Michel Bollag

Landverheißung

Zwei Gebetstexte aus der Alltagsliturgie haben während der fast zweitausend Jahre Diasporaexistenz das jüdische Bewusstsein geprägt: Der erste lautet: „Bringe uns zum Frieden von den vier Enden der Welt und führe uns aufrecht in unser Land“; der zweite: „Blase in das große Horn unserer Befreiung, erhebe die Fahne, um unsere Zerstreuten zu sammeln, und sammle uns ein von den vier Enden der Erde.“ Im Unterschied zum Christentum und zum Islam, die sich als universelle Religionen im wortwörtlichen Sinn verstehen, zeigt der Inhalt dieser Gebetstexte deutlich, dass das Judentum nicht nur als eine Religion zu verstehen ist, deren Texte universelle Bedeutung und Ausstrahlung hatten und haben, sondern dass die Juden zunächst ein Volk mit eigenen Sitten und Bräuchen konstituieren. Ihre liturgischen Texte erinnern sie daran, dass sie einst in einem Land wohnten, zu dem sie auch nach den beiden Tempelzerstörungen eine Beziehung aufrechterhalten haben, und bringen die Hoffnung zum Ausdruck, von Gott erlöst und in das Land zurückgebracht zu werden, das Er ihnen verheißen hatte.

Die zionistische Bewegung

Die von einem als offenbart geltenden Text festgeschriebene Beziehung zum Land gehört genuin zu den Grundlagen des jüdischen Selbstverständnisses. Das Wesen und die theologische Bedeutung dieser Beziehung ist damit gewiss noch nicht geklärt; und dies schafft Missverständnisse. Das Verständnis und die Rolle des Verhältnisses zum Land Israel erhielt erst mit der Emanzipation der Juden in Europa allmählich Aktualität. Die Emanzipation hatte den Juden ermöglicht, als Teil der europäischen Eliten an den intellektuellen und politischen Debatten teilzunehmen und sie mitzugestalten. Sie waren von nun an nicht mehr passiv dem Willen der Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert, sondern konnten selbst für ihre Anliegen einstehen. Auf diesem Hintergrund entstand im 19. Jahrhundert, ausgelöst durch den antisemitischen Widerstand der konservativen und nationalistischen Kräfte gegen die Integration der Juden in den europäischen Nationalstaaten, die zionistische Bewegung. Die meisten der ersten Zionisten im 19. Jahrhundert sowie die Menschen, die bis zum 2. Weltkrieg nach Palästina auswanderten, waren säkulare Juden. Ihr Traum, einen souveränen jüdischen Staat auf dem Gebiet zu gründen, auf dem ihre Vorväter gelebt hatten, war emanzipatorisch begründet.

Was mir Israel / Palästina bedeutet?

Insgesamt zwei Jahre lebte und studierte ich in Jerusalem, 1979/80 als Student an der Hebräischen Universität im Rahmen des Studienprogrammes „Studium in Israel“ und 1983/84 als Studienleiter. Zwei Jahre, in denen mich das Land und die Menschen in meinem Leben und Handeln, in meiner Theologie und in meinem politischen Verständnis sehr stark geprägt haben. Die Beschäftigung mit jüdischer Theologie und die Kenntnis des Landes – manche sprechen von dem Land als fünftem Evangelium – haben große Auswirkung auf mein Predigen. Die biblischen Geschichten sprechen ganz neu zu mir, wenn ich sie in ihrem Kontext von jüdischem Glauben und Land lese. Sorgen mache ich mir über die Veränderung der Gesellschaft und der politischen Situation. Lebten Israelis und Palästinenser damals noch selbstverständlicher miteinander, so hat sich der Graben seither immer weiter vertieft. Welche Rolle können die Christen im Friedensprozess übernehmen?


Wolfgang Kruse
Pfarrer für die deutschen Auslandsgemeinden in London und Oxford

Ihre Beziehung zum Land war gewiss Teil ihres kulturellen Gedächtnisses, doch die biblischen Landverheißungen im Sinne von göttlichen Aussagen spielten in ihrer politischen Argumentation keine Rolle. In Anlehnung an den damaligen nationalistischen Diskurs, gemäß dessen jede Nation ihr Territorium besaß, war Palästina historisch gesehen das Land, in dem schon die Vorväter der heutigen Juden gelebt hatten, und somit ein Territorium, auf welches die Juden einen legitimen Anspruch hatten. Das Land war ihnen von den Römern genommen worden, wurde später von anderen Eroberern besetzt und nun, da die Juden im Europa der Nationalstaaten zunehmend Schwierigkeiten hatten, ihren Platz zu finden, könne die Lösung dessen, was man als die Judenfrage bezeichnete, nur in der Errichtung eines Judenstaates in der historischen Heimat bestehen. Die religiösen Bezüge, in welche diese Geschichte gestellt war, spielten – wenn überhaupt – nur eine marginale Rolle. Der Beschluss zur Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat im November 1947 war es dann, der dem Staat Israel seine völkerrechtliche Legitimation gab. Neben Israel hätte gemäß UNO-Beschluss ein arabischer Staat entstehen müssen. Dazu kam es leider nicht, und somit ist es bis heute im blutigen Konflikt zwischen Israel, den Palästinensern und den arabischen Staaten zu keiner Lösung gekommen.

Die Konfliktursache ist immer noch die gleiche: Zwei Völker erheben einen legitimen Anspruch auf dasselbe Territorium. Geändert hat sich in den letzten vierzig Jahren jedoch die Argumentationsweise. Namentlich auf der israelischen Seite begründen seit dem Krieg 1967, in dem der Sinai, die Golanhöhen, das Westjordanland und insbesondere Ost-Jerusalem eingenommen wurden, viele religiöse Juden ihr Recht, an allen Orten des Landes zu siedeln, mit den biblischen Landverheißungen. Aus Worten wie: „Denn das ganze Land, das du siehst, dir werde ich es geben und deinen Nachkommen“ (1. Mose 13,15), die Gott zu Abraham gesagt hatte, als sich dieser von Lot getrennt hatte, oder: „Deinen Nachkommen gebe ich dieses Land, vom Strome Ägyptens bis an den großen Strom, den Strom Euphrat“ (1. Mose 15,18), die im Kontext des ersten Bundesschlusses stehen, den Gott mit Abraham schließt, wird von religiös-nationalen Kräften ein absoluter Anspruch auf alle Teile des Landes erhoben. Aus weiteren Texten vornehmlich aus dem Talmud und aus Werken der mittelalterlichen rabbinischen Exegese werden ein Gebot, sich in allen Teilen des Landes anzusiedeln, und das Verbot, das von Gott den Juden verheißene Land an Fremde abzugeben, abgeleitet.

Gottes Wort im Konflikt

Mitten in einen territorialen Konflikt wird folglich mit religiösen Texten argumentiert, um Legitimitätsansprüche zu begründen.

Was mir Israel / Palästina bedeutet?

Es sind die Menschen in diesem Land auf beiden Seiten des Zaunes, die mir sehr viel bedeuten. Freunde, die miteinander keine rechte politische Zukunft zu haben scheinen. Das macht mich traurig. „Die Geschichte verlief nicht nach unseren Träumen“, sagen die einen, jüdische Freundinnen und Freunde. „Wie und wann endet endlich die zielstrebige, rasante Besiedlung – wann endet die Besatzung, die unseren Alltag von morgens bis abends bestimmt?“, fragen die anderen, Freunde und Freundinnen auf der palästinensischen Seite.

Am Anfang war es die Neugier auf das Land meiner Bibel, die mich nach Israel brachte. Das Land, in dem die Sprache der Bibel gesprochen wird. Das Land, in dem sich Gott geerdet hat, fasziniert bis heute, trotz aller Bautätigkeit, durch seine landschaftliche Schönheit.


Katja Kriener
Pfarrerin an der Melanchthonakademie Köln und Frauenreferentin des Ev. Kirchenverbandes Köln und Region

Eine solche Verabsolutierung biblischer Sätze und damit deren politische Instrumentalisierung jenseits jeglicher historischer und theologischer Analyse der Kontexte, in denen solche Texte geschrieben wurden oder stehen, verunmöglichen jeglichen politisch-rationalen Diskurs. Nachdem die Grundlage der Argumentation, nämlich die Tora, nur für die eine Seite verbindlich ist, kann die andere Konfliktpartei unmöglich Gegenargumente ins Feld bringen, die eine Chance haben, gehört zu werden. Wenn Gott und sein Wort so ins Spiel gebracht werden, wird der Andere mundtot gemacht. Der Dialog ist blockiert und die Suche nach einer politischen Lösung des Konfliktes kann nicht in Aussicht gestellt werden. Ob Gott das wohl so gemeint haben kann? Jemandem, der den Texten abspricht, das ultimative Wort Gottes zu sagen, wird stets der Vorwurf gemacht, er nehme die Texte als Offenbarungen Gottes nicht ernst. Ich möchte hier zeigen, dass das Gegenteil der Fall ist und dass die sechs Textstellen im Ersten Buch Moses, in denen das Land den Vätern und deren Nachkommen verheißen wird, keineswegs aus der heutigen Perspektive theologisch belanglos werden, wenn man sie anders interpretiert als die Exponenten der israelischen Siedlerbewegung. Dazu ist zuallererst daran zu erinnern, dass die Textstellen über die Landverheißungen im Ersten Buch Moses nicht losgelöst von ihrem Kontext gelesen werden dürfen. Dies gilt sowohl aus der Sicht der bibelwissenschaftlichen Exegese, die diese Texte in die verschiedenen historischen Horizonte stellt, in denen sie ihren Ursprung haben, als auch für die klassische rabbinische Exegese, auf die ich mich hier näher beziehe. Auf der Suche nach Aktualisierungen des ewigen Wort Gottes forscht diese nach Antworten aus den intertextuellen Kontexten, in denen einzelne Aussagen, Erzählungen und Gebote der Tora stehen, um diese auszulegen und praxisrelevant für die jeweilige Gegenwart zu machen. Diese Kontexte können an ganz verschiedenen Stellen der Heiligen Schrift gefunden werden, denn diese bildet als Ganze das Eine Wort Gottes. Dabei gehen die Rabbinen davon aus, dass das ewige Wort Gottes nicht identisch mit dem Geschriebenen ist, sondern dass dessen Bedeutung ewig im Text, in jedem Buchstaben, jedem Wort und jedem Satz verborgen bleibt. Beim genauen Lesen der immer gleich bleibenden Texte und bei Beachtung bestimmter hermeneutischer Regeln müssen die Texte immer wieder auf ihren Sinn befragt werden. Die führt uns zu den Landverheißungen zurück

Von Gott gegeben

Das wichtigste immer wiederkehrende Leitwort aller Landverheißungen in den Vätererzählungen ist das Wort natati – ich gebe oder auch: ich habe gegeben. Gott ist derjenige, der das Land den Nachkommen der Väter gibt. Auch im fünften Buch Moses ist davon die Rede, dass Gott das Land gegeben hat, um es zu erobern. Dieses Wort natati findet man jedoch auch dort, wo Gott den Kindern Israels verbietet, die Landgebiete Edoms und Moabs zu befehden oder zu erobern. Die Begründung dafür wird mit demselben Wort angeführt, mit dem auch das Land den Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs verheißen wird: natati – ich habe es gegeben, und zwar ihnen, diesen Völkern. Gott ist derjenige, der den Völkern, grundsätzlich allen Völkern, ein Land gibt, um darin in Sicherheit wohnen zu dürfen. Der theologische Grundsatz, den die Tora in all diesen Kontexten betont, ist derjenige der Gabe des Landes an die Menschen, wie es heißt: „Die Himmel sind des Ewigen Himmel, die Erde aber hat er den Menschenkindern gegeben“ (Psalm 115,16). Völker sind nicht Eigentümer des Landes, in dem sie wohnen, sondern Bewohner im Eigentum Gottes. Eigentlich sind Menschen überall Fremde auf Erden und bedürfen deshalb der Anweisungen, die dessen Eigentümer uns gegeben hat, wie der Psalmist sagt: „Ein Fremder bin ich auf Erden, verbirg nicht vor mir Deine Gebote“ (Psalm 119,19). Dass Gott der Eigentümer von Himmel und Erde ist, ist letztlich in der Tatsache begründet, dass Gott der Schöpfer ist. Diese Tatsache stellen die Redaktoren der Tora an deren Anfang. Auf die verblüffend anmutende Frage der Rabbinen, weshalb die Tora nicht mit dem ersten Gebot beginne, das sich an das jüdische Volk richtet, antwortet Rabbi Jizchak, indem er einen Vers aus dem Psalm 111 zitiert: „Die Kraft seiner Taten hat er seinem Volk kundgetan, um ihnen das Erbe der Völker zu geben.“ Darauf basierend erläutert Rabbi Jizchak, dass Gott den Völkern Kanaans das Land gegeben hat und ihnen wieder genommen hat, um es denen zu geben, die in seinen Augen gerade sind. Diese Deutung ist einer der berühmtesten Kommentare zum ersten Vers der Genesis, einer auch der heute am meisten von religiös-nationalen Kräften instrumentalisiert wird. Dabei wird freilich dessen subversive Aussage gründlich übersehen. Die Aussage des Psalms macht die Gabe des Landes abhängig von der Erkenntnis der Kraft der Gottestaten, nämlich dass Gott der Schöpfer und Eigner der ganzen Erde ist. Er gibt dieses Land demjenigen, der gerade ist in seinen Augen, demjenigen also, der dies erkannt hat, sich selbst als Fremder und Beisaß im Land versteht und sich dementsprechend verhält, in einem Wort also: demjenigen, der die Tora erfüllt.

Was mir Israel / Palästina bedeutet?

Als Deutsche haben wir angesichts der Geschichte eine bleibende Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk und stehen in unlösbarer Beziehung zu Israel. Als Christin glaube ich, dass der Jude Jesus von Nazareth den ewigen Bund Gottes mit Israel auch für die Völker geöffnet hat. Dadurch bin ich zutiefst verbunden mit Gottes erstberufenem und bleibend erwähltem Volk. Dieses ist nicht identisch mit dem realexistierenden Staat Israel, aber auch nicht völlig von ihm zu lösen. Das bedeutet keine unkritische, blinde Zustimmung zu allen politischen Entscheidungen, wohl aber eine unverbrüchliche Solidarität mit Israel.


Dorit Felsch
Vikarin in Wuppertal

Damit aber steht die Verheißung des Landes an die Väter in einem weiteren, nun spezifisch sich auf das Volk Israel bezogenen Kontext, demjenigen des Bundes, den er mit den Vätern und später mit dem ganzen Volk am Berg Sinai und schließlich in der Wüste Moabs schließt. In seinem Bund mit dem Volk geht Gott die Verpflichtung ein, sein ursprüngliches Versprechen an die Väter zu halten: Die Kontinuität der Existenz des Volkes zu bewahren und ihm ein Land zu geben, auf dem es wohnen darf. Die Israeliten ihrerseits werden auf die Einhaltung der Tora und der darin enthaltenen Gebote verpflichtet. Nur diese garantiert letztlich, dass das Wohnrecht im verheißenen Land ohne Unterbrüche gewährt bleibt. Gott gibt zwar das Land für immer dem Volk Israel, das Wohnrecht darin ist jedoch nicht exklusiv, es ist an Bedingungen geknüpft, zum Beispiel dem Schutz der Fremden. Die Rede vom verheißenen Land erhält auf diesem Hintergrund einen neuen Sinn. Wenn man sie wahrlich ernst nimmt, ist sie aus der Perspektive einer traditionellen jüdischen Lektüre der Tora niemals als Rechtsanspruch von Menschen zu lesen, sondern immer nur als Ausdruck der Hoffnung des Volkes im Lande, das Gott ihm gegeben hat, leben zu dürfen, im Kontext des Anspruchs Gottes an sein Volk, das Land, das es als das seine bezeichnet, als göttliches Geschenk zu verstehen und aus der Anerkennung der Abhängigkeit und Zerbrechlichkeit der Existenz sich in Bescheidenheit und Respekt gegenüber den Geschöpfen, die mit ihm wohnen, zu üben. Aus den biblischen Landverheißungen können keine politischen Aussagen abgeleitet werden, sondern sie sind religiöser Natur und haben ethische Konsequenzen. Aus heutiger Sicht sind sie vielmehr eine Antwort auf die Frage, wie wir Juden mit der Tatsache umgehen sollen, dass wir eine unabhängige Existenz im Land der Väter wieder erlangt haben: Diese Antwort lautet, dass wir das Land als uns von Gott gegeben betrachten müssen und dass diese Gabe im Rahmen des Bundes uns dazu verpflichtet, die sozialen und ethischen Gebote der Tora zu erfüllen.

Rabbiner Michel Bollag

arbeitet als Co-Leiter im Züricher Lehrhaus für Judentum, Christentum und Islam