Rolf Wischnath

In die Tiefe

Die Krankheit verfolgt mich seit Jugendtagen. Sie wurde jahrzehntelang nicht richtig diagnostiziert, bis sie 1991 zum ersten Mal so zuschlug, dass ich sie vor niemandem mehr verbergen konnte. Ich musste für mehrere Wochen in die Waldhaus-Klinik in Berlin. Danach war ich bis auf kleinere Schatten zehn Jahre gesund, bis mich 2001 ein neuer Angriff niederstreckte. Es dauerte drei Monate. Schließlich ereilte mich die Depression 2003 so heftig, dass ich monatelang in der Berliner Charité zubringen musste, auch um vor mir selbst geschützt zu werden.

„Die Angst mich zum Verzweifeln trieb …“ Diese „Episode“ – dieses ist der medizinische Fachausdruck – dauerte länger als drei Jahre. In dieser Zeit gab ich meine kirchlichen Ämter auf und zog aus Brandenburg weg. Dass ich wieder gesund werden würde, habe ich nicht für möglich gehalten. Dass ich heute fest stehe, neue Aufgaben in Westfalen gefunden habe und hoffen darf, die Depression eingedämmt zu haben, verdanke ich der Hilfe Gottes. Sie hat sich unter anderem 2009 darin konkretisiert, dass ich eine Ärztin an der Universitätsklinik Münster fand, die endlich eine Medikation verordnete – eine Mischung aus drei verschiedenen Medikamenten –, die mich aufleben ließ. Die Ärztin heißt übrigens mit Vornamen „Fatima“. Sie ist Muslima und spricht mit mir darüber, ob nach christlichem oder muslimischem Verständnis eine Depression von Gott kommt.

Krankheit und Glauben

Wie immer die Antwort auf diese Frage ausfällt, so muss man leider von der verfassten Kirche sagen, dass sie sich in ihrer Haltung zur Depression in gar nichts von der Gesamtgesellschaft unterscheidet: Die Krankheit muss auch hier versteckt werden. Ja, in „der“ Kirche ist es oft schlimmer, weil die Depression mit „Glaubenslosigkeit“ und mangelnder Belastbarkeit und Dienstunfähigkeit in Verbindung gebracht und der Kranke oft frömmelnd stigmatisiert und isoliert wird: „Wenn er richtig glauben würde, hätte er’s nicht.“ Auch das habe ich erlebt. Ganz unfasslich (im ursprünglichen Sinn des Wortes) finde ich es, dass die einzige „offizielle“ kirchliche Stimme, die es m. W. zur Massenerkrankung Depression gibt, im letzten Jahr von der VELKD (Vereinigte evangelisch-lutherische Kirche Deutschlands) zu hören war: Unter dem modischen Titel „Stay wild statt burn out“ beschäftigt sich die lutherische Denkschrift mit dem „Ausgebranntsein“ vor allem kirchlicher Mitarbeiter. Auf ihren 124 Seiten kommt nicht ein einziges Mal das Wort „Depression“ vor. DIE ZEIT schrieb einmal: „Weit mehr als die Hälfte der Burn-out-Patienten sind in Wahrheit depressiv. Nur haftet dem Burn-out-Syndrom nicht der Makel des Versagens an. Im Gegenteil: Die Betroffenen gelten als Helden der Arbeit, die sich durch übermäßigen Einsatz im Job verschlissen haben.“

Seelische Abgründe

Was aber geschieht in einer Depression? Bei mir begann die jeweilige „Episode“ mit dem Gefühl grenzenloser Erschöpfung, die auch durch Schlaf und Urlaub nicht besser wurde. Im Gegenteil: Ruhephasen verschlimmerten die Kraftlosigkeit und das Elendsgefühl. Aus dieser Entkräftung wuchsen Hilflosigkeit und innere Leere, Angst und Verzweiflung.

Ich konnte der Depression aus eigenem Antrieb und mit eigener Kraft nicht mehr entrinnen. Nur der feste Schlaf – meist erzwungen durch ein verschriebenes Schlafmittel – brachte eine Pause. Aber in der Regel war es dann in den Morgenstunden umso schlimmer. Überhaupt war bei mir das so genannte „Morgentief“ monatelang katastrophal und nicht zum Aushalten. Allein das Rasieren war eine so übermäßige Anstrengung, dass ich es auf den Abend verschob, wo es auchnoch mühsam genug war.

Zum Erschöpfungszustand gesellten sich nach einiger Zeit – es fällt mir schwer, davon zu sprechen – regelrechte Wahnvorstellungen: nichts mehr wert zu sein, nicht länger für mein Amt zu taugen, mich selbst und die Familie ruiniert zu haben, von Gott verworfen zu sein, Freunde irreversibel verloren zu haben, nie wieder gesund zu werden, in nahester Zeit sterben zu müssen. Ich hatte 2003 in der Charité einen Oberarzt, der sich nach jeder Visite mit dem Zuspruch verabschiedete:

„Es geht wieder weg!“ Ich konnte es ihm nicht glauben. Die Depression hat mir niemals Schmerzen gemacht, aber sie hat mich in die untersten seelischen und körperlichen Abgründe hinabgezogen: in die Tiefe. Ihre Abgründe habe ich erfahren als Zustände, die – subjektiv betrachtet – viel schlimmer waren als anhaltende Schmerzen. In ihrer Folge kam es zu massiven Todeswünschen, die sich allerdings bei mir nicht in Selbstmordabsichten verwandelten. Ich habe aber für diejenigen Mitpatienten Verständnis, die in der Depression sich selbst nicht mehr aushalten können.

Die Reaktion der Umgebung

Nachdrücklich möchte ich dafür werben, Vorbehalte gegen Medikamente, gegen die Antidepressiva aufzugeben. Sie sind in der Regel ein Geschenk des Himmels. Sie wirken auf den Stoffwechsel im Gehirn ein, weil organisch betrachtet die Depression eine schwere Stoffwechselstörung ist; und sie haben große Wirkkraft. Meine Besserung verdanke ich nicht der Psychotherapie, sondern der Dosierung hoch wirksamer Medikamente, die ich jedoch mein ganzes Leben lang nehmen muss.

Wichtiger allerdings als Arzneien sind die familiären Lebenspartner, Freunde, die sog. „Brüder“, treue Kollegen und Nachbarn, Ärzte, Schwestern und Pfleger. Eine Depression räumt auf und führt zur Scheidung der Treuen von den Untreuen. Die Kleinen werden auf einmal groß, die Großen oft klein – sehr klein. Ich kann diese Erfahrungen nicht „heilsam“ nennen.

Das Geschenk des Glaubens

Warum spreche ich erst jetzt vom Glauben? Weil bei mir auch der Glaube in die Tiefe gezogen wurde. Alle traditionellen Frömmigkeitsformen – Schriftlesung, Gebet, Gesang, Gottesdienst, Abendmahl – versanken in den Abgründen der Depression, fühlten sich an wie abgestorben. Sie kamen dann jedoch nach langer Zeit wieder: der Glaube, der Trost, der Segen, die Bibel, die Gewissheit (allerdings nie ohne Zweifel). Schaue ich auf meine Wüstenwanderung zurück, ist mir einmal mehr der reformatorische Grundsatz wichtig geworden, dass der Glaube ganz und gar ein Geschenk der Gnade ist und ich nicht verantwortlich bin für ihn, erst recht nicht für seine armselige Gestalt in der Depression. Das jedoch kann ich nun wieder inwendig und auswendig sagen: „Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben und zu ihm kann, sondern der Heilige Geist hat mich berufen … und erhalten.“


Rolf Wischnath

Professor für Systematische Theologie an der Universität Bielefeld. Er war von 1995 bis 2004 Generalsuperintendent der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg