Luzia Sutter Rehmann

Ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen

Auferstandene aus dem Tod sind anders. Sie müssen anders sein. Ihre Haut leuchtet vielleicht, gezeichnet von der tiefsten Nacht, ihre Füße sind leichter. Es muss etwas an ihnen sein, weil es sonst zu einfach wäre. Sie können nicht gleich sein wie vorher, als sie noch lebten oder als sie starben oder tot waren. Wir tippen meist auf eine Vergeistigung.
Auferstandene Körper werden in der Kunst dargestellt mit mehr Licht, mehr Durchsichtigkeit, weniger Körper und Erdenschwere. Dass wir in diese Richtung zielen, hat seine Geschichte, in unserem Fall eine dualistisch geprägte Kulturgeschichte, die den Körper abwertet als Hindernis für den Geist, der sich in seiner Freiheit erst entfalten kann,
wenn die körperlichen Grenzen hinter ihm liegen.
Sind Auferstandene geflügelte Wesen ohne Schweiß und Muskeln? Treten sie nur leise auf, lachen sie nicht laut hinaus?
Doch in der Erzählung in Lukas 24,36–43 drängt sich der Körper des Auferstandenen ins Bild – ein Körper, der berührt werden will, der nach Essen verlangt und tatsächlich isst. Hände und Füße hat er „und seht: Ein Geist hat weder Fleisch noch Knochen, wie ihr seht, dass ich habe“ (V.39). Was machen wir damit? Sind wir diesem Körper gewachsen, der da aus dem Grab steigt und mitten in die Gemeinschaft kommen will und nach Essen verlangt? Nun haben wir ja viele Beispiele von Auferstehungen allein schon in den Evangelien und der Apostelgeschichte und Essen spielt dabei eine wichtige Rolle. Da ist z. B. die Tochter des Jairus. Das Mädchen stirbt und wird von Jesus auferweckt1: „Ihr Geist (griechisch: pneuma) kehrte in sie zurück und sie stand auf der Stelle auf. Er befahl, ihr zu essen zu geben“ (Lukas 8,55). Auch der auferweckte Lazarus erhält ein Freudenessen (Johannes 12,1f.), kaum dass er wieder auf den Beinen ist. Auch in der Apostelgeschichte finden wir diese Kombination von aufstehen und essen: Nach seinem Sturz erhob sich Paulus zwar vom Boden, aber er sah nichts. „Drei Tage lang konnte er nichts sehen; er aß nicht und trank nicht.“ (Apostelgeschichte 9,6.9) Später heißt es dann: „Du sollst wieder sehen und von heiliger Geistkraft (pneuma) erfüllt werden. Sogleich konnte er wieder sehen. Er stand auf, nahm Speise zu sich und kam wieder zu Kräften.“ (Apostelgeschichte 9,18) Wir können gut nachvollziehen, dass Essen neue Kräfte weckt, so dass wir gestärkt vom Tisch aufstehen. Aber diese Texte berichten das Umgekehrte: zuerst aufstehen, auferstehen und dann essen! Wir begegnen hier also essenden Auferstandenen – nicht Hungrigen, die ausgemergelt aus dem Grab steigen, sondern Lebendigen, die (endlich) aus dem Vollen schöpfen, feiern, essen. Das Reden vom Essen der Auferstandenen konkretisiert für uns die Transformation vom Tod ins volle Leben: das Essen zeigt nicht nur an, dass die Menschen leben – das tun sie ja auch, wenn sie hungern, sondern dass sie gut leben. Die Körper der
Auferstandenen werden mit dem Essen als vital geschildert, nicht vergeistigt, a-materiell oder jenseitig: „Geist hat nicht Fleisch und Knochen“, hat keinen Hunger und keine Bedürfnisse – Auferstandene
schon! Sie essen, singen, wandern, sie tun alles Mögliche und am Ende sterben sie sicher auch. Aber davon erzählen die biblischen Texte
nichts. Sie sind aufgestanden, sie sind Auferstandene – das ist das Wichtige.

Der lebendige Körper Christi

Da ist das Leiden an der Unvollkommenheit der Beziehungen
in einer real existierenden Gemeinde. Und das gemeinsame
Leiden an den Zuständen der Welt. Und zwischendurch das
tränentreibende Glück, für Momente gemeinsam unterwegs
und auf dem gleichen Weg und aufgehoben zu sein. In diesem
Sinne: Ja, wir gemeinsam sind für Momente das Gesalbte Gottes,
berührt und in Dienst genommen. Und ohne zu leiden,
wäre es nicht. Und alleine wäre es nicht. Und der Moment gilt
für immer.
Das schwierige Wort ist Gemeinde. Wer ist das? Die Getauften?
Die als Baby getauften? Die KirchgängerInnen? Die
Betenden? Für mich ist Gemeinde dann spürbar existent,
wenn mich manchmal mit anderen zusammen ein Geist
ergreift, wenn unser Wollen und Sein zusammenfließt und ein
größeres Gemeinsames wird. Wenn wir wissen, dass wir – alle
– geliebt sind und eine Aufgabe haben. Und: wenn wir sie
annehmen. Manchmal geschieht das. Manchmal sind wir
gemeinsam Leib Christi. Die restliche Zeit suche ich danach.


Sabine Simon
Diakonin der Evangelischen
Gemeinde St. Markus in
Hamburg


Den Hunger lesen lernen

Wenn der Auferstandene zu den Versammelten in Jerusalem kommt, fragt er, ob sie etwas zu essen haben (Lukas 24,41). Diese Frage weist ihn als vital lebendig aus: ein Körper, der Hunger hat! Sicher will der Text damit auch zeigen, dass er lebte und nicht nur eine durchsichtige Erscheinung war. Aber wir gehen oft sehr schnell über die materiell-existenzielle Ebene hinweg in eine symbolische und geistige. Wir übersehen den Hunger in den Texten, weil wir den Hunger nicht am eigenen Leibe kennen.
Wir verstehen die Gemeinheit des Hungers nicht, seine verzehrende Macht, die Wut, die er erzeugt. Woran können wir ihn in einem Text erkennen, wenn es nicht ganz deutlich heißt: er oder sie hatte Hunger. Wir können davon ausgehen, dass Hunger sich versteckt – hinter der Hand, hinter den Leuten, auch hinter verschiedenen Worten, so lange er kann. Die betroffenen Leute sprechen nicht gern von ihm. Wir Satten interessieren uns nicht für Hunger, und die Betroffenen schämen sich für ihn, fühlen sich entwürdigt oder befürchten, dass er noch größer wird, wenn man ihm Raum einräumt. Das widerspiegelt sich auch in den Quellentexten, die gegen den Strich gelesen werden müssen, damit wir etwas von Hunger und Nahrungsmittelknappheit erfassen.
Kranke begegnen in den Evangelien überall. Schwache, Entkräftete, Fiebrige, Blinde … Die wunderbare Speisung wird insgesamt sechsmal in den Evangelien erzählt, so unglaublich war es, dass einmal alle genug bekamen und es sogar noch übrig hatte! Doch je genauer wir lesen, desto mehr entdecken wir den Schatten des Hungers auf Schritt und Tritt. Wir sehen Johannes in der Wüste Heuschrecken essen (Markus 1,6). Am See von Galiläa hat es wohl Fischer, aber Fische kommen nicht in den Blick. Jedenfalls lassen die Fischer alles sofort liegen und gehen mit ihm (Markus 1,20). Ob es nichts für sie zu tun gegeben hatte vorher? Petrus und Andreas nehmen den Rabbi Jesus am Sabbat mit ins Haus (Markus 1,29–34). Das Wort „essen“ finden wir hier aber nicht, erst später, als er mit im Zollhaus sitzt, gibt es zu essen (Markus 2,15). Die Zöllner haben offenbar zu essen gehabt. Von wem haben sie es genommen? Die Pharisäer wundern sich, dass Jesus mit den Zöllnern isst. Sie ziehen es vor, weiter zu fasten (Markus 2,18). Später raufen die Jesusleute am Sabbat Ähren.
Jesus erklärt, dass auch David die Schaubrote genommen und gegessen hatte, weil er hungerte (Markus 2,25). Von Hunger steht gar nichts in der Davidsgeschichte (1. Samuel 21,1–7). Aber Jesus interpretierte Davids Tun in der Hermeneutik (Interpretation, Auslegung) des Hungers. Für ihn ist es klar, dass David hungerte, als er die heiligen Brote nahm. Er liest den Hunger hinein oder besser: er liest Hunger heraus, weil er ihn kennt und weil Hunger das Problem der Leute war. Die Hermeneutik des Hungers ist genuin jesuanisch. Wenn wir die so genannte Geschichte von der Verfluchtung des Feigenbaums (Markus 11,12–17) in dieser Hermeneutik lesen, dann sehen wir die
Brot-Knappheit auch in Bethanien. Ich finde es bemerkenswert, dass Jesus am Morgen, beim Aufbruch, hungrig ist (V.12). Offenbar erhielt er nichts zu essen in diesem Haus, oder zu wenig. Ich kann mir das nur damit erklären, dass Maria und Martha auch nichts zu geben hatten. Sonst hätten sie ihren Gast sicher nicht hungrig ziehen lassen. Hunger erzeugt Wut, ein Bauchgrimmen, das sehr genau weiß, dass es ungerecht ist, einen leeren Bauch zu haben. Der hungrige Jesus will Feigen pflücken, die für arme Leute am Wegrand wachsen. Doch der Feigenbaum hat keine Früchte (V.13) und Jesus wird nun so wütend, dass er den Baum verflucht. Der Text erklärt: „Es war nicht die Zeit für Feigen“ (V.13). In Trockenzeiten verlieren Bäume ihre Früchte vorzeitig. Dass der Feigenbaum von der Wurzel her am Verdorren war, sehen die Jünger erst anderntags (11,20). Worüber ist Jesus so wütend? Über den Baum, der ihnen nichts mehr geben kann? Über die Dürre, die ihnen alles nimmt? Über den Hunger, der ihn zum Verzweifeln bringt?
Jesus sieht sein Volk am Verhungern, nicht bildlich, nicht symbolisch, sondern real, materialiter, körperlich. Hungrig verflucht er den Baum und richtet nun – in der Geschichte von der Tempelreinigung – seine Wut auf diejenigen, die so tun, als ob die Realität des Hungers sie nichts angehen würde (V.17). Dürre führt zu Nahrungsmittelkrisen und diese zu verzweifelten, wütenden Aufständen. Die sog. Tempelreinigung gehört in diesen Zusammenhang.

Der lebendige Körper Christi

Am deutlichsten erlebe ich Gemeinde als Leib Christi beim
Abendmahl: Wenn die Gottesdienstgemeinde im Kreis vor
dem Altar steht und die Austeilung so geschieht, dass die Austeilenden einbezogen und gleichzeitig Empfangende sind.
Wenn eine erwachsene Person getauft wird und wir im Taufgottesdienst auch Abendmahl feiern. Wenn im Konfirmationsgottesdienst die gerade Konfirmierten das Brot austeilen. Im Abendmahl manifestiert sich für mich Christi
Gemeinschaft mit uns und christliche Gemeinschaft untereinander.


Jeanette Kantuser
Pastorin der Kirchengemeinde Plate
(Lüchow)


Der Körper lebt auf

Wir müssen lernen, den Schatten des Hungers zu sehen, um zu erahnen, was Auferstehung meint. Jesu Frage, wenn er in Jerusalem unter seinen Leuten erscheint, ob sie etwas zu essen hier haben (Lukas 24,41), zeigt: Offenbar sitzen sie nicht beim Abendessen, dann hätte niemand fragen müssen! Die Freunde lassen sich vom Brotbrechen erzählen – aber haben sie auch Brot, das sie teilen können?
Für den Hinzugekommenen organisieren sie sogleich ein Stück gebratenen Fisch (V.42). Mit den Worten Knochen, Fleisch und Geist
klingt in dieser Geschichte die Auferstehungsvision Ezechiels an: Die Zerschlagenen Israels steigen aus den Gräbern herauf: „So spricht die Ewige, mächtig über allen, zu diesen Knochen: Seht hin, ich bin dabei, Geistkraft in euch kommen zu lassen, dass ihr lebendig werdet! Ich lege Sehnen an euch, lasse Fleisch auf euch wachsen und überziehe euch
mit Haut! Ich gebe Geistkraft in euch, dass ihr lebendig werdet!“ (37,5–6) Dazu wird erläutert:
„Mensch, diese Knochen – sie verkörpern das ganze Haus Israel. Sieh doch, wie sie sagen: ‚Unsere Knochen sind vertrocknet, unsere Hoffnung ist verloren, wir sind vom Leben abgeschnitten.‘“ (37,11;
vgl. Lukas 24,21) Ezechiel versteht unter den „Knochen“ das zerschlagene Haus Israel. Dieses Haus wird neu belebt, es wird wieder hoffen und sich ausstrecken nach Leben. Die Suche nach dem, was verloren ging, ist mit der Hinrichtung Jesu nicht zu Ende. Im Gegenteil.
Die Versammelten spüren die Geistkraft in ihren Gliedern. Sie spüren ihr Herz brennen bei der Diskussion der prophetischen Schriften, sie sind nicht länger nur ein Häuflein vertrockneter Knochen, deren Hoffnung sich zerschlagen hat. Sie sehen Jesus vor sich, sie erinnern sich, erzählen, sie beginnen sich zu recken und zu strecken und der
Körper der versammelten Erzählgemeinschaft in Jerusalem lebt auf, gewinnt an Vitalität, sucht Berührung und verlangt nach Nahrung – und damit sind sie wirklich auferstanden (Lukas 24,33).
Mir scheint, der Auferstandene ist richtig stolz auf seinen Körper: Er hat Hände und Füße, Fleisch und Knochen, da ist was dran! Er ist nicht (mehr) nur Haut und Knochen, er ist nicht schwach, zerschlagen,
hilflos – nach nur drei Tagen erscheint er geheilt und lebendig und die Fastenzeit der Trauer ist vorbei. Allerdings – wer ist der Körper des Auferstandenen?
Geht es wirklich um den getöteten, wieder belebten Körper Jesu? Ich sehe die Erzählgemeinschaft aufleben, Auferstehung fährt ein, in
ihre verdorrten Knochen kommt Schwung, der Auferstandene isst vor ihren Augen und sie essen mit ihm, hungrig, lebendig, staunend. Geistkraft hat sehr wohl Fleisch, Knochen, Herz, Füße und Hände – genau dort gehört sie hin!


Luzia Sutter Rehmann
Privatdozentin für Neues Testament am Theologischen Seminar in Basel

Literatur
Jürgen Kegler, Hunger. In: Essen und Trinken. Gütersloh 2009, 319–329.
Martin Leutzsch, Essen Engel? Über das Ernährungsverhalten himmlischer Wesen. In: Essen und Trinken in der Bibel, Gütersloh 2009, 254–268.
Herta Müller, Atemschaukel. München 2009, 90.
Luzia Sutter Rehmann, „Auf der Spur des Unsichtbaren. Die Rede von der Auferstehung als kulturkritische Notwendigkeit“ in: Dies., Sabine Bieberstein, Ulrike Metternich (Hg.), Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen.
Gütersloh 2003, 156–171.
1 Egeirein heißt „aufwachen, aufstehen, aufrichten“ und anistemi
bezeichnet „aufstehen, sich erheben, aufständisch sein“.
Beides sind Verben der Bewegung, im griechischen Wortgebrauch
Verben ohne religiöse Note. Nur in Verbindung mit göttlicher Kraft, Geistkraft, pneuma und dynamis, wird aus dem alltäglichen Aufstehen ein Auferstehen.