Takehisa Takeda

Fukushima – eingekerbt in die Weltgeschichte

Ein Ruf zur Umkehr aus Japan Das Tomisaka Christian Center (TCC) in der Nähe von Tokio greift seit Jahrzehnten Problemfelder auf, die in der Gesellschaft gerade heftig diskutierte werden. Viele Publikationen, die das TCC herausgegeben hat, legen über den Versuch Rechenschaft ab, sich den Herausforderungen gegenwärtiger christlicher Existenz, wie der Vergangenheitsbewältigung, der ökologischen Krise oder der Emanzipation von Frauen, zu stellen. Professor Dr. Takehisa Takeda, der Vorsitzende des TCC, berichtet über Reaktionen auf Erdbeben und Tsunami und über Reaktionen auf die Atomkatastrophe in Fukushima.
Das Gespräch mit ihm führte Klara Butting.


Takehisa Takeda

Herr Takeda, welche Auswirkungen haben die Erdbeben und die Atomkatastrophe in Fukushima für Sie und das ökumenische Tomisaka-Centrum?

Tokio, wo das ökumenische Tomisaka Christian Center liegt, ist ca. 270 Kilometer von Fukushima entfernt. Meine Heimatstadt Saku, wo ich wohne, ist ca. 170 Kilometer von Tokio entfernt. Am 11. März, als das starke Erdbeben kam, waren wir in Saku von der Zerstörung nicht betroffen. Aber sowohl die lokalen Bahnzüge als auch die Superexpress- Shinkansen fuhren nicht. Ich konnte nicht zur Arbeit nach Tokio fahren. Telefonisch erfuhr ich, dass sowohl das TCC und die Mitarbeiter/innen als auch das Heim für ausländische Studenten und Forscher vor der Zerstörung bewahrt worden waren. Dann kamen die Nachrichten über Erdbeben und Tsunami, die die nordöstlichen Gebiete in apokalyptischen Ausmaßen betroffen hatten.

Schließlich versetzte der Unfall der Kernkraftwerke in Fukushima alle Menschen in Japan in eiskalte Angst. Die Erdbeben und Tsunami sind Naturkatastrophen. Die Zahl der Gestorbenen, deren Leichen gefunden wurden, beträgt 12.494. Aber die Zahl der Vermissten beträgt immer noch 17.722. Sowohl die, die durch Erdbeben und Tsunami gestorben sind, als auch die, die dadurch betroffenen wurden und jetzt in Not leben, rufen uns zum Mitleiden. Ohne diese compassio dürfen wir Christen und Christinnen in Japan nicht die Passionszeit begehen.

Das TCC hat seit 8 Jahren ein Pastoralkolleg- Programm. Unser Mitarbeiter Pfarrer Mimura, der unser Pastoralkolleg in seiner Gemeinde auf der Sado-Insel am Japanischen Meer durchführte, wo das starke Erdbeben auch 2004 gewütet hatte, bietet das Gemeindehaus als ein Refugium für die Betroffenen aus den nordöstlichen pazifischen Gebieten an.

Der Radioaktivität-Unfall der Kernkraftwerke in Fukushima ist eine durch Menschenhand verursachte Katastrophe. Die Naturkatastrophe hat diese unkontrollierbare Gefahr der Atomkraftwerke als eine „herrenlose Gewalt“ (K. Barth) bloßgestellt. Die Naturkatastrophe hat sozusagen die Hybris der Menschen und den Mythos der Sicherheit durch Wissenschaft und Technik als grundlos entlarvt. Der Unfall der Atomkraftwerke in Fukushima und die radioaktive Verseuchung rufen uns zur Umkehr, zum Ausstieg aus der Atomenergiepolitik und zum Mitleben aller globalen Mitbürger mit der ökologischen Umwelt. Die ganze Welt, die ganze Ökumene mit ihrer an den Atommeilern orientierten Energiepolitik ist infrage gestellt. Fukushima soll nunmehr neben Hiroshima und Nagasaki in die Weltgeschichte eingekerbt werden. Das Mahnwort Hans Joachim Iwands, das mir Bertold Klappert vor kurzem schrieb, hat mich tief beeindruckt: „Was für den Krieg als Massenvernichtungsmittel erfunden worden ist, lässt sich für den Frieden und für eine gerechte Gesellschaft nicht verwenden.“

Können Sie mit diesem Ruf zur Umkehr in der gegenwärtigen Notsituation an die Öffentlichkeit treten?

Das ökumenische TCC hat 1987 ein Jahr nach „Tschernobyl“ eine interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft installiert und 1993 die Publikation „Ökologische Krise und Christentum“ als unser
Forschungsergebnis veröffentlicht. Ein Mitglied unserer Arbeitsgemeinschaft, Dr. Jinzaburo Takagi, ein Atomphysiker, hatte ein Manifest „Ausstieg aus der Atomenergiepolitik – Alternativenergie“ entworfen. Ich selber habe als Theologe in unserer interdisziplinären Publikation „Ökologische Krise und Christentum“ dezidiert gegen Atomkraftwerke Stellung genommen. Erst recht jetzt in der gegenwärtigen Notsituation „Fukushima“ muss ich, müssen wir im Namen des ökumenischen TCC mit dem Ruf zur Umkehr – zum Ausstieg aus der Atomenergiepolitik – an die Öffentlichkeit treten.

Ein Nationalzweig (NCC) des Ökumenischen Rates der Kirchen (WCC) hat seit den 70er Jahren einen Sonderausschuss gegen Atomkraftwerke einberufen und während der 80er und der 90er Jahre mit Buddhisten zusammen eine Gegenbewegung gegen Atomenergiepolitik initiiert. Am Sonntagnachmittag, den 10. April, haben 13 Gruppen aus Religionsgemeinschaften (einschließlich einer NCC-Christeninitiative und einer Nihonsanmyohoji-Buddhisteninitiative 1) eine gemeinsame Versammlung zum Ausstieg aus der Atomenergiepolitik in Tokio veranstaltet und anschließend eine Demonstration gemacht.

Sie erwähnen ein gemeinsames Vorgehen von Christ/innen und Buddhist/innen gegen die Atomenergiepolitik. Wie ist das Verhältnis der Christinnen und Christen zu den japanischen Religionen Buddhismus und Shintoismus?

Um Sie über das Verhältnis der Christ/innen zu den japanischen Religionen Buddhismus und Shintoismus aufzuklären, erzähle ich vielleicht am besser von meinem familiären Milieu. Ich bin in einem typisch-japanischen kleinen Dorf aufgewachsen. Wie in fast jedem Dorf in Japan gibt es auch in meinem Dorf einen Shinto-Schrein und einen buddhistischen Tempel. Als meine Eltern noch lebten, gehörten sie als Bewohner des Dorfes selbstverständlich zu diesem Shinto-Schrein. Jedes Familien-oberhaupt gehört als „Ujiko“ (Shinto-Gemeindeglied) zum Dorfschrein. Und der Ujiko vertritt seine Familie. Das heißt, der Dorfschrein rechnet alle Dorfbewohner zu den Shinto-Schrein-Gemeindegliedern. Aber nicht alle Bewohner des Dorfes gehören zum buddhistischen Tempel im Dorf, denn es gibt im Buddhismus verschiedene Konfessionen, z. B. Jodo-Shin-Shu, Zen-Shu, Nichiren- Shu und so weiter. Und je nach ihrer buddhistischen Konfession gehört eine Familie zu diesem oder jenem buddhistischen Tempel.

Meine Eltern gehörten zu einem Zen-buddhistischen Tempel, der etwa fünf km entfernt am Berghang eines anderen Dorfes liegt. Alle Vorfahren meiner Familie sind vom Zen-Priester dieses Tempels buddhistisch beerdigt worden. Die Totenrituale zu verwalten und somit die Generationseinheit der Familie mit den Ahnen zu erhalten, ist die Hauptrolle und -aufgabe des Buddhismus in Japan. Wie fast jede traditionelle japanische Familie hatte mein Elternhaus auch einen shintoistischen Hausschrein (Kamidana) und einen buddhistischen Hausaltar (Butsdan).

Diese Symbiose des Shintoismus und des Buddhismus in derselben Familie, nämlich der Synkretismus beider Religionen, ist das Merkmal der japanischen Kultur und Gesellschaft.

Sie ist die Folge der langjährigen Religionspolitik vergangener Regierungen: Einerseits hatte die Feudalregierung während der Tokugawa-Zeit (1603–1868) aus politischen Gründen das Christentum verboten und erklärt, jede Familie solle einem buddhistischen Tempel zugehören; andererseits hatte die Meiji-Regierung durch die Restauration des Meiji-Tenno 3 (seit 1868) den Shintoismus als Staatsreligion bezeichnet und nunmehr erklärt, jede Familie solle dem Shintoschrein im Wohnort zugehören. Die Nachwirkungen dieser religionspolitischen Maßnahmen der Tokugawa-Zeit und der Meiji-Zeit sind bis heute zu spüren. Das ist das Milieu, in dem ich aufgewachsen bin. Es ist keine Selbstverständlichkeit, vor allem in den ländlichen Gebieten, überhaupt eine Kirche zu Gesicht zu bekommen. Der Statistik nach machen die Christinnen und Christen in Japan weniger als 1 % der Gesamtbevölkerung aus. In meiner Studentenzeit wurde ich Christ. Mein Vater als ein traditioneller Shintoist und Buddhist respektierte meinen christlichen Glauben. Meine Mutter war schon in meiner Studentenzeit gestorben. Als mein Vater starb, wurde er nach seinem Wunsch vom Zen-Priester des buddhistischen Tempels beerdigt, zu dem alle Vorfahren seiner Familie gehörten. Ich respektierte seinen buddhistischen Glauben und seinen Wunsch.

Seitdem er gestorben ist, bin ich nun im traditionellen Sinne zum Familienoberhaupt dieses Hauses geworden. Nun sind wir – ich, meine Frau und unsere vier Kinder – in diesem Dorf die einzige christliche Familie. Nach der Beerdigung meines Vaters ging ich zum Zen-Priester und anschließend zum Vorstand der Shinto-Schrein-Gemeinde und erklärte, dass wir (ich und mein Haus) als Christen dem HERRN dienen, und dass wir zur Kirche Jesu Christi gehören. Das hat mit Fanatismus oder Fundamentalismus nichts zu tun. Das ist für mich schlicht eine verantwortliche Praxis eines Christen und einer christlichen Familie mitten in der japanischen shintoistischen und buddhistischen Gesellschaft. Nur auf diese Weise können wir Christen in Japan mit den Anderen zusammenleben, ohne unsere christliche Identität zu verlieren.

Wahrscheinlich ist die Frage, ob es gemeinsame
Gebetsveranstaltungen geben kann, in Ihrem Kontext eine fremde Frage. Hier spielt diese Diskussion, ob z. B. gemeinsame Friedensgebete mit Muslimen gestaltet werden dürfen, immer wieder eine Rolle, z. B. im Hinblick auf den kommenden 11. September, den 10. Jahrestag der Terrorakte in New York. Gibt es in Ihrer Minderheiten-Situation, in der Christen auch immer um ihre eigene Identität ringen müssen, interreligiöse Zusammenarbeit?

Nach dem Ausbruch des Koreakrieges entstand 1951 unter den japanischen Christ/innen eine Friedensbewegung. Sie bekämpften die Wiederbewaffnung Japans nach der Kriegsniederlage noch unter der amerikanischen Besatzung und den drohenden dritten Weltkrieg in der Gestalt des Atomkriegs, indem sie nun endlich bewusst die politische Mitverantwortung als Aufgabe der Christinnen und Christen im Nachkriegsjapan übernahmen. Diese christliche Übernahme der politischen Mitverantwortung konnte jedoch ohne Aufarbeitung der Mitschuld in der Vergangenheit der japanischen Christenheit nicht vollzogen werden. Die japanische Christenheit war nicht nur in die Kolonialpolitik des Staats-Shintoistischen bzw. Tennoistischen „Groß-Reichs“ Japan verwickelt worden und hatte nicht nur die Kolonialisierung Koreas sowie den Kolonialkrieg gegen China mit ihrer Missionstätigkeit unterstützt und gerechtfertigt, sondern hatte sich schließlich auch dem Tenno-Kult untergeordnet.
Aus diesem Kreis der christlichen Friedensbewegung wurde eine junge theologische Nachkriegsgeneration geboren, die in den 60er und 70er Jahren in der japanischen Kirchengeschichte eine wichtige Rolle spielte. Im Jahr 1967 entstand tatsächlich „das Schuldbekenntnis der Vereinigten Kirche Christi in Japan für ihr Verhalten während des Zweiten Weltkrieges“ als Dokument aus der ersten Nachkriegsgeneration. Unter Buddhisten entstand – sicherlich nicht ohne die Wirkung dieses Schuldbekenntnisses der christlichen Kirche – auch eine Aufarbeitung der Schuldvergangenheit der Buddhisten während des Zweiten Weltkrieges. Unter diesen Buddhisten bildete sich ein Kreis, der eine politische Mitverantwortung zu übernehmen bereit war. Seit den 70er Jahren entstanden daraus eine gemeinsame Friedensbewegung der Christen mit den Buddhisten und eine gemeinsame Gegenbewegung gegen die Atomkraftwerke. In der gemeinsamen Friedensversammlung rezitieren die Buddhisten ihre eigenen Friedensgebete aus ihren Sutren. Und die Christen beten auf ihre Weise für den Frieden. Aus dieser Erfahrung erwächst jetzt im nordöstlichen Japan die Möglichkeit unter den Christen und den Buddhisten, eine gemeinsame Gedenkfeier für alle Gestorbenen durch Erdbeben und Tsunami zu halten.

Biblisch-theologisch denke ich an die Gestalt Abrahams. In der Hebräischen Bibel ist Abraham nicht nur Vater Isaaks, sondern auch Vater Ismaels. Und „ihn begruben seine Söhne Isaak und Ismael ...“ (1. Mose 25,9). Die Gestalt Abrahams ist darüber hinaus nach 1. Mose 14, 18 ff. ein befreiender ökumenischer Maßstab. Nach dem Kampf Abrahams für menschliche Gerechtigkeit begegnet Abraham dem Melchisedek, dem heidnischen König der Gerechtigkeit aus der Stadt des Friedens, der zugleich ein Priester der anderen Religion ist. Es ist merkwürdig und höchstbedeutend, dass nicht Abraham den Melchisedek segnet, sondern Melchisedek den Abraham segnet. Abraham hat sich in der Tat von Melchisedek segnen lassen. Abraham hat sozusagen das Beste der anderen Religion erkannt und anerkannt. Diese Begegnung Abrahams mit Melchisedek soll uns auf eine dialogische Konvivenz (auf Gegenseitigkeit beruhende Nachbarschaftshilfe) in einer weisheitlich-ethischen Dimension hinweisen. Wir Christen lassen die Menschen aus den anderen Religionen mit ihrem Besten an der Verwirklichung der menschlichen Gerechtigkeit, der Stiftung des Weltfriedens und der Bewahrung der Schöpfung beteiligt sein. Ich sehe in dieser Begegnung Abrahams mit Melchisedek, also in dieser Weise des Mitlebens und Mitseins Abrahams mit dem Menschen aus der anderen Religion, die Zukunft der Ökumene, der Einen nicht nur von Menschen, sondern auch von nichtmenschlichen Lebewesen bewohnten Erde.

Takehisa Takeda

Promotion bei Prof. Fr.-W. Marquardt, em. Prof. an der Ferris-Univ. in Yokohama. Seit 1997 Vorsitzender des Tomisaka Christian Center in Tokyo.