Hanna Lehming

Und es ist doch ein Kairos!

Palästinensische Christ/innen haben im Dezember 2009 einen Aufruf formuliert, in dem sie das Ende der Besatzung ihres Landes fordern. In Anlehnung an das Kairosdokument, das südafrikanische Kirchen 1985 auf dem Höhepunkt der Unterdrückung unter dem Apartheidregime erlassen haben, nennen sie ihren Appell „Kairos-Palästina“. Hanna Lehming hat gemeinsam mit Verfassern der „Kairos“-Erklärung an einem Studientag in Bethlehem teilgenommen. Sie würdigt das Dokument als Aufbruch zwischen den Fronten.

Nein, Israel-Palästina ist nicht Südafrika! Nein, beim Nahostkonflikt geht es nicht um Rassismus, sondern um Land! Wenn die Autoren der Erklärung „Die Stunde der Wahrheit. Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser“ durch die Wahl der Bezeichnung „Kairos-Palästina“ einen Vergleich der nahöstlichen Situation mit dem Apartheidsystem in Südafrika implizieren wollen, liegen sie falsch. Und doch könnte es wahr sein, dass die Situation, in der palästinensische Christen ihre Erklärung „Die Stunde der Wahrheit“ verfasst haben, einem „Kairos“ gleichkommt, einem einmaligen historischen Zeitpunkt, den es nicht zu verpassen galt.


Weißt du, dass Besatzung Terror ist?

Stillstand in Nahost

Die Palästinenser stecken fest. Nach dem Scheitern aller Friedensverhandlungen und internationalen Initiativen, dem Desaster der 2. Intifada und dem Bau der Sperranlage in ihrem Gefolge und der Spaltung des palästinensischen Volks in Anhänger und Gegner von Hamas und Fatah, breiten sich im Palästinensischen Gebiet Resignation und Hoffnungslosigkeit aus. In ihrem Bericht von einem Studientag in Bethlehem mit Verfassern der „Kairos“-Erklärung beschreibt Inken Wöhlbrand diesen Hintergrund ausführlich und resümiert: „Es wurde deutlich, dass das Motiv für diesen Text (i. e. „Kairos“, HL) aus dem Eindruck des völligen Stillstands des politischen Friedensprozesses erwachsen ist.“ Das deutsche Wort „Stillstand“ ist allerdings viel weniger aussagekräftig als das englische „deadlock“, das ein Schlüsselwort der Diskussionen in Bethlehem war. Die bisherige Reaktion auf die „Kairos“-Erklärung zeige, dass „in der palästinensischen Gesellschaft der Wunsch nach neuen Perspektiven groß sei, weil alle bisherigen Optionen keinen Durchbruch erzielt hätten“. Deswegen sähen die Vertreter der „Kairos“-Initiative jetzt „sowohl die Möglichkeit als auch die verzweifelte Notwendigkeit, aus dem christlichen Ethos und der christlichen Glaubenshoffnung heraus einen neuen Ansatz zu wagen, der die Zurückweisung der Besatzung durch den Staat Israel mit einer klaren Absage gegen Gewalt verbindet“. Es stellt sich allerdings die Frage, warum diese palästinensischen Christen gerade jetzt oder erst jetzt eine Notwendigkeit dafür erkennen, ihre Stimme zu erheben und sich gegen Gewalt und für Versöhnung und Liebe auszusprechen. Diese Frage eröffnet ein tieferes Verständnis für den Kontext der „Kairos“-Erklärung. Ihre Beantwortung könnte auch Aufschluss darüber geben, warum der Wortwahl der Erklärung oft eine „wohlbedachte Zweideutigkeit“ innewohnt.
In Bethlehem erklärte Mitri Raheb, Mitverfasser von „Kairos-Palästina“, im Rückblick auf den zweiten palästinensischen Aufstand, der im September 2000 begann und fast fünf Jahre lang dauerte:

Die palästinensischen Christen hätten von Anfang an gewusst, dass dies nicht ihre Intifada sei, erstens deshalb, weil sie gewalttätig war, und zweitens deshalb, weil der Aufstand durch die Bezeichnung „Al Aqsa“-Intifada eine islamische Sache geworden war. Wenn aber die palästinensischen Christen „von Anfang an“ gewusst haben, dass die Gewalt der Intifada zu nichts führen könne, wenn ihnen wahrscheinlich sogar klar war, dass sie nur zu Gegengewalt eines total überlegenen Gegners, zu Zerstörungen, zur Verrohung und schließlich zum Untergang in der Gewalt führen würde, warum in Gottes Namen haben sie dann ihre Stimme nicht schon viel früher erhoben? Die einfache und tragische Antwort muss wohl lauten: Weil sie dies nicht hätten wagen können ohne ihr Leben zu riskieren.

Wer in den Jahren 2000 bis 2005 die Westbank besucht hat, dem musste klar sein, dass es lebensgefährlich war, dem Konsens des gewalttätigen Widerstands zu widersprechen. Kritik am Gebrauch von Waffen, an mörderischen Selbstmordattentaten an israelischen Zivilisten, gar am gewalttätigen „Konzept“ der 2. Intifada insgesamt, wäre als Kollaboration mit dem Feind aufgefasst und entsprechend brutal bestraft worden. Eine Kritik der Gewalt in dieser Situation hätte großen Muts bedurft. Wer im Blutrausch der 2. Intifada seine Stimme gegen das Morden erhoben hätte, der wäre höchstwahrscheinlich zu einem wirklichen christlichen Märtyrer geworden. Diesen Weg zu gehen, kann aber kein in geordneten, sicheren und ruhigen Verhältnissen lebender Mensch von den palästinensischen Christen fordern. Es gehört zur Tragik ihrer Situation als einer kleinen Minderheit von höchstens anderthalb Prozent an der Bevölkerung, dass sie ihre mahnende und zur Besinnung rufende Stimme in der furchtbaren Zeit der Intifada nicht erhoben haben, sondern sehenden Auges mit ihrem Volk ins Verderben liefen.

Für eine Kultur des Lebens

Fünf Jahre nach dem Ende der 2. Intifada aber ist der einstige nationale Konsens über den gewalttätigen Widerstand ermüdet. Die martialischen Slogans sind kraftlos geworden angesichts einer bitteren Wirklichkeit, die Zerstörung heißt, nicht nur von Gebäuden, Infrastruktur und politischen Institutionen, sondern auch von menschlichen Seelen, moralischer Orientierung und innerer Ordnung.

Und jetzt schlägt die Stunde der Christen. Diesen Moment, in dem sich einerseits Depression und Hoffnungslosigkeit breit machen und andererseits die Sehnsucht nach einem Ausweg, nach einer neuen Option, nach einem dritten Weg wächst, haben die Verfasser von „Die Stunde der Wahrheit“ erkannt. Insofern sprechen sie zu Recht von einem ‚Kairos‘. Und was sie zu sagen haben, entwirft tatsächlich eine neue Perspektive zur rechten Zeit. Die Leitworte, die sie gewählt haben, können im palästinensischen Kontext nicht anders denn als eine kritische Auseinandersetzung mit dem politischen Weg der 2. Intifada verstanden werden.

Doch ihre programmatischen Botschaften erschließen sich Hörern außerhalb der arabischen Welt nicht so einfach. So bedeutet vor allem das ausdrückliche Votum für eine „Kultur des Lebens, anstatt einer Kultur des Todes“ (3.4.5.) im arabischen Kontext eindeutig eine Kampfansage gegen islamistische Ideologie. Die libanesische Hisbollah wie die palästinensische Hamas propagieren die Verfolgung einer „Kultur des Todes“ und kritisieren gleichzeitig hämisch den Westen und die ‚schwächlichen‘ Juden, die das Leben lieben und daher angreifbar seien. Indem „Kairos-Palästina“ sich für eine „Kultur des Lebens“ gegen eine „Kultur des Todes“ ausspricht, stellt sich die Erklärung eindeutig gegen diese islamistische Haltung. Der gesamte Text ist im Geist dieses Bekenntnisses zu einer „Kultur des Lebens“ verfasst, auch wenn manche doppeldeutigen Formulierungen zu Zweifeln und teils bissigen Kommentaren Anlass gegeben haben. Zu Recht wird z. B. folgender Satz kritisiert: „Wir haben Hochachtung vor allen, die ihr Leben für unsere Nation hingegeben haben“ (4.2.5.). Der Internationale Rat der Christen und Juden (ICCJ) fragt in seiner Entgegnung an dieser Stelle: „Schließt dies Selbstmordattentäter oder Heckenschützen ein, die sich als Märtyrer für die palästinensische Nation betrachtet haben?“ Der Text ist hier wie auch an anderen Stellen vermutlich bewusst doppeldeutig. Nach wie vor scheint eine offensive und eindeutige Kritik des gewalttätigen Widerstands zu gewagt zu sein. Und das ist natürlich ein Problem. Denn einer Rede, die Doppeldeutigkeiten bewusst zulässt, kann man nicht vertrauen.

Destruktive Kritik

Ich halte dies für ein großes Problem der palästinensischen Haltung insgesamt. Es zeigt auch, dass von einem freien und offenen Diskurs in der palästinensischen Gesellschaft nicht die Rede sein kann. Es gibt ihn nicht. Wer Kritik übt, der tut dies in den meisten Fällen nur hinter vorgehaltener Hand. Das Wissen um diese schwierige Situation, die die christliche Minderheit besonders betrifft, berechtigt aber nicht dazu, die ernst gemeinten Motive der Verfasser total in Frage zu stellen oder gar in ihr Gegenteil zu verkehren, wie es manche Reaktionen auf „Kairos-Palästina“ tun. So hat sich, wie der nordamerikanische Theologe Robert Smith berichtete, die US-amerikanische kirchliche Diskussion völlig auf den Terminus „Boykott“ verengt (4.2.6.). Tatsächlich haarsträubend aber sind vor allem Boykottmaßnahmen wie z. B. die von der kanadischen Nachbarkirche beschlossenen, die ihre Mitglieder zu einem „Boykott aller akademischen und kulturellen Institutionen Israels“ aufruft. Dieser Aufruf kann nur als rassistisch bezeichnet werden. Wenn allerdings die Palästinenser beschließen, Produkte aus israelischen Siedlungen zu boykottieren, dann ist das als Versuch eines Wiedergewinns von Würde und Selbstrespekt nur zu verständlich.

Einer Hermeneutik des Verdachts folgen auch Reaktionen wie die der Deutsch-Israelischen und der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Deutschland, wenn sie verlauten lassen, „Kairos“ „dramatisiere die Verhältnisse“, verharmlose den Terror der Hamas und spreche sich „gegen das Existenzrecht Israels aus“. Ihre Sprecher können sich offenbar gar nichts anderes vorstellen, als dass die Verfasser von „Kairos“ eine reine Kampfansage gegen Israel formulieren wollten. Zu Empathie oder Solidarität mit den Palästinensern in ihrer zermürbenden Situation scheinen sie nicht in der Lage. Für die besonders schwierige Situation der christlichen Minderheit haben sie kein Verständnis. Den Grundton der „Kairos-Palästina“- Erklärung wollen sie nicht hören.

Die theologische Herausforderung annehmen

Doch er ist m. E. nicht zu überhören. Die Termini ‚Glauben‘, ‚Hoffnung‘, ‚Liebe‘ geben dem Hauptabschnitt seine Struktur. Die Aufforderung, zueinander zu kommen, einander kennenzulernen und zu lieben (2.1), der Ruf nach Versöhnung, Gerechtigkeit und Frieden, die ausdrückliche Anerkennung von zwei Völkern und drei Religionen in einem Land (2.3.1), das Wort Gottes als eine „Quelle des Lebens“ (2.3.3), die eindeutige Zurückweisung von Gewalt und Heiligem Krieg (2.5), die Notwendigkeit für einen interreligiösen Dialog (3.3.2), den Ruf, den Haß der Vergangenheit zu überwinden und bereit zu sein für Versöhnung (3.3.4), die Erinnerung an die eigene Würde jedes Menschen, sogar an die Würde der Widersacher (3.4.2), der Glaube an die Kraft der Liebe, statt die der Rache sind charakteristisch für „Kairos“. Abschnitt 4.2 des Dokuments schließlich setzt sich mit der Frage des Widerstands auseinander. Dabei unterstreichen die Autoren einerseits das Recht auf Widerstand, widersprechen aber gleichzeitig klar der Anwendung von Gewalt. Sie eröffnen damit eine dringend notwendige, ja überfällige innerpalästinensische Kritik des gewalttätigen Widerstands.

Manche Reaktionen auf „Kairos“ scheinen für solche Töne keine Ohren zu haben. Doch auch manche zustimmenden Kommentare spiegeln eher Selbstbestätigung als Solidarität mit den Palästinensern. So erklärt z. B. der Ökumenische Rat der Norwegischen Kirche in seiner Reaktion auf „Kairos“: „Als Kirche sind wir dazu gerufen, für Gerechtigkeit zu arbeiten und der schwächeren Seite und denen, die mehr leiden, Recht zu verschaffen.“

Spaß

Diese norwegische Stimme weiß offenbar ganz genau, wer im Nahostkonflikt Recht hat. Abgesehen davon, dass Recht haben keine christliche Haltung ist, verwundert es nicht, dass der vierseitige Kommentar kein einziges kritisches Wort an die Verfasser von „Kairos“ richtet. Wären diese christlichen Brüder und Schwestern wirklich daran interessiert, dass die Palästinenser den „deadlock“ überwinden, dann müssten sie ihnen auch Kritik zumuten, z. B. daran, dass „Kairos“ die Schuld am palästinensischen Desaster ausschließlich Israel zuschreibt (siehe: Teil I, Die Realität). Robert Smith schließlich äußert in seinem Kommentar zu Kairos viel Verständnis dafür, dass arabische Theologen an der „Erfüllungs- und Ersetzungstheologie“ festhalten und sich dagegen wehren, wenn westliche Theologen sie als „rückständig“ bezeichnen und ihnen ihre neue Israeltheologie „aufzwingen“ wollen. Dieser Kommentar geht konsequent der vielleicht größten Herausforderung durch „Kairos“ aus dem Weg, der theologischen. Die Verfasser von „Kairos“ suchen nämlich offensiv die Auseinandersetzung mit „bestimmte(n) Theologen im Westen“, die „versuchen, die uns zugefügte Ungerechtigkeit biblisch und theologisch zu legitimieren“ (2.3.3). Man kann sehr wohl nachvollziehen, dass die biblischen Termini „Erwählung“, „verheißenes Land“ oder „Volk Gottes“
für palästinensische Christen eine echte Provokation bedeuten, da sie vom Missbrauch der Religion für politische Zwecke existentiell betroffen sind.
Glauben Christen jedoch an einen Gott, der Fleisch geworden ist, dann können sie keiner Theologie zustimmen, die diese biblischen Termini einfach auflöst oder ersetzt, indem sie sie universalisiert (2.3.). „Kairos“ fordert vor allem die „Israeltheologien“ zu einem ernsthaften und wirklich neuen theologischen Diskurs heraus.

Literatur

Inken Wöhlbrand, „We hear the cry of our children“. Bericht vom jährlichen Treffen des Koordinierungskomitees für die Zusammenarbeit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land, 4. bis 6. Mai 2010 in Bethlehem, in Ökumenische Rundschau 59, 2010, 438–442. An diesem Treffen hat auch die Verfasserin teilgenommen.

„Habt Erbarmen mit den Worten“, Ein Appell des Internationalen Rates der Christen und Juden an alle, die nach interreligiösem Verständnis suchen, in: www.iccj.org. Robert Smith, “A Moment of Truth — The Palestinian Kairos Document”:
What Does This Mean for the North American Context?, in: www.kairospalestine.
ps, ‚Responses‘. „A Moment of Truth“ – A Response. Statement by the Church of Norway Council on Ecumenical and International Relations – 20 May 2010, in: www.
kairospalestine.ps, Die Stunde der Wahrheit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus der Mitte des Leidens der Palästinenser und Palästinenserinnen.
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf diesen Text.

Hanna Lehming

Pastorin und Beauftragte für christlich-jüdischen Dialog der Nordelbischen Ev.-luth. Kirche, ist Nahostreferentin des Nordelbischen Missionszentrums (NMZ) in Hamburg.