Wir lesen immer noch die Bibel

Britta Möhring im Gespräch mit Klara Butting

Seit mehr als 25 Jahren organisiert der Verein Erev-Rav in der Ortschaft Knesebeck in Niedersachsen jährlich mehrere Bibel-Lese-Tagungen. Britta Möhring befragt Klara Butting, die die Arbeit aufgebaut und über die Jahre begleitet hat, nach dem anhaltenden Charme dieser Lektürewochen.

Was verbirgt sich hinter dem Wort Bibel-Lese- Tagungen? Gibt es eine bestimmte Methode, wie ihr die biblischen Texte lest?
Das praktische Leseverfahren ist ganz einfach. Ein Text wird laut vorgelesen, dann ist Zeit für eigene Beobachtungen, schließlich beginnt ein Gespräch, in dem in der Regel verschiedene Ebenen eine Rolle spielen: Textbeobachtungen, Hintergrundinformationen, Assoziationen aus dem eigenen Alltag, Analogien zu gegenwärtigen kirchlichen und
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Das Besondere ist, dass wir auf diese Weise ein ganzes biblisches Buch lesen, oder wenn ein Buch zu lang ist, um damit in einer Woche zu Rande zu kommen, lesen wir einen größeren zusammenhängenden Textabschnitt. Dieses Verfahren, die Texte in ihrem literarischen Zusammenhang zu lesen, ist, glaube ich, der wesentliche Baustein der Arbeitsmethode. Der Textzusammenhang übernimmt Aufgaben, die in der Regel ein Leitungsteam hat. Er sagt allen, was kommt: erst Kapitel eins, dann zwei, dann drei. Mit diesem Wissen kann jede/jeder im Falle von festgefahrenen Gesprächen oder unfruchtbaren Auseinandersetzungen intervenieren und aufs Weiterlesen drängen.

Was für Menschen nehmen an diesen Wochen teil? Sind es nur Theolog/innen? Müssen sie Griechisch oder Hebräisch können oder eine bestimmte Vorbildung haben? Oder kann jede/r kommen, die oder der Lust hat?
Letzteres! Wer Lust hat, kann kommen – vorausgesetzt natürlich, die Tagung ist nicht überfüllt. Weil ein gemeinschaftlicher Gesprächsprozess gewährleistet sein muss, gibt es eine Obergrenze von 20 Teilnehmer/innen. Aber eine Vorbildung, wie z. B. die Kenntnis von Griechisch und Hebräisch, ist nicht nötig. Natürlich ist es sehr hilfreich, wenn zwei oder drei dabei sind, die die alten Sprachen gut kennen und
z. B. Fragen, die aus der Vielfalt der verschiedenen Bibelübersetzungen entstehen, klären können. Sinnvoll ist auch, wenn der eine





Bibelwoche in Knesebeck

Klara Butting

oder die andere bewährte Literatur oder die neuesten Kommentare zu dem besprochenen Text dabei hat und diese so ins Gespräch mit einfließen können. Genauso wichtig sind aber auch Erfahrungen aus dem Leben: aus der Gemeinde, aus sozialen Bewegungen und Projekten, aus politischen und privaten Zusammenhängen. Häufig hilft die gegenwärtige Situation, die biblischen Texte zu entschlüsseln.
Gesellschaftliche Ungerechtigkeit, der Streit gegen die Schändung der Erde, die Suche nach Orientierung in der allgemeinen Verunsicherung
machen die Auseinandersetzungen in den Texten verständlich. Insofern trägt gerade die bunte Zusammensetzung der Teilnehmer/innen zum Gelingen einer Tagung bei. Das Zusammenkommen ganz verschiedener Kompetenzen ist ein anderer wichtiger Baustein der Arbeitsmethode.

Aber ist es nicht langweilig, eine ganze Woche lang ein biblisches Buch zu lesen?
In der Regel lesen und diskutieren wir morgens drei Stunden und nachmittags noch mal zweieinhalb Stunden, zwischendurch gibt es Pausen. Das erscheint vielleicht lang, aber langweilig ist es nicht! Im Gegenteil. Eine Zielsetzung des Vereins Erev-Rav ist eine Befreiungstheologie im Kontext Europas. Deshalb der Name Erev-Rav – er bezeichnet in der hebräischen Bibel das „zahlreiche Menschengewimmel“ nicht jüdischer Herkunft, das mit Israel aus der Unterdrückung in die Freiheit zieht (Exodus 12,38). Programmatisch wird mit diesem Namen der Aufbruch aus Unterdrückung ebenso
wie die für die Kirche notwendige Weggemeinschaft mit dem jüdischen Volk in Erinnerung gerufen. Nach meiner Erfahrung beginnen während des gemeinschaftlichen Lesens und Diskutierens solche befreienden Aufbrüche. Der Kopf wird frei von Altbekanntem, frei für neue Wege, schon allein dadurch, dass die Fragen, die die Lektüre aufwirft, wieder an den Text zurückgegeben werden. Wenn z. B. am Anfang des Matthäusevangeliums davon die Rede ist, dass Jesus sein Volk von ihren Sünden befreien wird, entstehen Fragen an die weitere Lektüre. Was verstehen die Autor/innen unter „Sünden“? Was meinen sie mit „Befreiung“? Das Vorhaben, das ganze Evangelium zu lesen, durchkreuzt den Impuls, zusammenzutragen, was wir schon immer über Sünde und Befreiung dachten oder gelernt haben. Gemeinschaftliches Suchen beginnt, alle lassen sich darauf ein, auch scheinbar Bekanntes neu durchzubuchstabieren. Ein Raum entsteht, sich von einmal gegebenen Antworten zu befreien und auf Neues einzulassen. Spannung entsteht, weiter lesen zu wollen, hören zu wollen, wie die Mütter und Väter, die das Matthäusevangelium überliefert haben, angesichts der Ermordung Jesu, und im Rückblick auf den jüdisch-römischen Krieg
und seine katastrophalen Folgen von Befreiung reden können.

Ihr arbeitet ganz ohne Referate?
Ja, auch das ist ein wichtiger Baustein der Arbeitsmethode.
Denn wenn ich irgendwo als Referentin auftrete, muss ich – auch bei noch so großer Wertschätzung von Fragen – ein Konzept präsentieren
und Antworten geben.

 

 

Während dieser Lektürewochen geht es jedoch um einen gemeinsamen Suchprozess. Natürlich gibt es dabei Menschen, die sich schon länger und intensiver mit theologischen Themen beschäftigt haben als andere. Aber niemand ist in der Rolle, Antworten geben zu müssen.
Und so passiert es immer wieder, dass sich Fragen ganz neu stellen, wir alle nur stammeln, und miteinander hören und entdecken wollen, wie die Mütter und Väter, deren Erfahrungen wir gerade nachspüren, ihr Mit-Gehen-Wollen mit ihrem Gott in ihrer Zeit in Sprache gefasst haben.

 

Das Brot, das wir brechen...
 

Du hast inzwischen schon sehr viele Bibel-Tagungen mitgemacht. Was ist für Dich das Besondere dieser Wochen?
Das gemeinschaftliche Lesen hat meine Spiritualität geprägt. Das merke ich z. B., wenn ich Formulierungen höre wie: „die eigene Mitte finden“. Dann sehe ich Leute vor mir, die – wie wir bei den Bibel- Lese-Tagungen – im Kreis oder besser im Quadrat an Tischen sitzen, und denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision einer Welt ohne Leid und Geschrei berührt wurde. Das führt dazu, dass ich in Veranstaltungen zum Thema Spiritualität wie z. B. auf dem Kirchentag immer wieder betone, dass nicht nur die Stille, sondern auch das Gespräch über biblische Texte und die Begegnung mit anderen Menschen wichtige Elemente sind auf dem Weg mit Gott, denn Begegnungen und Gespräch mit anderen Menschen können zum Ort der Gottesbegegnung und Gotteserfahrung werden. Ich habe einfach
während der Bibel-Lese-Wochen immer wieder diese Erfahrungen gemacht: angesprochen zu werden, gerufen zu werden, an Gottes Engagement für eine bewohnbare Erde teilzunehmen und mich
neu an Gottes Verheißungen auszurichten – wobei solche intensiven Erfahrungen natürlich nicht nur in dem organisierten gemeinsamen Gespräch stattfinden, sondern auch in den Gesprächen in den Pausen, beim Essen oder abends am Kamin.

Sagst Du noch was zur Unterbringung?
Wir können für die Tagungen zur Zeit ein Privathaus benutzen, das mal als Geschäftsführervilla gedacht war, aber gegenwärtig nicht zu dem Zweck genutzt wird, in dem wir uns einen Boden ausgebaut haben. Meine Schwester bewohnt das Haus mit ihrer Familie und wir können während der Tagungen ca. 9 Schlafzimmer benutzen. Das heißt, dass ein Einzelzimmer für jede/n nicht möglich ist. Manche Zimmer sind allerdings so groß, dass Familien gut darin wohnen können. Das passiert regelmäßig, denn Kinderbetreuung wird bei Bedarf
selbstverständlich organisiert. Die Badezimmer sind im Flur. In den kommenden Jahren wird Erev-Rav zur Woltersburger Mühle umziehen
(www.woltersburger-muehle.de). Dort entstehen ca. 20 Schlafzimmer für den Tagungsgebrauch, also genug Einzelzimmer, aber auch dort werden sich ca. vier Leute ein Badezimmer teilen.

Und die nächsten Termine:
Über Silvester, vom 28. 12. 2010 bis 2. 1. 2011, lesen wir die Psalmen 90–106, das so genannte 4. Psalmbuch.
Zur Ostertagung, die vom 25. bis 30. 4. 2011 unter dem Thema „Hat Jesu Tod einen Sinn?“ stattfindet, lesen wir die Passionsgeschichten von Markus und Lukas (und vielleicht auch Matthäus, wenn wir es schaffen).
Über der nächsten Frauentagung vom 21. bis 26. 8. 2011 steht die Frage „Wozu braucht Gott uns Menschen?“