Fulbert Steffensky


Alsdann will ich gedenken an meinen Bund

DieVerantwortung Gottes

„Meinen Bogen habe ich in die Wolken gesetzt; der soll sein Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde. Wenn es kommt, dass ich Wetterwolken über die Erde führe, soll man meinen Bogen sehen in den Wolken. Dann will ich an meinen Bund denken zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, dass hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verdirbt.
(1. Mose 9,13–15)

Keiner versteht die Bibel, der sie zeitlos liest. Keiner versteht die Bibel, der sie interessenlos liest. In welcher Zeit hören wir das Bundesversprechen Gottes: „Ich richte meinen Bund so mit euch auf, dass hinfort nicht mehr alles Fleisch verderbt werden soll durch die Wasser der Sintflut und hinfort keine Sintflut mehr kommen soll, die die Erde verderbe.“ Gott hat sich eine Erinnerungsstütze gegeben, den Regenbogen: „Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und gedenke an den ewigen Bund zwischen Gott und
allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist.“ In welcher Zeit lesen wir vom Versprechen Gottes, dessen Zeichen der große Bogen ist? 280.000 Menschen wurden am 26. 12. 2004 bei
dem großen Tsunami vom Meer verschlungen. Am 12. 1. dieses Jahres kamen 212.000 auf Haiti bei dem großen Beben um. Am 27. 2. dieses Jahres hat es Chile getroffen. Es gibt so viele von Menschen verschuldete
Unglücke. Diese gehören nicht dazu. Hat Gott seinen Bogen vergessen? Gott macht einem den Glauben nicht leicht. Er macht einem die Hoffnung
schwer. Wir leiden an Gott, dessen Engel versprochen sind und die doch so weit entfernt sind, wenn wir in den Strudel der Untergänge geraten.
Der Regenbogen erinnert uns daran, was Gott uns schuldig ist. Wir Theologen sind ja oft die beruflichen Gottesverteidiger und wir sagen, dass Gott uns auf höhere Weise erhört und auf andere Weise rettet, als wir es sehen und wünschen. Die Menschen, die auf Sumatra von den Wellen verschlungen wurden und die in Haiti unter ihren Häuser begraben
wurden, wollten nicht auf höhere Weise erhört und gerettet werden. Sie wollten atmen können, und sie sind erstickt. Sie wollten leben, und sie
sind ertrunken, und ihre Leiber wurden von den Fischen gefressen. Mein Gott, erinnere dich an deinen Bund! Sieh deinen Regenbogen an und vergiss ihn nicht! Je älter man wird, umso mehr hört man auf, die Welt zu erklären. Auch unser Glaube erklärt sie nicht. Es gibt die großen und unüberbrückbaren Widersprüche zwischen den Versprechungen
Gottes und dem Zustand dieser Welt. Nur eine ewig gültige Theologie, die absieht vom Zustand dieser Welt, kann alles erklären. Diese reine
Theologie, die die himmelschreienden Leiden der Menschheit vergisst, wäre allerdings zugleich ein Alptraum. Es gibt ausreichend Gründe dafür, an der Güte des Lebens zu zweifeln. Wenn wir Christen von Hoffnung sprechen, darf man uns nicht vorwerfen können, wir seien Leute, die nicht so genau hinschauen; Naivlinge, die nur noch nicht gemerkt
haben, was alles gegen den Regenbogen spricht. Vielleicht wird unsere Sprache auch reiner, glaubhafter und hörbarer, wenn sie nicht einfach über das Leben gleitet, sondern sich reibt an allem, was ihr entgegensteht. Hoffnung lernen, heißt auch Illusionen verlernen, auch die Illusionen über Gott.
Ich lerne an der Regenbogengeschichte kaum, wer Gott ist. Aber ich lerne an ihr und an den großen Untergängen, die ich genannt habe, die alte Frage der Psalmen: Wo bleibst du Gott? Wann kommst du? Denn diese Frage geben wir nicht auf trotz aller Untergänge: Wann kommst du? Und damit geben wir den letzten Grund des Glaubens nicht auf: Gott kommt. Er wird das Leben nicht in der Vernichtung lassen. Ich sage es – mit schwerer Zunge – angesichts der Menschen, die dort ertrunken sind und zermalmt wurden. Ich sage es gegen alle Gefahren, die uns und unsere Kinder bedrohen: Einmal wird er alles in allem sein, und einmal werden alle Tränen getrocknet. Man kann niemanden Opfer sein lassen, darum fragen wir Gott:
Wann kommst du? Darum drängen wir ihn, endlich Gott zu sein. An Gott glauben, heißt auch, an Gott leiden; leiden an seiner Dunkelheit und an seiner Unverstehbarkeit. Gott zu vermissen, gehört zu unserem erwachsenen Gottesglauben.

Die Verantwortung des Menschen

Da sah Gott auf die Erde, und siehe, sie war verderbt:
Denn alles Fleisch hatte seinen Weg verdorben auf Erden.
Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die
Erde ist voll von Frevel. (6,12–13)

Das Bundesversprechen ist keine Garantie dafür, dass die Erde bewohnbar bleibt. Zu einem Bund gehören zwei. Ich habe Gott gefragt, wie er es mit dem Bund hält. Ich frage uns, wie wir es mit dem Bund halten. Was machen wir mit der Erde, was mit den Flüssen, was mit der Atemluft unsererKinder?
Ich bin 1933 geboren. Waren die Menschen glücklicher, als wir es heute sind? Ich weiß es nicht. Wir haben viel an Freiheit gewonnen und an Trost verloren. Eines haben die Menschen in jener alten Welt nicht denken können: Dass die Welt mit ihren Lebensmöglichkeiten für die Menschen als ganze auf dem Spiel steht. Man hat denken können und
man hat es erlebt, dass große Sturmfluten kommen. Aber man hat nicht gedacht, dass Dreiviertel der Niederlande untergehen könnten durch das
klimabedingte Steigen der Meere. Man hat erlebt, dass die Sommer zu trocken und die Ernte gefährdet waren. Aber man hat nicht erlebt und denken können, dass das Wasser so knapp wird, dass einmal Kriege um das Wasser geführt werden, wie sie uns drohen. Man hat nicht denken können, dass ganze Kontinente versteppen könnten. Es waren große, aber begrenzte Ängste, von denen Menschen damals geplagt wurden. Sie wurden nicht geplagt von der Grundangst, die Erde könnte als ganze unbewohnbar werden. Die Menschen hatten große Fragen, aber sie glaubten, dass sie lösbar seien. Dieser Glaube hat inzwischen große Risse. Als Gott sein Urteil über die verderbte Welt gefällt hat, hat es nicht geregnet. Man hat dem Himmel das drohende Unglück nicht angesehen. Als Noah seine Arche baute, war keine Untergangsgefahr
sichtbar. Die Menschen haben gegessen und getrunken, getanzt und gelacht und übersehen, was drohte. Wie kam es zu jener verblendeten Heutigkeit? Das Unglück wirft seinen Schatten voraus, und niemand spürt seine Kälte. Das Unglück ist offenkundig, und niemand bemerkt es. Die Hoffnung ist nur dann keine Illusion, wenn wir ins Auge fassen, was ihr widerspricht. Es gibt nicht nur die Häresie der Hoffnungslosigkeit. Es gibt auch die Häresie der verschwiegenen Themen; die Feigheit, dem möglichen Unglück nicht ins Auge zu sehen. Die Kirche ist nicht nur Anwältin der Hoffnung. Sie hat auch die prophetische Aufgabe, gegen die Gefahr der fatalen Selbstverständlichkeit das Erschrecken zu lehren vor den Gefahren, die handgreiflich sind und an denen wir unsere Schuld tragen.

Hoffen lernen

Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und denke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. Und Gott sagte zu Noah: „Das sei das Zeichen des Bundes, den ich aufgerichtet habe zwischen mir und allem Fleisch auf Erden.“ (9,10–11)

Der Bund schenkt uns nicht nur Hoffnung, er verpflichtet uns zur Hoffnung. Wie aber lernt man hoffen? Im Augenblick wird die Frage nach der Hoffnung an vielen Orten gestellt. Sie irritiert mich, denn sie wird oft lamentös und vor allem Handeln gestellt. Erst will man in der Aussicht versichert sein, dass alles gut geht, allenfalls dann wird man handeln und seinen Teil zum guten Ausgang beitragen. Vielleicht sollten wir die Frage nach dem guten Ausgang vergessen, denn sie ist nicht beantwortbar. Vielleicht war die Geschichte mit dem Regenbogen nach der Sintflut doch anders gemeint. Es waren wohl nicht der einfache
Fortbestand der Welt gemeint, der Fortschritt und die Garantie des guten Ausgangs. Vielleicht heißt Hoffnung gar nicht der Glaube an den guten Ausgang der Welt und an die Vermeidung ihrer Zerstörung.
Vielleicht werden unsere Enkelkinder einmal die Endzeitschrecken erleben, von denen einige ja schon wahr geworden sind. Gott scheint uns nicht einfach zu behüten ohne unser eigenes Zutun. Es garantiert uns keiner, dass das Leben auf der Erde in absehbarer Zeit nicht kollabiert, auch kein Regenbogen. Aber wir können tun, als hofften wir.
Hoffen lernt man auch dadurch, dass man handelt, als sei Rettung möglich. Zu handeln, als gäbe es einen guten Ausgang,
sind wir einmal uns selber schuldig. Man entwürdigt sich und spricht sich selber Subjektivität ab, wenn man die Dinge zu ihrem Unglück treiben
lässt. Luthers Satz vom dem Apfelbäumchen, das er pflanzen wollte noch angesichts des Weltuntergangs, heißt nicht, dass er den Blick auf die untergehende Welt verweigert. Es ist kein verblendeter Optimismus. Er ehrt sich selber, indem er sich als Handelnden begreift; als einen Menschen, der die Fähigkeit und den Auftrag hat, das Leben zu schützen.
Nicht allein der Erfolg rechtfertigt, was ein Mensch tut. Es gibt Handlungen, die in sich selber gerechtfertigt sind. Die Liebe und die Gerechtigkeit heilen und heiligen den Menschen; nicht erst der Erfolg, den die Liebe und die Gerechtigkeit vorzuweisen haben.
Sich um die Gewissheit des guten Ausgangs nicht zu kümmern und zu tun, als sei es schon sicher, dass unserer Arbeit Erfolg beschert ist, sind wir auch unseren Nachkommen schuldig. Es ist nicht ausgemacht, dass unsere Mühe vergeblich ist. Es ist noch nicht ausgemacht, dass alle Rettungswege verschlossen sind. Auf die Predigt Jonas von der bevorstehenden Vernichtung Ninives befiehlt der König Umkehr und Trauer, und er sagt:
„Wer weiß! Vielleicht lässt sich’s Gott gereuen und lässt von seinem Zorn, dass wir nicht untergehen.“ Wer die Welt und das Leben der eigenen Nachkommen liebt, wird „Wer weiß!“ sagen. Er wird, wenn
schon nicht in seiner ausdrücklichen Hoffnung, so doch in seinem praktischen Handeln damit rechnen, dass das Leben, die Freiheit, die gerechte Verteilung der Güter und der Schutz der außermenschlichen
Natur gelingen kann. Hoffnung ist nicht hauptsächlich eine Sache theoretischer Einsicht oder Erwartung. Es ist eine Qualität des Handelns.
Wer Kinder und Enkelkinder hat, die er liebt, der wird an ihrer menschlichen Zukunft nicht nur bauen, weil diese Arbeit Erfolg hat, sondern weil er seine Kinder liebt. Gott schenkt uns mit dem Trank
der Hoffnung nicht nur etwas zu trinken – um einen Satz Ernst Blochs abzuwandeln –, sondern auch etwas zu kochen.
Ekelhafte Schänder der Erwartungen der Menschen sind die, die sich auf die leidensfreie Kunst der Entlarvung aller Hoffnung spezialisiert haben.
Es gibt sie von rechts bis links. Gewisse christliche Sekten mit ihren Untergangsphantasien sind mir in dieser Hinsicht genau so verdächtig wie kluge Intellektuelle, die allen Versuchen der Hoffnung nachweisen, dass sie vergeblich und zum Scheitern verurteilt sind. Es gibt eine artifizielle und verspielte Hoffnungslosigkeit, die man eher bei denen antrifft, denen es schon ganz gut geht. Ich erinnere mich an eine Schulklasse, die eine Aktion zur Einsparung von Abfall geplant und durchgeführt hatte. Das Unternehmen hatte einiges Aufsehen erregt. Ein Journalist sprach mit den Schülern und wies ihnen nach, wie wenig mit ihrer Arbeit gewonnen
sei. Es war, als könnte er nicht dulden, dass Menschen ein Stück Hoffnung haben und sie darstellen in ihrer Arbeit. Die Kinder, die besorgt
waren wegen der Erstickung des Lebens im Müll, haben ja nicht im Ernst geglaubt, sie könnten mit dieser Aktion das Problem lösen. Aber sie haben etwas Notwendiges getan, was sie sich selbst schuldig waren: sie haben nicht tatenlos zugesehen. Selbst wenn dies keine Lösung ist, ehrt es die Kinder und ihre Arbeit, und es unterbricht die Geläufigkeit des Satzes: man kann ja nichts machen. Das, was die Kinder getan haben, ist ein Ausdruck ihrer Hoffnung, und es hat zugleich ihre Hoffnung ernährt.
Ich sammle solche Geschichten gerne, denn sie sind Vorzeichen des Gelingens. Die Hoffnung kann lesen. Sie liest in kleine Zeichen wie in die der Schulklasse das ganze Gelingen hinein. Sie stellt nicht nur fest, was ist. Sie ist eine wundervolle untreue Buchhalterin, die die Bilanzen fälscht und einen guten Ausgang des Lebens behauptet, wo dieser noch nicht abzusehen ist. Die Hoffnung gibt sich nicht geschlagen. Sie ist vielleicht die stärkste der Tugenden, weil in ihr die Liebe wohnt, die nichts aufgibt, und der Glaube, der den Tag schon in der Nacht sieht.

Das Leiden der Tiere

Gott sprach zu Noah: Siehe, ich richte mit euch einen Bund, und mit allem lebendigen Getier bei euch, an Vögeln, an Vieh und an allen Tieren des Feldes, von allem, was aus der Arche gegangen ist, was für Tiere es sind auf Erden. Darum soll mein Bogen in den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und denke an den ewigen Bund zwischen Gott und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, das auf Erden ist. (9,16)

Die Rettung aller Lebewesen, nicht nur der Menschen, ist als die neue Schöpfung geschildert. Wie zu den Menschen ist zu den Tieren gesagt: Seid fruchtbar und mehret euch. Wie die Menschen stehen in der Schöpfungsgeschichte die Tiere unter dem Segen Gottes. Wie für die Menschen gelten für die Tiere der neue Segen und der Bund nach der
großen Flut. Zwar wird das Fleischessen erlaubt im neuen Bund. Aber mit dem Segen und dem Bund Gottes sind die Tiere nicht in die völlige Verfügungsgewalt des Menschen gegeben. In der kleinen Stadt Gänserndorf in der Nähe von Wien leben Schimpansen. Sie waren medizinische Versuchssklaven der Firma „Immuno“. Die Firma „Immuno“ – ihr Name sei noch einmal genannt – hat die Schimpansen über viele Jahre als einzelne in engen Käfigen mit Gitterböden gesperrt.
So lese ich in der Süddeutschen Zeitung: „Die Affen erreichte kein Sonnenstrahl, kein Regentropfen fiel auf ihr Fell. Sie lebten in der Hölle,
eingerichtet von ihren Verwandten, den Menschen, mit denen sie 98,7 % der Gene teilen. Sie sind nicht nur Tiere, sondern sie sind Primaten wie
wir, haben ein Selbstbewusstsein, erkennen sich im Spiegel, sind äußerst lernfähig, erleben Freude und Trauer. … Dann besuchen wir sie im Zoo und lachen. Weil der gebildete Mensch es schwer erträgt, den Wilden in sich zu akzeptieren.“ (15. 4. 2010)
Was alles haben wir den Tieren mit gutem Gewissen angetan? Wir verweigern ihnen die natürlichsten Rechte; züchten sie gegen ihre eigene
Natur, wie wir sie brauchen; vernichten sie, damit wir uns mit ihren Fellen schmücken. Welche heillose Arroganz des Menschen, zu glauben, das Wesen der Schöpfung sei, Beute des Menschen zu sein! Je weniger er an Gott glaubt, desto mehr maßt er sich selber das Recht der Omnipotenz an; das Recht, Sieger, Jäger, Erleger, Vernichter und Benutzer allen nicht-menschlichen Lebens zu sein. Auf Dauer zerstören die Sieger sich selber, wenn sie nicht anderes kennen als Sieger und zu Besiegende;
Benutzer und Benutzbares. Wir bringen uns um die Geschwisterlichkeit des Lebens; um den Trost der Natur, wenn wir ihr keinen anderen Sinn zuschreiben, als zu unserer Verfügung zu sein. Vor einigen Jahren hat man wegen der Gefahr des Rinderwahns Hunderttausende von Rindern vernichtet.
Wir erschrecken vor dem Grauen unserer eigenen Macht. Vielleicht lernen wir aus diesem Schrecken, dass die Tiere nicht nur Verfügungsmaterial sind. Die Menschheit lernt langsam, manchmal
nur durch Katastrophen. Vielleicht lehrt uns die gegenwärtige Katastrophe, was wir Tieren nicht antun dürfen. Vielleicht zerstört sie endgültig unser „gutes Gewissen“ und unsere moralische Blindheit. Die Menschheit lernt langsam. Sehr langsam hat sie gelernt, dass auch die Menschen sind, die nicht zum eigenen Clan gehören; dass die Männer die Frauen nicht wie Dinge behandeln dürfen; dass Menschen anderer Hautfarben nicht minderwertig sind und gekauft und verkauft werden dürfen. Die Beutemacher und Benutzer haben sich gegen die neuen Lehren, dass der Fremde nicht der Feind sein muss; dass die Frau nicht Beute des Mannes und die Schwarzen nicht Beute der Weißen sind, immer auf eine so genannte Natur berufen. „Von Natur aus“ sind die Schwarzen und die Frauen anders! Meistens ist denen zu misstrauen,
deren Argument „die Natur“ ist. Vielleicht lernen wir jetzt sehen, wie unsere Interessen uns das „gute Gewissen“ verschafft haben. Vielleicht finden wir Gesetze gegen die pure Vernichtung der Schöpfung, und vielleicht finden wir Gesten und eine Sprache des Glaubens, die für die Tiere eintritt.
Immer wieder gibt es Streit um die so genannten Tiergottesdienste. Gibt es ein theologisches Argument für Gottesdienste für die Tiere und für ihre
Segnung? Diese Frage stammt noch aus der alten Zeit, in der der Mensch allen Segen, alle Wichtigkeit und den Blick Gottes für sich allein beanspruchte. Sie stammt noch aus der Zeit der Beutemacher.
Eigentlich müssen die sich rechtfertigen, die den Tieren den Segen und den Spruch Gottes verweigern. Mein Argument für die Segnung ist
einfach: Ich sehe, wie die Tiere leiden; wie sie ihren Tod wittern; wie die Schweine gehalten werden, dass sie zusammenbrechen, wenn sie aus ihren engen Ställen in den offenen Pferch kommen. Das Leiden der Tiere rechtfertigt den Segen. Mir sind alle theologischen Argumente gegen eine solche Segnung vollkommen gleichgültig gegen das große Unglück der Tiere. Ich frage nicht: haben die Tiere Bewusstsein und eine Seele? Sind sie dem Menschen ähnlich oder verschieden von ihm? Vermutlich sind sie uns ja viel ähnlicher, als wir bisher angenommen haben. Die grundsätzliche Verschiedenheit, die „andere Natur“, haben wir behauptet,
damit wir sie behandeln und benutzen können. Die Tiere sind gequält, und sie leiden. Das ist Grund genug, über ihnen den Namen Gottes anzurufen. Tiere sind nicht Menschen, aber sie sind auch keine Dinge. Sie sind Wesen, die Schmerzen und Freude empfinden können; die spielen und die Angst vor dem Tode haben; die Treue und Zuneigung kennen. Vollkommene Menschenähnlichkeit sehen wir vor allem in der Selbstbewusstheit eines Wesens. Aber was heißt Bewusstheit schon gegen die Angst, die ein Wesen empfinden kann, und gegen die Treue, die es entwickelt! Warum eigentlich wollen wir als Menschenwesen so einzigartig sein? Warum fühlen wir uns bedroht, wenn Wesen uns ähnlich sind? Wir sind endlich. Das zu wissen, ist eher eine Erleichterung als unsere Einengung. Wir sind endlich, wir müssen nicht alles sein. Gott allein ist alles in allem. Der Einzigartigkeitswunsch hat unendliches Leid
in die Welt gebracht. Ich zitiere einem Satz von Bonaventura:
„Alles Geschaffene ist Schatten, ist Echo, ist Bild, Spur, Ebenbild und Aufführung.“ Nichts also ist nur, was es ist. Alles hat Anteil an der Heiligkeit Gottes, weil es sein Echo und seine Spur ist. Diese Heiligkeit allen Lebens fordert unsere Ehrfurcht und unsere Ergriffenheit. Vielleicht
bewahrt diese Auffassung vom Leben – auch von dem Leben der Tiere – uns davor, sie zu benutzen, als hätten sie kein Geheimnis und als seien sie nur Verfügungsmasse für uns. Als Echo Gottes sind sie zuerst für Gott da
und für sich. Die Entzauberung der Welt hat dazu geführt, dass wir uns in grenzenlos imperialer Geste alles unterwerfen. Wer kein Tabu kennt und die Heiligkeit der Schöpfung nicht sieht, wird zu ihrem Zerstörer.

Fremd im eigenen Land

Wir wissen nicht, wie die Welt wird, aber wir wissen, was aus ihr werden soll. Wir haben keine Garantien für die Zukunft, aber wir haben eine Reihe von Versprechungen, Vorstellungen, Visionen und Liedern, die eine Welt besingen, wie sie sein und werden soll. Gott will „hinfort nicht mehr die Erde verfluchen“ (8,21). Die Steppe wird nicht mehr öde sein. Die Blinden werden sehen, die Lahmen werden springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird gelöst (Jesaja 35). Das Recht wird fließen wie Wasser (Amos 5,24). Wie lebt man mit solchen Versprechen und Vorstellungen von einer Welt, in der keiner mehr Opfer ist?
Die Träume vom Recht und vom geretteten Leben bringen uns in Widerspruch mit uns selbst und mit der Welt, in der wir leben. Wer eine Vorstellung vom Recht hat und einen Traum davon, dass es für alle gelten soll, der wird fremd sein in einer Gegenwart, die so vielen das Recht verweigert. Er wird nicht eingefangen sein in einer Gegenwart, die sich
schön schminkt und die sich als einzig mögliche gibt. Die Hoffnung lässt uns in gegenwärtiger Zeit nie ganz zuhause sein, sie macht uns zu Fremden im eigenen Land. Vielleicht wird man uns eines Tages nicht nur fragen, was wir getan und was wir unterlassen haben. Wir sind auch dafür verantwortlich, welche Träume wir haben und was wir erhoffen. In diesem Zusammenhang wird mir unsere spirituelle Bildung immer wichtiger. Man muss viel wissen, um der Hoffnungslosigkeit und dem Zynismus zu entgehen. Man muss eingeführt sein in die Träume vom Recht, um das Recht denken und wünschen zu können. Ich schätze unsere Kirche auch deswegen, weil sie aus Geschichten vom möglichen Leben gebaut ist. Es ist notwendig, die Lernorte in der Kirche zu befragen, ob sie am Grundgespräch mit der alten Tradition von der
Würde des Menschen teilnehmen oder ob sie dies nicht mehr wagen und ausweichen in diffuse Vielfältigkeit.
Es gibt wenige Stellen in unserer Gesellschaft, in denen die Geschichten von der Gerechtigkeit aufbewahrt werden. Recht aber kann es nicht geben, wenn vorher nicht vom Recht erzählt wurde; wenn vorher nicht gesungen wurde vom Land des Rechts; wenn vorher nicht vom Recht geträumt und um es gebetet wurde. Was wird aus einer Welt, in der der Gott der Armen und des Rechts nicht mehr besungen wird und in der seine Geschichten nicht mehr erzählt werden. Das Leben findet nicht hinter dem Rücken der Sprache statt. Wo die Sprache und die Gesänge verstummen, da versinkt das Leben selber in Undeutlichkeit, Zufälligkeit
und Beliebigkeit. Darum ist es die Aufgabe der Kirche, von den großen Wünschen und Hoffnungen Gottes zu erzählen. So erst bilden sich unsere
eigenen Wünsche und Lebenserwartungen.




Elfriede Stauß und Gerard Minnaard am Stand der Jungen Kirche auf dem Kirchentag.
 

Nahrungsmittel der Hoffnung

„Damit ihr Hoffnung habt“ ist das Motto dieses Kirchentags. Ich nenne am Ende noch zwei Grundnahrungsmittel der Hoffnung. Es sind das Gebet und die Gemeinschaft.
Das Gebet: Es ist die Stelle, an der man über die Widersprüchlichkeit der Welt und des Lebens hinauskommt. Keine philosophische Erklärung und
kein theologisches System versöhnen uns mit den Widersprüchen unseres eigenen Lebens und mit der Dunkelheit Gottes. Das Gebet ist die Stelle, an der man weiter springt, als man springen kann.
Was ich nicht in Worten und Argumenten sagen kann, das behaupte ich im Gebet. Dort preist man Gott für seine Güte und Treue, selbst wenn wir im Leben so Vieler seine Güte vermissen. Dort sagt man noch im Fallen die Worte des Psalms: „Du bist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht fallen werde“ (Psalm 62). Dort und nur
dort ist man gewiss, dass Gott uns auf grüner Aue weidet und uns zum frischen Wasser führt. Das Gebet ist die Stelle der kecken Hoffnung. Das Gebet gräbt uns die Hoffnung in unsere Seelen. Darum kann ich mir eine Kirche, ein geistliches Leben nicht vorstellen, in dem das Gebet nicht eine zentrale Bedeutung hat. Das ist keine Flucht in die Innerlichkeit und Privatheit. Es ist eine Weise die Lebenden und die Toten nicht aufzugeben. Das Gebet ist die eigentliche Gestalt unserer Hoffnung. Als zweites Nahrungsmittel der Hoffnung nenne ich die Gemeinschaft. Man kann nicht als Einzelner überleben. Man verhungert, wenn man allein ist. Unser großes Geschenk: wir sind nicht allein. Wir haben eine Kirche. Wir haben unsere Gottesdienste, in denen wir einander die Hoffnung von den Lippen lesen. Ich erzähle eine Geschichte aus der klösterlichen Tradition. Ein Mönch verfiel in eine tiefe seelische Dürre, und er bat seinen Abt, von den Chorgebeten dispensiert zu werden, weil sein Herz den Worten der Psalmen und Gebete nicht nachkommen könne. Der Abt hat ihm nicht
erlaubt, dem gemeinsamen Gebet fern zu bleiben. Er hat ihn auch nicht gezwungen mitzubeten, was er nicht beten konnte. Er hat zu ihm gesagt: „Geh hin und schau, wie deine Brüder beten.“ Er in seiner geistlichen Armut soll sich nicht selber Maßstab sein. Er soll hingehen und seine Dürre mit der Möglichkeit vergleichen, die seine Brüder schon haben. Noch kann er selber nicht hoffen und beten. Aber er kann schon zusehen, wie andere es können. Damit ist seiner Lebenskargheit die Absolutheit genommen. Das leisten unsere gemeinsamen Gottesdienste, so gewöhnlich sie manchmal sind. Es sind Glaubensverleiheinrichtungen. Wir glauben unseren Geschwistern den Glauben, mit dem sie beten und singen. Auch das ist eine Weise zu glauben, den Glauben der lebenden und gestorbenen Geschwister zu glauben.
Dies geschieht hier in München in den Gottesdiensten, Gebeten, Bibelarbeiten und was es sonst gibt. Wir leihen uns die Hoffnung unserer Geschwister aus. Wir tummeln uns im katholischen Dialekt des christlichen Glaubens herum. Wir tanzen ein bisschen evangelisch, orthodox und reformiert. Und sollte es ehrbare Männer geben, die
deswegen die Augenbrauen hochziehen, lassen wir sie ziehen. Wir freuen uns an unserer Verschiedenheit und bestreiten, dass wir im Glauben voneinander getrennt sind. Wir haben keine Zeit mehr für kindische Fragen; auch nicht mehr für die magersüchtige Idee, Protestanten und Katholiken dürften das Brot des Abendmahls nicht miteinander teilen. Wir überlassen diese Fragen denen, die sonst nichts zu tun haben. Die Eucharistie, das Abendmahl – es ist das große Liebesspiel zwischen
Gott und Mensch. Unsere Hoffnung braucht dieses Brot. Darum mache ich einen Vorschlag: Gehen Sie auf diesem ökumenischen Kirchentag in die Gottesdienste und zum Abendmahl der jeweils anderen Konfession! Wenn wir auf die Kirchenleitungen und die Theologen warten, dann mümmelt noch jahrzehntelang jeder nur das eigene Brot in seiner
konfessionellen Dunkelkammer. Sind wir voreilig mit dieser Praxis? Jede Schnecke wird sagen, man sei voreilig, wenn man sie überholt.

Fulbert Steffensky
Em. Professor für Religionspädagogik am Fachbereich
Erziehungswissenschaften der Universität Hamburg