Thomas Hirsch-Hüffell

Gottesdienst mit „Lebens-Expert/innen“

Die Idee

Menschliche Erfahrungen aus erster Hand stehen im Zentrum dieses Gottesdienstes: Die Gemeinde erhält Einblick in ein Themenfeld, repräsentiert von Menschen, die damit unmittelbar befasst sind.

Das ist das Anliegen vom „Gottesdienst mit Lebensexpert/innen“. Die Verantwortlichen zitieren nicht nur menschliche Erfahrungen in der Predigt, sondernlassen sie selbst vorkommen. In der Regel sind es drei Menschen, die zu einem vorher abgestimmten
Gesamtthema in der inszenierten Form eines ‚offenen Kunstwerks‘ sprechen. Sie führen in ihre Wirklichkeit ein – in einen Arbeitsbereich, eine besondere Fähigkeit, einen Erfolg oder einen Abgrund.

Diese Menschen werden ‚Lebens-Expert/innen‘ genannt, weil sie in einem Teilbereich menschlicher Existenz besonders bewandert sind.

Davon werden sie noch nicht zu Spezialisten. Aber sie werden in gewisser Weise auf ein Thema „reduziert“, für das sie persönlich stehen, vergleichbar einer Rolle im Theater. Diese Rolle kommt allerdings aus ihrem eigenen Leben.

Solche Gottesdienste haben ein je eigenes Thema (z.B. Geburt), das aus unterschiedlichen Perspektiven erzählend behandelt wird. Wer solch einen Gottesdienst plant, spricht Menschen an, die etwas zum gewählten Thema beitragen können, erklärt ihnen die Idee, verpflichtet sie auf die Termine und Regeln und befragt sie nach einem Schema, das sich aus dem biblischen Zusammenhang des Themas ergibt. Die dabei entstehenden Berichte der Beteiligten werden zusammen mit ihnen redigiert, pointiert und inszeniert. So entsteht eine Art Collage zu einem Themenfeld. Sie ersetzt die Predigt und soll einschließlich der Musik nicht länger als 30 Minuten dauern. Diese Inszenierungsform wird angereichert mit Musik und einfachen Elementen theatraler Technik (z. B. Innehalten, Tempowechsel, Lichtwechsel, Pausen-Gestaltung usw). Die Collage wird komplettiert durch ein geistliches Wort, das die anderen Beiträge nicht erklärt und deutet, sondern wie eine vierte Stimme auf biblische und geistliche Zusammenhänge hinweist. Der liturgische Rahmen ist der eines normalen Gottesdienstes. Normalerweise wird eine Gemeinde solche Gottesdienste zwei- bis dreimal jährlich feiern können.

Ein Beispiel: Geburt

Die Pastorin will im Advent kurz vor Weihnachten zum Thema Geburt einen Gottesdienst mit Lebens- Expert/innen veranstalten. Sie sucht sich dafür drei geeignete Personen. Diese sind im Themenfeld beruflich oder/und anderweitig durch eigene Erfahrungen versiert, sie können vor vielen Menschen sprechen, und sie müssen damit einverstanden sein, in einem öffentlichen Gottesdienst aufzutreten. Es handelt sich in diesem Fall z. B. um eine Hebamme, einen Kinderarzt und eine Frau vom Jugendamt, deren berufliche Aufgabe die Sorge für das Kindeswohl ist. Sie suchen sich nun eine biblische Passage aus, die sie als Grundlage für den Gottesdienst nehmen möchten. Zum Thema ‚Geburt‘ liegt die Weihnachtsgeschichte nach Lukas nahe. Der biblische Bezug soll im Folgenden auch die Grundlage der Fragen bilden, die den Expert/innen gestellt werden. Die Weihnachtsgeschichte hat als markantes Profil den ungewöhnlichen Ort, also legt sich die Frage nahe: Was kann man über den Ort sagen, an dem Kinder zur Welt kommen? Zum zweiten durchzieht als Querschnittsthema die Frage: Wie soll ich (Herodes, Weiser, Hirte, Maria, Josef, Israel, Erde) dich, Jesus, empfangen? Entsprechend werden die Beteiligten gefragt, was sie erzählen können über die Reaktionen von Menschen und Einrichtungen auf eine Geburt, das heißt auch, wie technisch oder menschlich eine moderne Gesellschaft ihre Neugeborenen aufnimmt. Und drittens ist und bleibt Weihnachten ein Wunder, und die Pastorin fragt die Expert/innen also: Wo ist das Wunder bei den Geburten, die ihr kennt? Diese drei Fragen bilden das Gerüst für das folgende Interview. Anhand der drei Fragen lässt sich später auch die Collage komponieren.

Die drei Expert/innen werden möglichst gemeinsam in einem Interview befragt. Die Fragen sind offen gestellt, sie wollen eine Episode oder eine Einsicht evozieren, konkrete Erlebnisse, detailgenau und farbig. Eine Person stellt die Fragen und jemand anderes protokolliert die Episoden – jede auf eine Karte mit großer Überschrift – und mit kleinerer Schrift darunter die Leitmotive des Erzählten, damit man sich später gut erinnern kann. Jeder Person wird eine andere Kartenfarbe zugewiesen, damit man nachher die unterschiedlichen Personen anhand der Farben gut unterscheiden kann. Die Expert/innen werden sodann gebeten, ein Requisit aus ihrer Arbeit mitzubringen, das groß genug ist für die Kirche und anhand dessen man sie klar identifizieren kann (z. B. Arzt – Stethoskop). Außerdem überlegen alle gemeinsam in der Kirche, wo und wie sie sich präsentieren wollen. Bewährt haben sich kleine Podeste (1 auf 2 m), sodass jeder Experte seine „kleine Insel“ hat. Die Interviewten erfahren, dass aus ihren Beiträgen nun bis zum nächsten Mal der 1. Entwurf einer Collage gefertigt wird. Der wird ihnen beim nächsten Treffen vorgelegt, und sie können dann darin streichen, ergänzen oder umstellen.

Die Leiterin erstellt bis zum zweiten Treffen eine Collage nach bestimmten Kriterien dramaturgischer Logik. Es geht darum, die Beiträge so anzuordnen, dass sie in den Köpfen der Zuhörer miteinander anfangen zu sprechen. Die Stücke sollen pro Person jeweils maximal zwei Minuten lang sein. Die Gesamtanordnung braucht etwas Spannung. Den Ertrag an Episoden legt man auf der Erde mit den Karten aus, schiebt sie hin und her und sortiert aus. Dazwischen fügt man die eigenen Beiträge geistlicher Art an den Stellen, die einem sinnvoll erscheinen. Auch diese sollen zwei Minuten nicht übersteigen. Dazu gibt es drei kleine Musikstücke, ebenfalls nicht länger als zwei Minuten, die am besten von einem improvisierenden Instrument vorgetragen werden, aber notfalls auch vom Band kommen können. Je schärfer die Schnitte innerhalb der einzelnen Teile sind, desto mehr achten die Hörenden auf den Inhalt und desto intensiver müssen sie die Verbindungen selbst knüpfen. Das Ende kommt ohne Moderationsrede aus. Die letzte Episode oder ein treffender Gedanke beschließt den Reigen der Beiträge. Danach gehen alle Lebens-Expert/innen zurück auf ihre Plätze in der Kirche. Die geistlichen Einlassungen beziehen sich ohne Moderationsrede auf die anderen Inhalte, z. B. ‚Der Stall als Hütte Gottes bei den Menschen. Das Baby im Schuhkarton. Die Klarheit des Sterns.

…‘. Ein Kehrvers kann die Collage durchziehen. Wenn alles am vorerst richtigen Platz liegt, schreibt man die Karten und Impulse ab in ein Drehbuch. Aufgrund der Länge der Collage und der Aufbauten im Altarraum ist es in der Regel günstiger, auf die Feier des Abendmahls zu verzichten (bzw. einen Gottesdienst zu wählen, in dem ohnehin üblicherweise nicht Abendmahl gefeiert wird). Nach dem Gottesdienst empfiehlt sich ein Treffen mit der Gemeinde im Kirchraum rund um die Podeste mit den Requisiten. Die Leitung und die Expert/innen bleiben und lassen sich ansprechen. So erhält das Team Resonanz, und es entspinnen sich oft gute Gespräche.


Ein Kinderarzt im Gottesdienst

Homiletisch-missionarischer Ertrag

Nur wenige Gemeinden nehmen in ihren Predigten auf, was im Stadtteil, im Altersheim oder auf dem Arbeitsamt geschieht. Wenn es geschieht, dann eingeflochten in den Duktus der Predigt und aus der Perspektive des Predigenden, der eine Erfahrung „aus dem Leben“ für die Auslegung des biblischen Textes nutzen möchte. Das Neue für die Predigtkultur an dem vorgestellten Modell liegt darin, Menschen aus anderen Arbeits- und Lebensfeldern zu Wort kommen zu lassen. In Form von Predigten oder Bibelarbeiten durch Laien und Nicht-Theologinnen geschieht dies an manchen Orten (Kirchentage, Ärztekanzel, Kanzelreden etc.). Die Gewichtung ist hier aber eine andere. Vertreter von Lebenswelten (unabhängig von ihrem eigenen konfessionellen oder religiösen Profil) treten auf, sind in der geistlichen Mitte der Gemeinde zu sehen und zu hören. Der Bericht und die Mischung von Berichten wirken an sich und werden behutsam durch theologische Bemerkungen beleuchtet. Der Gottesdienst selber führt so unterschiedliche Menschen zusammen, nicht nur als Mitfeiernde, sondern auch als Sprechende. Im günstigsten Fall entsteht eine Art Korrelation zwischen Lebenswelten, die einander beleuchten.

Die Gäste als „Experten“ zu bezeichnen, wertet sie auf (ohne andere abzuwerten) und soll zeigen, dass ihre Erfahrungen und Einsichten in diesem Gottesdienst ausnahmsweise „Predigtrang“ bekommen.

Schon das Interview im Vorfeld, das sich aus einem biblischen Zusammenhang heraus versteht, ergibt in der Regel so viele erhellende Erzählungen, dass sich die Verbindungen zu biblischen Texten und Predigt-Ideen regelrecht aufdrängen. Die Jugendamts-Mitarbeitende beim Gottesdienst zum Thema Geburt berichtet z. B., wie sie einer wohlsituierten Piloten-Gattin ihr erstes Baby wegnehmen muss, weil sie wegen ihrer langfristigen Einsamkeit depressiv und nahezu handlungsunfähig ist. Direkt danach wird sie in eher ärmliche Wohnverhältnisse am Ortsrand gerufen, weil eine sechsköpfige Familie in einem Raum lebt und schläft, die Kinder in Bettkästen an den Wänden, das Neugeborene in einem Schuhkarton, ausgestattet mit Puppen-Wäsche. Trotz der Beengtheit ist sie aber überzeugt, dass alles zum Wohl des Kindes getan wird; die Großfamilie kann gut umgehen mit dem weiteren Baby in ihrer Mitte – nur die Umstände sind ungewöhnlich, jedoch ohne jede Gefahr für das kleine Wesen. Die Jugendamts-Mitarbeiterin kann beruhigt wieder gehen und besorgt ein Kinderbett für die Familie. Wer wollte sich so etwas ausdenken? Wie reich und differenziert ist das wirkliche Leben. Mit dieser Episode fällt die Korrelation zu Stall und Krippe leicht. Die passende Passage aus dem Lukasevangelium als Collage-Baustein daneben zu setzen, bietet sich an, ohne dass es eines weiteren Kommentars bedarf.

Wenn Themen „aus dem Leben“ in dieser Weise zu Wort kommen, erleben Menschen dies als eine Würdigung durch die Kirche. Sie haben das Gefühl, in der ‚heiligen‘ Mitte, dem Gottesdienst, zu Wort zu kommen mit dem, was ihnen selber wichtig ist. Die Menschen mit ihren Erfahrungen (in ästhetisch gefasster und knapper Form) und die biblischen Texte, Lieder und Gebete begegnen sich in gewisser Weise auf Augenhöhe – und die hörende und feiernde Gemeinde zieht daraus ihre eigenen Schlüsse für ihr Leben.


Eine Hebamme erzählt von ihren Erfahrungen

Eine Expertin sagte nach dem Gottesdienst: „Ich gehör ja nicht zur Kirche, ich bete auch nicht und glauben tu ich nicht, das bleibt auch so. Aber dass ihr mich so offen und ohne schräge Absichten hier habt reden lassen, das rechne ich euch hoch an – und das sag ich weiter.“

Umgekehrt: Menschen, egal welchen Glaubens, würdigen die Kirche, indem sie sich befragen lassen und in einem Gottesdienst auftreten. Sie halten sie trotz aller Vorurteile für geeignet, lauter und ohne Nebenabsichten nach der Wahrheit zu suchen. Sie tragen ihr Wertvollstes in die Mitte der Gemeinde – und das gerät – in aller Nüchternheit – oft zu einer berührenden Offenbarung. Die Collage
stellt kleine Elemente mit „scharfen Schnitten“ (unkommentierten Übergängen) so zusammen, dass eine thematische Einheit sichtbar wird, aber keine festlegende Deutung geschieht. Wer die drei Expert/innen und die Pastorin im Wechsel ihre Impulse sprechen hört, muss sich selbst einen Reim machen. Die Predigt wird dabei wie das vielzitierte „offene Kunstwerk“ (Gerhard Marcel-Martin). Im Nachgespräch tritt die Vielfalt der entstandenen Gedanken und Assoziationen zu Tage. Manche sagen, sie hätten ‚anders‘ verstanden als sonst, gar nicht unbedingt ‚Anderes‘, sondern in anderer Weise, nämlich involvierter. Diese Gottesdienstform hat fast nebenbei ein missionarisches Moment: Die Expert/innen bringen oft Freunde mit, neue Menschen kommen in den Gottesdienst, die sonst der Kirche eher fern stehen. Eine Gemeinde, die eine solche Form pflegt, gerät im besten Fall in den Ruf, Themen und Menschen außerhalb ihrer selbst ernst zu nehmen.

Pastoren, die dies Projekt ausprobiert haben, sagen, sie hätten völlig neue Einblicke in ihren Gemeindebereich erhalten. Kasualien (Gottesdienste mit biografischem Schwerpunkt) führen sie ja schon immer in die Häuser. Aber diese thematisch orientierte Suche zwingt zum Hinschauen, sie müssen hingehen, fragen, staunen, mitdenken. Das alles kostet etwas Zeit, aber alle berichten von viel Vergnügen und Erkenntnisgewinn. Gleichzeitig lernen wichtige Leute im Stadtteil oder Ort die Pastoren kennen, und das von ihrer freundlichsten Seite. Sie fühlen sich durch die Anfrage fast immer geehrt – selbst wenn sie ihr nicht nachkommen.
Im Prinzip übernimmt dieser Typus Gottesdienst auch Aspekte aus den Gottesdiensten für Menschen, die sich taufen lassen, heiraten oder bestattet werden, den sog. Kasualien. Dort steht Biografie in der Mitte, hier auch – aber nicht allein. Die berufsbiografische Erfahrung und Kompetenz wird im Dienst eines Themas genutzt. Anders als bei den gängigen Kasualien kommen bei den Lebens- Expert/innen Sachkenntnisse hinzu, die ein soziales oder politisches Feld eröffnen können – in den Raum des Gottesdienstes hinein.

Thomas Hirsch-Hüffell

Pastor im gottesdienst institut nordelbien. Auf der Webseite des Institutes steht eine ausführlichere Dokumentation des Modells unter http://www. gottesdienstinstitut-nek.de/gottesdienst-projekte.htm