Ruth Gütter

Von der „Kirche der Freiheit“ zur Kirche der Befreiung

Das Impulspapier des Rates der EKD „Kirche der Freiheit – Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ aus dem Jahr 2006 hat lebhafte kontroverse Debatten über den Reformkurs der evangelischen Kirche in Deutschland ausgelöst.

Dass die evangelische Kirche vor großen Herausforderungen steht, die sie zu Reformen nötigt, ist inzwischen unstrittig. Der größte Verdienst des Impulspapieres besteht nach meiner Wahrnehmung deshalb darin, diese Herausforderungen durch eine umfassende schonungslose Analyse in aller Deutlichkeit und Unausweichlichkeit vor Augen geführt zu haben.

Die anstehenden Herausforderungen

Diese Herausforderungen sind zunächst schlicht die Folgen der allgemeinen demographischen Entwicklung und der abnehmenden traditionellen Bindung der Mitglieder an ihre Kirche. Diese Folgen lassen sich in folgenden nüchternen und zugleich alarmierenden Zahlen ausdrücken: Wenn der derzeitige Trend der demographischen Entwicklung und der Austrittszahlen fortgeschrieben wird, dann wird die Zahl der Mitglieder der evangelischen Kirche von 26 Millionen im Jahr 2003 bis zum Jahr 2030 um ein Drittel auf ca. 17 Millionen zurückgehen (S. 21). In den östlichen Gliedkirchen wird die Mitgliederzahl sogar noch mehr zurück gehen und sich nahezu halbieren. Gleichzeitig sinkt die Zahl der Mitglieder im erwerbsfähigen Alter, was dazu führt, dass sich bis zum Jahr 2030 die finanziellen Einnahmen der evangelischen Landeskirchen halbieren werden (S. 22). Dies wird Folgen haben für alle kirchlichen Arbeitsfelder. Angefangen von den Kirchengemeinden bis hin zur Jugendarbeit, den diakonischen Einrichtungen, den Kindergärten, Beratungsstellen etc. In der Tat bekommen bereits alle kirchlichen Ebenen diesen Finanzdruck zu spüren und reagieren durch Strukturreformen wie z. B. Fusionen von Kirchengemeinden, Bündelung von Arbeitsfeldern bis hin zu schmerzvollen Schritten wie der Schließung von ganzen kirchlichen Einrichtungen.

Wie sehr auch die traditionelle Bindung der Mitglieder an ihre Kirche zurückgegangen ist, zeigt der Rückgang bei den Amtshandlungen: die Taufen sind von 1991–2003 um 2%, die Trauungen um 45% und die Bestattungen um 17% zurückgegangen. Nur noch ca. 4% der Mitglieder besuchen sonntags durchschnittlich die Gottesdienste (S. 23) Die Gründe dafür sind vielfältig und werden im Impulspapier umfassend beschrieben.

„Wachsen gegen den Trend“

Angesichts solcher Fakten wäre es nicht verwunderlich, wenn sich nüchterner Pragmatismus oder sogar Resignation breit machen würde. Das Bemerkenswerte an dem Impulspapier ist jedoch, dass es deutlich gegen jede resignative Anpassung an den Status quo Stellung bezieht und ausdrücklich die Chancen der evangelischen Kirchen beschreibt, die auch in dieser Krise liegen. Die Offenheit für nötige Veränderungsprozesse wird gerade als Stärke der evangelischen Kirche verstanden. „… die Reformation (hat) von Beginn an die vorhandenen kirchlichen Strukturen daraufhin befragt, ob und wie sie die Verkündigung des Evangeliums behindern oder fördern. Nach evangelischem Verständnis gibt es keine heiligen, unantastbaren, unveränderbaren Organisationsstrukturen“ (S.13).

„Wachsen gegen den Trend“ ist nach dem Impulspapier das erklärte selbstbewusste Ziel des Reformprozesses. Dazu werden zahlreiche Strukturreformen für die verschiedenen kirchlichen Handlungsebenen vorgeschlagen. Die am meisten umstrittenen, aber bisher erfolgreichsten Forderungen waren die nach der Fusion von Landeskirchen. Nach dem Zusammenschluss von drei Landeskirchen im östlichen Teil Deutschlands zur Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands schließen sich nun gerade drei Landeskirchen im Norden zur Nordkirche zusammen. Selbstkritisch werden auch die noch steigerungsfähigen Kompetenzen, z. B. bei den Pfarrern und Pfarrerinnen, aber auch in der Führungs- und Leitungsebene, benannt (S. 65). Gefordert wird positiv z. B. eine stärkere missionarische Ausrichtung des kirchlichen Angebotes, eine Profilierung der evangelischen Identität, der Mut zur Bildung von Schwerpunkten wie auch die Etablierung neuer Gemeindeformen neben der traditionellen Ortsgemeinde. In insgesamt 12 „Leuchtfeuern“ werden mögliche und notwendige Aufbrüche in verschiedenen Arbeitsfeldern der Kirche beschrieben.

Das Papier „Kirche der Freiheit“ versteht sich als ein Impulspapier – ein Papier also, das Debatten um die nötigen Reformen in der evangelischen Kirche anstoßen sollte. Selbst wenn man vieles oder sogar das meiste dieses Papiers kritisch bewertet, muss man ihm doch zubilligen: dieses Ziel hat das Papier zweifellos erreicht.

Kirche als Unternehmen?

Bei Würdigung aller dieser Stärken gibt es dennoch m. E. eine Reihe von Punkten, die man kritisch benennen kann. Die größte Schwäche liegt nach meiner Wahrnehmung darin, dass die theologische Reflexion für die nötigen Reformen der Kirchen nicht tief genug geht und deshalb auch nicht ausreicht, um die Identität der Kirche und auch das Ziel der Reformen hinlänglich zu beschreiben. Das ganze Papier leidet darunter, dass es von einem durch und durch marktwirtschaftlichen Geist getragen ist, was sich auch sprachlich verräterisch in Ausdrücken wie „Kerngeschäft“, „Marktverlust“, „Benchmarking“ und „Corporate design“ niederschlägt. Das mag daran liegen, dass das Papier von einer Kommission entwickelt wurde, die mehrheitlich mit Personen aus der Wirtschafts- und Finanzwelt und nur in der Minderheit mit Theologen besetzt war.

Fixierung auf Quantität

Ganz allgemein fällt auf, dass durchgängig die Fixierung auf Quantität sehr ausgeprägt ist. Bei fast allen „Leuchtfeuern“ werden quantifizierbare Ziele benannt. So soll z. B. der durchschnittliche Gottesdienstbesuch von 4 auf 10 % gesteigert, die „Taufquote signifikant gesteigert“ und eine Trauquote von 100 % erreicht werden (S. 52). Der Anteil der Profilgemeinden von derzeit ca. 15 % soll auf 25 % gesteigert werden. Bis 2030 sollen 20 % aller Mittel der evangelischen Kirche aus zusätzlich eingeworbenen Mitteln bestehen. Ausdrücklich wird betont, wie wichtig es sei, vom betriebswirtschaftlichen Denken zu lernen, und erleichtert wird festgestellt:

„Der Einwand, dass ein Lernen von den wirtschaftlichen Kompetenzen zwangsweise zu einer Angleichung der Kirche an die Marktwirtschaft führt, wird heute nur noch selten vertreten“(S. 42). Quantifizierung von Zielen in kirchlichen Reformprozessen, quantitatives Wachstum, Erhöhung der Zahlen, Erhöhung der Quoten wird unreflektiert als grundsätzlich positiv gesehen, ja erscheint fast als Ziel an sich. Das hängt m. E. damit zusammen, dass die ekklesiologischen Fragen – also die Fragen nach dem Grund und dem Auftrag der Kirche – zu oberflächlich behandelt werden.

Selbsterhalt der Kirche statt Kirche für andere

Auf knappen drei von über 100 Seiten wird auf das theologische Verständnis von Kirche eingegangen. In aller theologischen Korrektheit werden Artikel VII der Confessio Augustana und die dritte Barmer These dahingehend ausgelegt, die Unverfügbarkeit der Kirche und die Relativität kirchlicher Strukturen zu beschreiben. Kirche soll das Evangelium verkündigen und für den Frieden und die Einigkeit unter den Christen Sorge tragen (S. 33). Das reicht offenbar, um die Aufgabe und die daraus sich ergebende Struktur der Kirche zu beschreiben. Die These von der Unverfügbarkeit der Kirche dient dazu, um die Aufgabe von der Gestaltung der äußeren Struktur der Kirche rein kirchenpolitisch und ökonomisch anzugehen. Die Veränderbarkeit von kirchlichen Strukturen wird als reformatorisches Erbe betont und als „theologische Entlastung des Kirchenverständnisses“ betrachtet, das Raum gibt, um Kirche nach den „jeweiligen sachlichen Erfordernissen“ zu gestalten. Jedoch hat man dabei den Eindruck, dass das Kirchenverständnis dabei theologisch so sehr entlastet wird – also buchstäblich an theologischem Gewicht verliert –, dass insgesamt das Ziel der strukturellen Selbsterhaltung der Kirche ein zu starkes Gewicht bekommt. Das wird deutlich an der Stelle, wo im Impulspapier von der „Kirche für andere“ die Rede ist. Das Verständnis einer „Kirche für andere“ ist dort deutlich ein anderes als das, was Bonhoeffer ursprünglich in seinen Briefen aus „Widerstand und Ergebung“ meinte.

Nur eine stabile und wachsen wollende evangelische Kirche – so das Impulspapier – sei in der Lage, die gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen, die sich aus dem Evangelium ergibt: „Die Sorge um die äußere Gestalt der evangelischen Kirche dient dem Auftrag des Evangeliums, auch in Zukunft Kirche für andere zu sein“ (S. 21). Bonhoeffer dagegen hat in seinem Text, den er 1945 im Gefängnis schrieb, dazu aufgerufen, dass die Kirche auf alle ihre Privilegien verzichten , dass sie sogar ihren Besitz verschenken müsse, um gerade so wieder „Kirche für andere“ werden zu können. Die Argumentation des Impulspapiers stellt die Ekklesiologie Bonhoeffers geradezu auf den Kopf. Nach Bonhoeffer hängt die Reform einer Kirche gerade nicht von der Steigerung ihrer Größe oder ihrer finanziellen Mitteln ab. Vielmehr beginnt Kirche sich zu verändern, wenn sie auf ihre äußeren Sicherheiten verzichtet, wenn sie sich nicht primär um sich selbst sorgt, sondern für andere da ist, und zwar ausschließlich. „Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“ (Widerstand und Ergebung, DBW, S. 560). Man mag Bonhoeffers späte Ekklesiologie heute aus anderen Gründen – z. B. wegen der implizierten paternalistischen Haltung – kritisieren und hat gute Argumente für die Forderung gefunden, die „Kirche für andere“ zu einer „Kirche mit anderen“ weiterzuentwickeln. Dennoch kann m. E. das Kirchenverständnis des Impulspapiers keinesfalls mit Bonhoeffers Verständnis einer „Kirche für andere“ begründet werden.

Fehlen der ökumenischen Dimension

Ein weiterer Kritikpunkt am Impulspapier wurde schon kurz nach seiner Veröffentlichung von vielen Seiten geäußert – u. a. auch in einer Stellungnahme des Evangelischen Missionswerkes in Hamburg EMW. Es ist die Kritik an der kompletten Ausblendung der Tatsache, dass auch die evangelische Kirche in Deutschland Teil der weltweiten Kirche ist. Die weltweite Ökumene und das weltweite Gerechtigkeitshandeln der Kirche werden zwar im Vorwort als zentrale Herausforderung benannt, aber dennoch als etwas angesehen, das nicht thematisiert werden muss (Kirche der Freiheit S. 8). Auf vielfache Nachfrage wurde das damit erläutert, dass die möglichen Erfahrungen aus der Ökumene für den Reformprozess der EKD nicht von Bedeutung seien. Dass das eine große Fehleinschätzung ist, haben die Verfasser des Papiers inzwischen selbst eingestanden.

So hat es 2008 z. B. eine Konsultation mit Vertretern von Partnerkirchen der EKD aus Afrika, Lateinamerika und Europa gegeben, in der die Reformansätze dieser Kirchen vorgestellt und diskutiert wurden. Dabei wurde deutlich, dass die EKD sehr wohl von den Reformansätzen anderer Kirchen lernen kann, die zwar in einem ganz anderen Kontext leben und arbeiten, aber dennoch vor ähnlichen Herausforderungen stehen. Z. B. könnte die EKD von diesen Kirchen, die oftmals viel ärmer und kleiner sind, lernen, dass es nicht von der Größe und Finanzkraft einer Kirche abhängt, ob sie das Evangelium wirkmächtig verkündigen und glaubwürdig leben kann. Jedoch sollte man m. E. Armut und Minderheitenstatus einer Kirche auch nicht idealisieren und umgekehrt zur Bedingung für ihre Wirksamkeit und Glaubwürdigkeit machen. Ob eine Kirche das Evangelium glaubwürdig verkündet, ob sie Kirche in der Nachfolge Jesu ist, hängt nicht an ihrer Größe oder Kleinheit, sondern daran, wie sehr sie das Evangelium Jesu ernst nimmt und es in Wort und Tat bezeugt. Dennoch bleibt es erstaunlich, dass z. B. das „weltweite Gerechtigkeitshandeln“ der Kirche im Impulspapier so rigoros ausgeblendet wird, denn immerhin gehören die Mittel für den Kirchlichen Entwicklungsdienst zu den größten Posten des EKD-Haushalts (ca. 45 Millionen jährlich) und ist seit 40 Jahren ein in Deutschland, aber auch weltweit geschätztes Markenzeichen der evangelischen Kirchen, welches für den Einsatz der Kirche für Befreiung aus Armut und Ungerechtigkeit steht. Kaum eine andere Kirche in Europa und Nordamerika engagiert sich in diesem finanziellen Umfang für dieses kirchliche Aufgabenfeld und bezieht in den Äußerungen seiner Entwicklungswerke, aber auch durch kirchliche Verlautbarungen so deutlich Stellung gegen Armut und Ungerechtigkeit. Diese wichtige und geschätzte Arbeit der evangelischen Kirche und ihrer Werke kommt im Impulspapier nur ganz schwach und unzureichend unter „Diakonischem Handeln“ im 8. Leuchtfeuer vor.

Verständnis von Freiheit

„Freiheit“ ist der Schlüsselbegriff des Impulspapiers. „Zur Signatur evangelischen Christseins gehört Freiheit“ (S. 13). Durch Gottes gnädigen Zuspruch erfährt der Mensch Trost, Stärkung und Befreiung. Zu dieser Freiheit gehört auch, Verantwortung für andere zu übernehmen. Positiv bemerkenswert ist, dass dabei einem Verständnis von Freiheit eine Absage erteilt wird, welches Freiheit nur als individualistisch versteht und im Gegensatz zu Verantwortung und Verbindlichkeit. Diese zur Freiheit gehörende Verbindlichkeit und Verantwortung wird jedoch leider nur in ihrer Bedeutung für die Kirche ausgelegt und nicht in ihrer Relevanz für die Weltverantwortung der Kirche thematisiert. So bleibt die soziale und politische Verantwortung der Kirche genauso unterbestimmt wie die Befreiung des Menschen nicht nur aus individueller, sondern auch aus struktureller Sünde, die das Evangelium Jesu verkündet. Nach meiner Wahrnehmung wird auch hier, wie so oft, die Rechtfertigung des Sünders zu sehr als punktuelles Geschehen betrachtet und nicht als ein Prozess der umfassenden Befreiung. Für Bonhoeffer z. B. war Rechtfertigung ein Prozess, der als Ziel die Heiligung hatte (Konkrete Ethik bei Paulus, DBW 14, S. 727). Es ging ihm darum, dass der von Christus Freigesprochene sich auf den Weg der Nachfolge und der Heiligung begibt. Man könnte heute sagen: es geht darum, die Rechtfertigung aus Gnaden auf ihre politische Dimension auszulegen. Das jedoch kommt im Impulspapier fast gar nicht in den Blick.

Von der Kirche der Freiheit zur Kirche
der Befreiung?!

Wie bereits erwähnt, versteht sich „Kirche der Freiheit“ als Impulspapier, also als ein Papier, das Impulse freisetzen wollte. Als solches sollte man es auch verstehen und nicht etwa als Katechismus der EKD für das 21. Jahrhundert. Einiges hat es strukturell anstoßen können – z. B. die Fusion von Landeskirchen und die Einrichtung einiger Zentren. Aber das Papier hat nach meiner Wahrnehmung nicht mehr die Brisanz wie noch vor vier Jahren. Nach der Wahl einer neuen Synode, eines neuen Rates sowie der Amtsübernahme des neuen Ratsvorsitzenden ist zudem noch offen, in welche Richtung der Reformprozess weitergeführt wird. Einige Beschlüsse des Rates zeigen, dass er z. B. die Gemeinden stärker ermutigen soll und er von einem bisher vorwiegend Top Down Prozess stärker als bisher zu einem Button Up Prozess werden soll. Das aber gelingt nur, wenn man die Gemeinden und Pastoren stärker einbindet und wertschätzt und nicht nur auf ihre Defizite hin betrachtet.

Inzwischen hat es für die EKD auch andere Herausforderungen gegeben, zu denen sie in der Synode wie auch im Rat in einer anderen Sprache und einem anderen Geist Stellung bezogen hat, so z. B. in einem Wort zur Finanzkrise oder einer Denkschrift zum Klimawandel. Bemerkenswert ist an diesen Stellungnahmen, dass das Leitbild des Wachstums wie auch die Weisheit ökonomischer Ratgeber angesichts der dramatischen Folgen der Finanzkrise deutlich kritischer gesehen und nicht mehr so selbstverständlich und ungebrochen auf das kirchliche Leben bezogen werden. In dem Wort zur Finanzkrise „Wie ein Riss in einer Mauer“ werden die einseitige Orientierung am Wachstum, dem schnellen Geld und der Hunger nach unbegrenzt wachsenden Renditen als wesentliche Ursachen der Krise beschrieben. Gefordert wird ein umfassendes Umdenken und Umsteuern anhand neuer Leitbilder einer globalen gerechten und nachhaltigen Entwicklung (EKD Text 100, S. 14 und 17).

In der Denkschrift „Umkehr zum Leben – Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“ heißt es durchaus selbstkritisch: „Wir bekennen, dass die Kirche als Teil der Gesellschaft in die Lebens- und Wirtschaftsweise verwoben ist, die den Klimawandel mit verursacht hat und deshalb zu konkreten Schritten der Umkehr gerufen ist“ (S. 20).

Die Denkschrift bekennt sich zu den Grundaussagen des konziliaren Prozesses und zur aus der Tradition der Befreiungstheologie kommenden „Option für die Armen“ (S. 111–114). Der Ruf zur Umkehr durchzieht die ganze Denkschrift wie ein roter Faden. Die Sprache der Denkschrift ist an einigen Stellen durchaus von prophetischem Ernst erfüllt: „Wir machen uns schuldig vor Gottes Augen und vor der Welt und leugnen seine befreiende und verändernde Macht, wenn wir als Christen trotz allen Wissens nicht den global und lokal herrschenden Ungerechtigkeiten, den Menschen verachtenden Kriegen und dem aus Maßlosigkeit geborenen Raubbau an seiner Schöpfung entgegentreten“ (S. 114).

Aufmerksam wurde diese neue Sprache wie auch die deutliche Kritik der Denkschrift am Paradigma des Wachstums von der säkularen wie kirchlichen Presse wahrgenommen. In einem Kommentar von Zeitzeichen heißt es: „Jetzt, da die Weltwirtschaft unter den Folgen der globalen Finanzkrise wankt, da die Erderwärmung des Klimas anschaulich geworden ist und politische Eliten unter dem Deckmantel der Konjunkturbelebung dennoch Entscheidungen treffen, die dem Klimaschutz zuwider laufen, auf Kosten der Armen weltweit, jetzt erhebt endlich die EKD ihre Stimme. ,Kehrt um‘ sagt sie – auch an die eigene Adresse – und denkt in einem kenntnisreichen Entwurf Klimaschutz und Armutsbekämpfung weltweit zusammen, bringt persönlichen Glauben, individuelle Ethik und strukturelles Denken und Handeln zusammen. Mit dieser Denkschrift … hat die Kirche ihr prophetisches Wächteramt wieder aufgenommen“ (Kommentar in Zeitzeichen von Eva Maria Bohle 8/2009).

Der konziliare Prozess wie auch die aus der Tradition der Befreiungstheologie kommende Option für die Armen ist also in der EKD und ihren Gliedkirchen immer noch lebendig. Jedoch haben sich nach meiner Wahrnehmung die Sprache und die Formen des Engagements für die „Weltverantwortung“ der Kirche gewandelt. Die in den 70er/80er Jahren entstandenen Solidaritäts- und Friedensgruppen sind weniger und kleiner, ihre Mitglieder älter geworden. Dennoch ist das Engagement für eine gerechtere, friedlichere und ökologisch verträglichere Welt insgesamt nicht weniger geworden – es zeigt sich heute nur sehr viel pragmatischer und mit weniger ideologischem und theologischem Pathos. In der Tat gibt es in der Evangelischen Kirche eine ganze Reihe von Gruppen und Gemeinden, die sich z. B. für Projekte der nachhaltigen Entwicklung und des Klimaschutzes einsetzen (www.klima-der-gerechtigkeit.de). Auch wenn das leider immer noch zahlenmäßig die Minderheit ist, bewegt sich doch nach meiner Beobachtung eine ganze Menge. Viele Synoden auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen haben dazu in den letzten Jahren gute Beschlüsse gefasst, mit denen sie sich bemühen, ihre eigenen Glaubwürdigkeitslücken zu schließen, und mit denen sie auch ihren Gemeinden Anreize geben, hier mehr zu tun. Die Diskussionen zu der von EED, BfdW und BUND herausgegebene Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ zeigen, wie viele Gemeinden den Einsatz für eine nachhaltige Entwicklung selbstverständlich als eine wichtige Aufgabe von Kirche begreifen. Es ist sehr bedauerlich, dass diejenigen, die im Reformprozess so viel von notwendigen Aufbrüchen in der Kirche reden, diese Aufbrüche eines engagierten Protestantismus so wenig wahrnehmen.

Mit diesem Engagement stellt man sich heute jedoch nicht mehr gegen ein System, sondern folgt eher dem anerkannten gesellschaftlichen Trend. Deshalb wird dieses Engagement möglicherweise auch von den älteren Vertretern der globalisierungskritischen und befreiungstheologischen Gruppen und Bewegungen zu wenig gewürdigt. Vor allem junge Menschen in der Kirche wollen sich zwar laut der Shell-Studie für eine bessere Welt engagieren, aber sie wollen dabei dennoch ihr Leben genießen können und ihren Spaß haben. Viele haben ihre Probleme mit dem ideologischen Überbau einer Kapitalismuskritik und eines Bekenntnisses gegen die neoliberale Globalisierung.

Globalisierung hat für sie einen positiveren Klang als noch für manche Ältere. Für sie schließt sich ein Jahr Mitarbeit in einem Straßenkinderprojekt in Südafrika und ein Praktikum in einem Weltkonzern nicht unbedingt so kategorisch aus wie für diejenigen, die noch Kampagnen gegen diese Konzerne organisiert haben. Kirchenvorstände bauen Solardächer auf Gemeindehäuser, ohne vorher alle Ursachen und Aspekte der ökologischen Ausbeutung unseres Planeten reflektiert und diskutiert zu haben. Das sollte anerkannt und nicht nur mit – leider manchmal auch überheblicher – Skepsis beurteilt werden. In einer Entideologisierung des kirchlichen Engagements für die Weltverantwortung liegt auch eine Chance. Denn die Kirche hat für eine biblisch begründete und alle Lebensbereiche umfassende Umkehr einzutreten. Weder die neoliberale Wachstumsideologie noch eine ideologische Kapitalismuskritik sind die Grundlagen ihres kirchlichen Handelns, sondern Zuspruch und Anspruch des Evangeliums. Wir sollen und können als Kirche nicht das Reich Gottes schaffen. Wir können aber durchaus Zeichen des Gottesreiches setzen – auch im politischen und wirtschaftlichen Bereich. Indem wir Jesus nachfolgen und das befreiende Evangelium bezeugen – ohne Sorge um den eigenen Selbsterhalt, sondern selbstbewusst und deutlich, aber auch gelassen und selbstverständlich. Eine solche Kirche ist einladend und überzeugend nach innen und außen.


Ruth Gütter

Referentin für Afrika und
Entwicklungspolitik der EKD