Verena Grüter

Eine befreiende Theologie der Religionen?

Befreiungstheologien in Lateinamerika stehen vor der Herausforderung, ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen und Kulturen neu zu definieren, weil die kolonial bedingte Vormachtstellung der christlichen Kirchen in manchen Ländern durch neue antikoloniale Politik infrage gestellt ist. Zugleich stellen Theologien der Befreiung die absolute Herrschaft des Marktes infrage und entlarven das Heilsversprechen der „Religion des Marktes“, durch Wohlstand alle menschlichen Bedürfnisse, auch die nichtökonomischen, zu befriedigen. Verena Grüter setzt sich mit gegenwärtigen befreiungstheologischen Entwürfen auseinander, die sich beiden Herausforderungen stellen und Theologie der Befreiung als Theologie der Religionen zu entwickeln versuchen.

Befreiungstheologien im religiösen Pluralismus

Die lateinamerikanischen Befreiungstheologien sind ursprünglich in einem mehrheitlich christlichen gesellschaftlichen Kontext entstanden. Ihre gesellschaftskritischen Konzepte richteten sich ausschließlich an Christinnen und Christen, Angehörige anderer Religionen waren nicht angesprochen. Mit der Fünfhundertjahrfeier der Eroberung Lateinamerikas im Jahre 1992 hat jedoch ein Wandel eingesetzt, der bewusst eine antikoloniale Kritik formuliert: Angehörige der unterschiedlichen Ethnien und Kulturen in Lateinamerika haben ein kritisches Selbstbewusstsein entwickelt und sich an vielen Orten auch politisch Gehör verschafft.

Markantestes Beispiel dafür ist Bolivien, das sich in seiner neuen Verfassung von 2009 dezidiert als multiethnischer und multi-kultureller Staat definiert. Vorchristliche Religionen, die bislang eher unter der Maske des Katholizismus weitergelebt haben, sind nun offen gleichberechtigt neben die christlichen Kirchen getreten. In den Anden entstandene
Religion wird auch an theologischen Hochschulen gelehrt. Auch in Brasilien, wo indigene und afrobrasilianische Kulte unter und neben den christlichen Kirchen weiter existiert haben, gehört die Vermittlung der Kenntnis afrobrasilianischer Geschichte und Kultur inzwischen verpflichtend in die Lehrpläne theologischer Hochschulen.

Die vielfältigen Subjekte einer zunehmend antikolonial verstandenen Befreiung lassen ihre Anliegen nicht mehr in eine mehr oder weniger einheitliche christliche Theologie zusammenfassen. Vielmehr sind in den vergangenen zwanzig Jahren die verschiedensten religiösen Konzepte entstanden, die sich teilweise auch dezidiert im Sinne der antikolonialen Kritik gegen das Christentum wenden und für die Eigeninteressen der jeweiligen ethnischen, kulturellen und religiösen Gruppen eintreten. Vergleichbare Bewegungen gibt es nicht nur in Lateinamerika, sondern auch in anderen Teilen der Welt. Befreiung lässt sich also nicht mehr wie noch in den 70er und 80er Jahren von einer vergleichsweise homogen vorgestellten Gruppe von Menschen her denken, deren Situation durch wirtschaftliche Ausbeutung und militärische Unterdrückung gekennzeichnet ist. Heute geht es um die gesellschaftliche Selbstbestimmung und
Teilhabe von Menschen, deren Lebenssituationen ganz unterschiedliche Identitätsmerkmale aufweisen.

Bereits vor rund zehn Jahren sagte Paulo Suess sinngemäß, die Befreiung der Indios im Amazonas komme nicht von den brasilianischen Landarbeitern, die der Frauen nicht von den afrikanischstämmigen Lateinamerikanern, die der Marginalisierten in den städtischen Slums nicht von den Andenvölkern. Was Befreiung heute für jede Gruppe bedeute, müsse sie selbst erarbeiten. Gemeinsame Grundlage könne ein „globales Verantwortungsbewusstsein“ sein, „das die Würde, Rechtsgleichheit und Anerkennung aller Menschen als schützenswertes Gut betrachtet“. Kann es angesichts dieser Verschiedenheiten überhaupt eine gemeinsame theologisch verantwortete Basis geben, um den negativen Auswirkungen der neoliberalen Marktwirtschaft entgegen zu treten? Eine internationale Gruppe von Theologinnen und Theologen, die sich befreiungstheologischen Konzepten verpflichtet fühlen, denkt über Entwürfe interreligiöser Befreiungstheologie bzw. über eine befreiungstheologische Religionstheologie nach.

Religion des Marktes

Die Theologie der Religionen bietet drei Möglichkeiten an, das Verhältnis zwischen den Religionen zu bestimmen: Eine exklusive, eine inklusive und eine pluralistische bzw. universalistische Perspektive. Der sog. Exklusivismus behauptet, dass außerhalb
des Glaubens an Jesus Christus kein Heil zu finden ist. Andere Religionen werden aus dieser Perspektive betrachtet. Dies ist die klassische Position der großen christlichen Kirchen gewesen und wird weiterhin in vielen evangelikalen und pfingstlerischen Gruppen vertreten. Die inklusivistische Position fasst das christliche Heilsangebot weiter: Es gilt auch jenseits der ausdrücklichen Zugehörigkeit zum christlichen Glauben und zur Kirche.

Diese Position liegt den Befreiungstheologien zugrunde. Heil wird hier verstanden als Nachfolge Jesu auf dem Weg der Option Gottes für die Armen und ist nicht exklusiv an das ausdrückliche Bekenntnis zu Christus und die Zugehörigkeit zur christlichen Kirche gebunden. Die pluralistische Theologie der Religionen schließlich betrachtet alle religiösen Heilswege als gleichberechtigt. Liegt der Gedanke zugrunde, dass alle Religionen letztlich zu ein und derselben Transzendenz führen, spricht man von Uni-versalismus. Paul Knitter (katholischer Theologieprofessor für Weltreligionen und Kulturen in New York) entwirft eine befreiende pluralistische Theologie der Religionen. Er bezeichnet es als ethischen Grundkonsens aller Religionen, ein Gleichgewicht zwischen dem Eigeninteresse und dem Interesse für die Nächsten herzustellen. Diese so genannte Goldene Regel findet sich sowohl in christlichen wie auch in philosophischen Grundlegungen der Ethik. Eine Fassung ist beispielsweise in Matthäus 7,12 wiedergegeben: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen!

Darin besteht das Gesetz und die Propheten.“ Der entscheidende Unterschied zur Grundüberzeugung der „Religion des Marktes“ liegt in der Ausrichtung auf die anderen, deren Wohlergehen vor dem eigenen ins Auge gefasst, aber mit dem eigenen zusammengedacht wird. Knitter bezeichnet diese religiöse Ethik daher als „paradox“. Die Logik der Marktethik setzt genau entgegengesetzt an: Sie beruht auf der Annahme, dass mit dem Wachstum des eigenen Wohlstandes auch der der anderen wächst, ordnet also das Ergehen der anderen dem eigenen Wohlergehen nach. Knitter fordert daher Vertreterinnen und Vertreter der Weltreligionen auf, die Verantwortlichen in Wirtschaft und Politik nach dem leitenden Interesse der von ihnen umgesetzten Wirtschaftsmodelle zu fragen: Geht es dabei zunächst um das Wohl des Anderen, so dass dieses Bemühen auch dem eigenen Wohl dient, oder steht im Vordergrund das eigene Wohl mit der Erwartung, dieses bringe von selbst das Wohl der anderen hervor.

Diese ethische Grunddifferenz muss nach Knitter zum „Clash der Religionen“ führen – aber eben nicht zwischen den hergebrachten Religionen, sondern zwischen ihnen und der Religion des Marktes. Vor die Wahl gestellt, sich vor dem eigenen Gott oder dem Götzen des Marktes zu verneigen, gibt es nach Knitter für keinen religiösen Menschen eine „doppelte Zugehörigkeit“, wie sie zwischen herkömmlichen Religionen möglich ist. Angesichts des exklusiven Wahrheitsanspruchs, den die Religion des Marktes erhebt und den Knitter mit dem der katholischen Kirche vergleicht, kann es mit ihr auch keinen „interreligiösen Dialog“ geben. Vielmehr müssen die Gläubigen aus den verschiedenen Religionen der Welt gemeinsam der Marktreligion den Glauben an den Gott entgegen setzen, der das Glück der Menschen an den Einsatz für die Nächsten bindet.

Mit diesem Ansatz verfolgen Knitter und mit ihm andere Vertreter einer befreiungstheologisch orientierten Theologie der Religionen ein ähnliches Ziel wie es etwa die von Hans Küng begründete Stiftung Weltethos tut, deren Grundüberzeugung lautet: Kein Friede zwischen den Völkern ohne Friede zwischen den Religionen. In ähnlicher Weise wurde bereits seit den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts auf ökumenischer Ebene das Verhältnis zwischen den Religionen und der Säkularisierung diskutiert. Einigkeit besteht in allen drei Debatten lediglich darüber, dass man einen ethischen Konsens zwischen verschiedenen Weltreligionen erreichen will, um ein identifiziertes Übel – die fortschreitende Säkularisierung, die Gefährdung des Weltfriedens oder die Ungerechtigkeit der neoliberalen Marktwirtschaft – gemeinsam zu bekämpfen. Können aber aus „den Religionen“ gemeinsame Grundwerte abgeleitet werden, die jenseits der Glaubensinhalte und der sozialen Strukturen der jeweiligen religiösen Systeme existieren? Und kann eine Theologie der Religionen einen gemeinsamen Referenzrahmen dafür bieten?

Befreiung ohne Christus?

Ein solcher gemeinsamer Referenzrahmen für alle Religionen muss die Aufgabe lösen, wie denn die spezifischen Charakteristika einer einzelnen Religion zu behandeln sind. Für das Christentum ist das die zentrale Stellung der Person Jesu Christi für die Beziehung zwischen Gott und Mensch. Wie kann die gedacht werden, so dass Angehörige anderer Religionen nicht ausgeschlossen werden? Peter Phan (ein in Vietnam geborener Theologieprofessor in den USA) schlägt eine „phänomenologische Christologie“ vor: Die Person Jesu Christi soll mit zentralen religiösen Persönlichkeiten in anderen Religionen verglichen werden. Dabei macht er eine wichtige Unterscheidung: Das christliche Zeugnis über die Einzigartigkeit Jesu Christi für die christliche Theologie ist als Glaubenszeugnis zu verstehen und nicht als verbindliche Aussage über die Gültigkeit anders religiöser Theologien.

Zugleich wirbt Phan dafür, im Gespräch mit anderen Religionen nach Kriterien dafür zu suchen, was eine religiöse Persönlichkeit zu einer Art Christusfigur macht. Gemeinsam sei all diesen zentralen religiösen Persönlichkeiten, dass sie den jeweiligen Gläubigen helfen, ihr letztes menschliches Ziel zu erreichen – sei dies nun Befreiung, Erleuchtung, Erlösung oder Verwandlung. Würden aber Gläubige anderer Religionen dieser generalisierenden Behauptung zustimmen? Ist die Rolle und Bedeutung Mohammeds oder des Buddha auch innerhalb ihrer jeweiligen Religion wirklich mit derjenigen Jesu Christi vergleichbar? Phan selbst räumt ein, dass sein Entwurf einer Christologie den spezifischen Erfordernissen einer befreiungstheologischen „Christologie von unten“, die besonderes Gewicht auf die Person des Jesus von Nazareth legt, nicht gerecht wird. Dann entsteht jedoch die Frage, wie die Befreiungstheologie eine ihrer Kernaussagen, nämlich die Parteilichkeit Gottes für die Marginalisierten, ohne eine solche Christologie begründen kann.

Fehlender Dialog

Problematisch scheint mir, dass diese theologischen Entwürfe nicht mit Theologinnen und Theologen anderer Religionen diskutiert werden. Vielmehr handelt es sich um theologische Ansätze aus dem Christentum heraus, die Aussagen anderer Religionen den eigenen Kriterien unterwerfen. Dies gilt auch für die Versuche, eine gemeinsame theologische Grundlage für den interreligiösen Dialog zu entwerfen, wie etwa die Theologin Geraldina Céspedes aus Guatemala es unternimmt, die übrigens neben der Brasilianerin Luiza Tomita und der Kenianerin Mary Getui eine der ganz wenigen befreiungstheologisch orientierten Frauen ist, die sich mit den Fragen einer Theologie der Religionen beschäftigen. Céspedes schreibt aus einer quasi neutralen Perspektive und richtet sich an „die Religionen“. Ausgangspunkt für ihre Betrachtungen ist das Phänomen, das hierzulande unter dem Stichwort „Rückkehr der Religion“ diskutiert wird. Bereits dies ist problematisch, weil sich in dieser Perspektive ein Eurozentrismus spiegelt, der die so genannte Säkularisierung als weltweiten Prozess versteht. Dass dies unzu-treffend ist, dass in den meisten Ländern der Erde eine Säku-larisierung wie in unseren mitteleuropäischen Gesellschaften nie statt gehabt hat, kann hier nicht weiter erörtert werden. Céspedes fordert „die Religionen“ auf, angesichts der von ihr so bezeichneten neuen Nachfrage nach Religion und Spiritualität einen selbst-kritischen Prozess einzuleiten unter der Fragestellung, was die jeweilige Religion zu der „anderen möglichen Welt“ beizutragen hat. Dabei sollen die Ausübung von Macht, das jeweilige Gottesbild, die Haltung gegenüber dem Fremden sowie die Wiedergewinnung der Mystik und der Prophetie selbstkritisch reflektiert werden. Dass hier ein am Modell des christlichen Glaubens gewonnener und letztlich westlich inspirierter Reflexionsrahmen gespannt wird, ist deutlich. Auch mit diesem Ansatz kommt die Befreiungstheologie nicht in den interreligiösen Dialog.

Der kurze Durchgang durch neuere theologische Ansätze hat gezeigt, dass die Versuche, ein einheitliches Modell einer befreiungstheologischen Religionstheologie zu formulieren, von universalistischen oder eurozentrischen Grundannahmen ausgehen. Die Angst vor einem Verlust der eigenen Identität, die durch den Religionspluralismus bei vielen Anhänger/innen verschiedener Religionen hervorgerufen wird (und einer der Gründe für den Fundamentalismus bildet!), wird durch universale Modelle nicht überwunden. Nötig ist vielmehr ein theologischer Ansatz, der aus dem interreligiösen Dialog selbst erwächst und die religiöse Praxis im jeweiligen Kontext reflektiert. Dies ist die Methode der Komparativen Theologie, wie sie in Deutschland von Klaus von Stosch angewandt wird. Sie ist aus dem Dialog der Religionen geboren, beginnt mit der Analyse religiöser Praxis auf der Grundlage von Fallstudien, enthält eine religionskritische Dimension und nimmt so die jeweiligen Dialogpartner ernst, ohne einen übergeordneten theologischen Bezugsrahmen zu konstruieren. Für Befreiungstheolog/innen könnte dies eine angemessenere Methode darstellen als die Konstruktion universalistischer Religionstheologien.

Grundsatzreferentin des Evangelischen Missionswerks in Deutschland, zuständig für internationale ökumenische Diskurse und Interkulturelle Theologie