt das übersetzt:

Gott hat uns diesen ganzen Kontinent von Alaska bis Mexiko und von der Pazifikküste bis zum Atlantik als „neue Welt“ und unveräußerliches Eigentum gegeben, egal, wer die alten Eigentümer waren. Gott steht zu Amerika gegen alle Feinde, weil Gott seinen neuen Bund mit diesem, unserem Volk geschlossen hat, das berufen ist, die erste Nation unter – oder besser über – allen anderen Völkern der Welt zu sein. Und befugt, alles zu tun, um diesen besonderen Status zu erhalten:

Dinge, die anderen Völkern nicht gestattet sind, weil sie nicht God’s own people sind. One nation under God, with justice and liberty for all …

Die neue Welt

Eine Nation unter Gott, mit Gerechtigkeit und Freiheit für alle – das ist die Schlussformel des „Pledge of Allegiance“, des amerikanischen Staatsbekenntnisses, das nach dem 11. September 2001 für eine Weile obligatorisch wieder an den öffentlichen Schulen eingeführt wurde, auch in New York, wo die Schüler vor Beginn der ersten Unterrichtsstunde aufstanden, die Hand aufs Herz legten und im Chor dem Schullautsprecher nachsprachen: We pledge allegiance to the flag of the United States … In dieser amerikanischen Version eines „Fahnenappells“ (die Nähe zu DDR-Staatsritualen ist hier und andernorts kaum zu übersehen) sind biblische Grundmuster weitaus mehr präsent, als auf den ersten Blick sichtbar. Der Exodus aus der (europäischen) Bedrückung hin zu Freiheit und Gerechtigkeit für alle, die Landnahme eines ganzen Kontinents, die legitime Ausrottung großer Teile der dort ansässigen „Kanaanäer“ (= Indianer), das auserwählte Volk – diese biblischen Kernthemen sind im kulturellen und politischen Unterbewusstsein Amerikas fester verhaftet, als mir das jemals zuvor klar war. Auf Fahrten durch dieses unendlich weite und schöne „gelobte“ Land stößt man ständig auf Ortsnamen wie New Canaan (das neue Kanaan), Goshen (das Land Gosen), Jericho oder auch Bethlehem und Nazareth, die erstaunlich dicht gestreut sind und alle mehrfach vorkommen – wie übrigens auch Dresden, das es einmal im Staate Maine und ein anderes Mal in Tennessee gibt … Mit anderen Worten: Die Landkarte Amerikas ist bestückt mit biblischen und europäischen Ortsnamen, die eine „doppelte Geographie“ signalisieren, sowohl die Vision einer biblisch verorteten „neuen“ Welt als auch die europäische Herkunft aus einer zurückgelassenen (oder zurückgebliebenen) „alten Welt“.

Das ist faszinierend und nicht ungefährlich.

Gefährlicher Patriotismus

Um kurz bei den geographischen Namen zu bleiben: zwei der beliebtesten Volks-Nahrungsmittel in Amerika sind French Fries (Pommes Frites, die aber eben auf englisch Französische Pommes Frites heißen) und French Toast, Französischer Toast (das ist ein köstliches, sehr kalorienhaltiges Stück Weißbrottoast in gut Ei und Zucker und Fett paniert, das allen sich mehrenden Kassandrarufen bezüglich der amerikanischen Übergewichts-Epidemie Hohn lacht). Als Frankreich im Jahre 2003 sich weigerte, an der Irakinvasion teilzunehmen, schlug der zuständige Senator vor, auf der Speisekarte der amerikanischen Kongress-Cafeteria in Washington die French Fries in Freedom Fries umzubenennen, und den Toast in Freedom Toast. Was auch geschah und von zahlreichen anderen patriotisch gesinnten Restaurants im ganzen Land nachvollzogen wurde. Die Aktion wurde nach 3 Jahren klammheimlich abgebrochen und die Pommes Frites dürfen sich nun inzwischen wieder French Fries nennen. Man kann über diesen Vorgang lächeln oder ein paar amüsierte Parallelen zum akribischen Sprachregelungsfanatismus der offiziellen DDR-Propaganda ziehen – aber da ist auch etwas Unheimliches. Patriotismus ist eine sowohl politisch-gesellschaftliche als auch religiöse Bekenntnis- und Bindungsformel von enormer Bedeutung, und zugleich hat sie eine tiefverwurzelte biblische Legitimation, die ganz schnell zu dichotomischen Schwarz-Weiß-Feindbildern führt: Wer kein Verbündeter Amerikas ist, ist nicht nur ein Feind Amerikas und der Freiheit, sondern irgendwie auch gegen Gott – und wer gegen Gott und die Freiheit ist, ist nicht nur ein Feind schlechthin, sondern auch Teil einer umfassenden Verschwörung des Bösen‚ the axis of evil – und vielleicht sogar ein Terrorist.

Deshalb musste der erste schwarze amerikanischer Präsident, lange als heimlicher Moslem und Ausländer beschuldigt (ganz zu schweigen von allen denen, die ihn mit dem „Tier aus dem Abgrund“ in der Johannesoffenbarung und als Kommunisten identifizieren), kürzlich etwas tun, was demütigend war – nämlich nach langer Weigerung seine Geburtsurkunde öffentlich in der Originalfassung präsentieren und sich als „wirklicher“ Amerikaner legitimieren. Oder, ein anderes Beispiel:

Ich habe noch nie, nicht einmal in der DDR, so viele Staatssymbole und Staatsflaggen auf einmal gesehen wie in New York nach dem 11. September 2001: Vor allem die Leute, die nicht wirklich zugehörig sind – Immigranten, Arme, Muslime – trugen diese Symbole an sich, um sich herum und vor sich her wie einen Talisman, um sich vor Verdächtigungen zu schützen. Und ich selbst ertappte mich, ausgerechnet auf einem Kinderspielplatz in Manhattan, wie ich eine Mutter mit ihrem Sohn französisch sprechen hörte und unwillkürlich zusammenzuckte:

… keep your mouth shut – sei still. Und dann der nächste Gedanke, völlig unzensiert: Aber ich selbst spreche doch mit meinem Sohn deutsch. Das ist besser, aber nicht viel. Lieber jetzt auf Englisch weiterreden …

Eine politische spirituelle Lektüre der Bibel

Amerika ist nicht mein Thema, ich weiß. Aber von Amerika aus gesehen stellt sich die Frage einfach anders: Nicht ob die Bibel ein religiöses oder politisches Buch ist, sondern wie eigentlich man heute die Bibel lesen soll, und ob man sie anders lesen kann, sowohl religiös als auch politisch. Ob es uns zum Beispiel gelingen kann, diese völlig unbiblische Frontstellung zu überwinden, dass die einen die Bibel ausschließlich religiös als individuelles Glaubensbuch und im Blick auf Gott lesen, meist stillschweigend im Einverständnis mit dem herrschenden Status quo, der als gottgewollt oder nur von Gott her veränderbar abgebildet wird. Während die anderen umso leidenschaftlicher einen alternativen politischen Zugang suchen und befreiungstheologisch die Frage der sozialen Gerechtigkeit und der irdischen Verhältnisse in den Vordergrund rücken – zum Schaden ihres Glaubenszeugnisses, wie ihnen von der Gegenseite vorgeworfen wird. Könnten wir Moses und die Propheten um Rat fragen, oder Jesus und Paulus, dann würden wir vermutlich mit dieser ganzen Polarisierung von religiös und politisch, geistlich und gesellschaftlich auf völliges Unverständnis gestoßen.

Man hat in der Antike nicht in diesen Kategorien gelebt und gedacht, das Religiöse war politisch und umgekehrt. Der römische Kaiser nannte sich Gott und Sohn Gottes und Herr und Heiland – und wenn man stattdessen einen gekreuzigten Staatsverbrecher wie Jesus von Nazareth als Sohn Gottes und Herr und Heiland und Weltherrscher ( = Messias = Christus) verkündete, dann war das ein Glaubensbekenntnis mit enormer politischer und gesellschaftlicher Sprengkraft: ein Herr und Gott also, der sich mit den Schwachen verbündet, anstatt das Recht des Stärkeren heilig zu sprechen, wie es die Weltreiche von Babylon bis Rom seit jeher getan hatten. Vom 1. Buch Moses bis zur Johannesoffenbarung am Schluss ist die Bibel das Zeugnis einer jahrtausendelangen Auseinandersetzung mit diesen Imperien und ihren falschen Göttern der Macht, den Götzenbildern, die an der Wiege der westlich-christlichen Zivilisation Pate gestanden haben. Insofern ist die Bibel ein zivilisationskritisches und gesellschaftskritisches Buch.

Das heißt nicht, dass man den Glauben sofort in ein politisches Programm umsetzen kann. Aber das Gegenteil, die Bibel für unpolitisch zu halten, ist genauso falsch. Das Spirituelle und das Politische kann man nicht trennen.

Die Bibel ist nicht nur ein zivilisations- und gesellschaftskritisches, sondern auch ein selbstkritisches und ein religionskritisches Buch. An dieser Stelle machen wir es uns immer noch zu einfach, wenn wir glauben, dass die biblische Kritik an den Götzen in erster Linie eine Kritik an den anderen Religionen ist – den „Heiden“, den Juden, den Muslimen und Buddhisten, den Atheisten – und nicht an der herrschenden Religion, vor allem unserer eigenen. Wenn man in Amerika lebt, bekommt man einen Sinn dafür, dass der schlimmste Götzendienst der ist, der unter christlichem Vorzeichen und im Namen des biblischen Gottes geschieht.

Wenn Gott zum Götzen des Privilegs und der Macht wird, der die Sieger gerecht spricht und die Ohnmächtigen glauben macht – nicht etwa an Gerechtigkeit, sondern daran, dass sie oder ihre Kinder eines Tages selbst mächtig und reich (siegreich, erfolgreich) sein werden. So Gott will. Dieser Gott-Götze sanktioniert seit Sept. 11 wieder den Vorrang von gewaltsamen vor friedlichen Konfliktlösungen – Gewaltlosigkeit à la 1989 ist passé. Nationale Sicherheit wird an der Höhe der Rüstungsausgaben gemessen und mit militärischer Interventionsbereitschaft gleichgesetzt, obwohl die USA heute nach mehreren Kriegen, die viele Billionen Dollar verschlungen haben, keineswegs sicherer sind als 2001. Keiner dieser Kriege ist wirklich gewonnen worden – von den Menschenleben, die sie gekostet und der ungeheuren Verwüstung, die sie angerichtet haben, auch im Innern der Menschen, ganz zu schweigen. Es geht aber nicht nur um militärische, sondern auch um gesellschaftliche Gewaltbereitschaft gegenüber den Opfern der Krise. Das sind zum einen die Millionen Armen und Obdachlosen, für die es immer weniger Hilfe oder Hoffnung gibt. Das sind aber auch zum Beispiel die Hunderttausende der zahlungsunfähigen privaten Hauseigentümer, die den schamlosen Kreditofferten der Banken auf den Leim gegangen waren und nun erbarmungslos aus ihren halbbezahlten Häusern vertrieben werden. Die Opfer werden bestraft, während die Schuldigen an der ganzen Krise straffrei ausgehen.

Oberflächlich gesehen, hat Gott in Amerika einen Nichteinmischungspakt abgeschlossen mit dem herrschenden Wirtschaftssystem, samt allen seinen unvermeidlichen Menschenopfern. Aber wenn man genauer nachforscht, begründet sich dieses System auch auf Gott – man muss nur einmal auf das Geld schauen: "In God we trust" steht immer noch auf jeder Dollarnote. Auf welchen Gott vertrauen wir da? Den Gott der Bibel? Oder den anderen Gott, den menschenfressenden und kinderverschlingenden Götzen Moloch?

Zurück zur Bibel

An dieser Stelle müssten wir jetzt die Bibel aufschlagen und tatsächlich lesen – die Propheten, die Bücher der Könige und Samuel, die Geschichte vom babylonischen Turmbau, vom Mord Kains an Abel, von Josephs zweischneidigen innovativen Wirtschaftspraktiken in Ägypten, vom Manna, das sich nicht akkumulieren ließ – und die Evangelien müssten wir lesen, die Johannesoffenbarung, Paulus.

Da steht eine Menge über die Macht des Geldes und der Gier, der Besitz- und Machtgier, der Selbst- Sucht. Paulus vor allem sollten wir lesen. Wir haben ihn lange interpretiert als einen, der sich in erster Linie mit dem Judentum und dem jüdischen Gesetz auseinandersetzt, und das hat sehr stark unsere Identität als „christlich“ im Sinne von nicht-jüdisch oder anti-jüdisch bestimmt. Ich glaube, er setzt sich, speziell im Galater- und Römerbrief, mit etwas ganz anderem auseinander: Das Gesetz des Todes, das er kritisiert, ist nicht die Thora, sondern das Gesetz des römischen Imperiums, das jede Religion (einschließlich der jüdischen) nach den Spielregeln der Macht und des Geldes und des „Gott mit uns“ umformt. Die paulinischen Gemeinden waren Keimzellen der Reformation gegen die Deformation des Menschen- und Gottesbildes. Sie waren Übungsräume für ein Neusehen- Lernen und Neu-glauben-Lernen dessen, was für uns heute wie für die Leute damals so schwer zu sehen und zu glauben ist: nämlich die Vision von einer Welt, die um Gottes und der Menschen willen anders werden muss und anders werden wird.

Bei Paulus in die Schule gehen 

Wir stehen vor einer Wende, so oder so, weil wir nicht mehr lange so weiterwirtschaften und weiterleben können wie bisher. Die Frage ist, ob wir auch umkehren wollen. Der Gedanke einer „neuen Welt“ mit justice and liberty for all ist ur- und erzbiblisch.

Er hat im realen Sozialismus nicht Fuß fassen können, ebenso wenig wie er im amerikanischen Kapitalismus real ist, obwohl sich beide Systeme ihm von Anfang an verschrieben hatten, mit oder ohne Bibel. Müssen wir demnach die „neue Welt“ auf ewig ins Jenseits vertagen? Sind Gerechtigkeit und Freiheit für alle einfach nicht vereinbar, niemals für alle, sondern immer nur für einige und auf Kosten der anderen? Entweder Gerechtigkeit ohne Freiheit oder Freiheit ohne Gerechtigkeit, wobei dann auch die Gerechtigkeit nicht mehr gerecht und die Freiheit nicht mehr frei ist?

Noch einmal Paulus: Ich glaube, dass wenige den Gedanken einer neuen Welt – und ihre Bedingungen und (Un-) Möglichkeiten – so intensiv und klug und biblisch durchdacht haben wie er, sowohl praktisch-politisch als spirituell, im Blick auf den Einzelmenschen und im Blick auf die Welt. Paulus ist der Theologe der Transformation und als solchen sollten wir ihn nach 500 Jahren Reformation wieder entdecken. Seine Gemeinden waren grenzüberschreitende Experimentierfelder eines neuen Menschseins, wo Juden und Nicht-Juden (also „wir“ und die, die nicht zu „uns“ gehören) in Christus neue Formen der gemeinsamen Konfliktbewältigung, Problemlösung und Feindesliebe einüben konnten. Das Eigene und das Fremde, wir und die „anderen“ wurden völlig neu definiert, auch im Blick auf den Besitz. Ich glaube, dass wir genau hier anfangen müssten – bei Paulus neu in die Schule zu gehen. Kann man mit der Bibel Staat machen? Jedenfalls kann man sie nicht in ein politisches und ein religiöses Buch aufspalten. Das ist einer der Gründe, weshalb die Bibel eine solche Sprengkraft besitzt und immer wieder, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg, erstaunliche und unerwartete Dinge ausgelöst hat. Die Frage ist, wie man heute die ungeheure Kraft der Veränderung, die in diesem grandiosen Buch steckt, wieder freisetzen kann – wie man sie neu einspeisen kann in das Glauben, Denken und Handeln von Menschen, so dass Prozesse der individuellen und sozialen Transformation ausgelöst werden, hin zu Heilung und Heilwerden in einer neuen Dimension.

Brigitte Kahl