Rabeya Müller


Burka und kein Ende

Burka geben, das ist ein innerislamisches Problem, das auch als solches akzeptiert werden sollte, und zwar von allen Seiten. Allerdings müssten viele muslimische Gruppierungen eine Diskussion darüber zulassen, damit die starre Argumentation der Apologetik endlich aufgebrochen wird und der Islam auch in Europa die Dynamik zurückerhält, die ihm innewohnt. Das bisherige Verharren in einer Verteidigungs- und einer Angriffshaltung
hier wie dort führt lediglich dazu, dass ein Stellvertreterkrieg auf den Schultern und auf Kosten muslimischer Frauen ausgetragen wird. Angeblich aber soll doch alles, was von beiden Seiten geäußert und
unternommen wird, zum Besten eben jener Frauen sein.
Mit manchmal schier unerträglicher Arroganz wird über Frauen, die eine Burka tragen, gesagt: „Ich sehe darin, dass Sie sich von der Außenwelt
abschotten wollen und sich ihr entziehen, und das will ich nicht!“ Frau stelle sich vor, konservative Kreise, gleich welcher Religion oder Weltanschauung, würden eine solche Aussage in bezug z. B. auf
den Minirock o. ä. machen. Würde sich die jeweilige Trägerin nicht an die Stirn tippen und selbstbewusst antworten: „Wir leben in einem freien Land und ich ziehe an, was ich will!“ Es könnte natürlich argumentiert werden, der Vergleich hinke, da der Minirock als Zeichen des Fortschritts, als Revolution für die Frau gilt (worüber sich sicher auch streiten ließe) und die Burka in den Augen der Öffentlichkeit das genaue Gegenteil darstelle. Aber darum geht es nicht, sondern um die Frage Verbot oder nicht. Es gibt fast überall bestimmte Dresscodes.
Aber Frauen vorzuschreiben, was sie grundsätzlich zu tragen haben, macht Angst und widerspricht dem Gedanken individueller Lebensgestaltung. Sollten wir alle uniform herumlaufen? Das hatten wir schon einmal und wollen wir nicht wieder haben. Ich frage mich deshalb: wohin führt die Diskussion letztendlich und worum geht es wirklich?
Der Islam ist aus Europa nicht mehr wegzudenken, auch wenn viele das gerne hätten – also muss er unter Kontrolle gehalten werden? Der Kontrollmechanismus sollte aber das Grundgesetz und nicht das sog. allgemeine Volksempfinden sein, denn gerade Letzteres hat sich im Laufe der Geschichte als wankelmütig und als kein guter Ratgeber erwiesen. In
diesem Fall muss frau es mit Voltaire (1694–1778) halten, der gesagt hat: „Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür geben, dass du es sagen darfst!“ Die Burka widerspricht nach allgemeinem Dafürhalten westlichen Freiheitsrechten, trotzdem widerspricht auch ihr Verbot demokratischen Vorstellungen.
Während Kopftuchträgerinnen mit ihrer Bekleidung eine eigene Identität demonstrieren, die durchaus selbstbewusst und auch westlich denkend verortet werden kann, ist die Burka augenscheinlich eine Negation der Selbstverwirklichung, des Sich-zu-erkennen-Gebens. Aber – woher wissen wir das? Ist es nicht eher unser eigenes Empfinden, dass dem so sein müsse? Gerade diese Sichtweise, die in der Burka-Trägerin grundsätzlich ein Opfer sieht, sollte überprüft werden – und zwar zunächst bei dem/der Vermutenden selbst. Im Grunde finden nur die Vorurteile, die grundsätzlich gegenüber dem Islam bestehen, in der
Burkainterpretation ihren Höhepunkt. Vielleicht sollte der Fokus von derart unwichtigen Details wie Kleidungsfragen auf die wesentlichen
Dinge gelenkt werden, z. B. die Förderung von muslimischen Frauen, die ihre eigenen Entscheidungen treffen wollen, die selbstbestimmt ihr Leben organisieren möchten. Frauen dürfen nicht nur gefördert werden, wenn sie sich dem Mainstream unterordnen. Zum anderen wäre es dringend
notwendig, das Demokratieverständnis in der Gesamtgesellschaft zu unterstützen, d. h. Differenzen auszuhalten, auch oder gerade, wenn sie eigenen persönlichen Interessen entgegenstehen. Das würde Satzkombinationen wie: „Hier herrscht Demokratie und deshalb verbieten wir das Tragen von ...!“ ad absurdum führen. Demokratie birgt Risiken,
auch das Risiko, dass Menschen sich so kleiden, wie sie es für richtig halten. Wir sollten uns unsere Verfassung nicht in ängstlich vorauseilendem Gehorsam zu Grunde richten lassen. Gerade ein striktes Einhalten demokratischer Grundprinzipien würde es ermöglichen, die Orthodoxie islamischer Gruppierungen, die sich bisweilen in meist vorgetäuschter Empörung zurücklehnend dem innerislamischen Diskurs entziehen, zu zwingen, sich zu bewegen.
Frei nach Voltaire erlaube ich mir zu sagen: „Ich würde nie eine Burka tragen, aber alle demokratischen Möglichkeiten ausschöpfen, damit die,
die dies wollen, es auch können. Menschenrechte sind unteilbar, sie gelten auch für die, die sich nicht besonderer Beliebtheit erfreuen, oder wie es in Köln heißt: Loß die Lück doch lewwe wie se wolle (Lass doch die Leute leben, wie sie wollen).

Rabeya Müller

Braucht die Schweiz ein Burka-Verbot…?

Die Schweiz braucht vieles. Aber ein Burka-Verbot ist es nicht.
Die Interessengemeinschaft feministischer Theologinnen beobachtet
mit Sorge, wie in der Presse und Öffentlichkeit mit Religion politisiert
wird. Es gibt kaum Minarette in der Schweiz – aber verboten müssen sie
werden, weil unsere Rechtsordnung sonst in Gefahr sei. Es gibt kaum
Burkaträgerinnen unter uns – aber verboten muss werden,weil Frauenrechte sonst mit Füßen getreten werden.
Wir distanzieren uns von dieser Vermischung. Gerne diskutieren wir
darüber, wie Frauen in der Schweiz unterdrückt werden, von wem
genau und wem ihre Unterdrückung nutzt. Frauenrechte sind in der
Schweiz noch eine sehr junge Errungenschaft. (…)
Wie kommt man darauf, dass eine Burkaträgerin eine Bedrohung darstellt?
Für wen genau? Haben wir die schwarz eingekleideten Nonnen
bereits vergessen, die in Schulen und Kindergärten arbeiteten? Sollen
sie ihre Schleier behalten, während Muslima ihre Schleier verboten
bekommen? Wir setzen uns dafür ein, dass Frauen sich selbst kleiden
dürfen. Ob im religiösen Bereich oder anderswo.
Von einer Burkaträgerin geht vielleicht ein Moment der Verunsicherung
aus, aber nicht unbedingt eine Bedrohung. Ob ein Vermummungsverbot
im öffentlichen Raum diese Verunsicherung beseitigen würde oder die
Verunsicherung nur auf andere Gebiete verlagern würde? Auf Verunsicherung mit Verboten und Ausgrenzung zu reagieren, schafft erfahrungsgemäßkeine Sicherheit. Diese entsteht durch kontinuierliche Beziehungsarbeit, Gespräch, klare Kommunikation und Offenheit. (…)
Wir sind bereit, über die Kleiderordnung in unserer westlich geprägten
Welt zu diskutieren, die durchaus fragwürdige Normen aufstellt: die
Enthüllung der westlichen Frauen und Mädchen, ihre oft unbequemen
Schuhe, engen Hosen und die Entblößung von Körperformen und –teilen
lässt sich nicht immer als Freiheit, Selbstbestimmung und Menschenrecht
verteidigen. Die weichfließenden Gewänder indischer oder afrikanischer
Frauen wären manchmal eine wahre Befreiung von gnadenlosen
Blicken und selbstkritischen Figursorgen; Schönheit muss leiden, pflegt
man bei uns zu sagen. Doch wo beginnt individuelle Freiheit, wo Gruppendruck?
Wo wären Schuluniformen hilfreich und wann wären sie eine Plage?
Die Burka sticht ins Auge. Sie passt nicht ins gewohnte Bild. Im Orient
und in arabischen Kulturen macht sie Sinn als Sonnenschutz. Doch
wovor schützt sie hier? Sicher behindert sie den freien Gang. Auch den
für westliche Blicke gewohnten freien Zugang auf Frauenkörper. Frauen
bei uns sollten auch bei diesem Kleidungsstück die Wahl haben. (…)
Interessengemeinschaft feministischer Theologinnen der deutschen Schweizund Liechtensteins



Rabeya Müller

Leiterin des Instituts für Interreligiöse Pädagogik und Didaktik (IPD Köln)