Evangelische Schulen

Ingo Reuter

Pro

Ingo Reuter ist Schulpfarrer in Mönchengladbach, Privatdozent an der Universität Paderborn und Lehrbeauftragter an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal-Bethel sowie der EFH Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum.

Der Protestantismus ist eine Bildungsreligion. Luthers Katechismen wollten in Volk und Pfarrerschaft die Bewunderung des Mysteriums durch das Verstehen, wenn nicht ersetzen, so doch entschieden
ergänzen. Und auch wenn heute zunehmend klar wird, dass jedes intellektuelle Verstehen erst einmal sensibles Wahrnehmen voraussetzt, so
bleibt doch für den Protestantismus das Bildungselement ein Spezifikum: „Verstehest du auch, was du liesest?“ Oder mit Paulus: „Prüfet alles, und das Gute behaltet!“ Braucht es dafür aber evangelische Schulen? Ja, wenn in ihnen ein protestantisches Profil von Bildung und protestantische Prinzipien zum Tragen kommen.

Die Ökonomisierung der Schulen

Die gegenwärtige deutsche Bildungsdebatte wird zumindest für den Raum der Schule, aber wohl auch darüber hinaus, durch Überlegungen zur Bildung im eigentlichen Sinne kaum berührt. Das Post-Pisa-Syndrom äußert sich in einer Überwucherung des Bildungssystems durch Inhalte, Terminologie und Denkweise des ökonomischen Systems.
In einer modernen Gesellschaft, in der die gesellschaftlichen Subsysteme darauf angewiesen sind, gemäß ihrer Eigenlogik zu funktionieren, um
ihre Aufgabe für das Gesamte der Gesellschaft zu übernehmen, droht eine solche Überwucherung schlimme Folgen für die Stabilität des Gesamtsystems zu zeitigen. Gemäß der ökonomistischen Logik spricht man im schulpolitischen Diskurs gern von Outputorientierung und übernimmt damit die Denkweise und Terminologie der Fabrikproduktion.
Die starke Betonung von Methodenkompetenz verlagert die Orientierung von Weltwissen auf Weltbeherrschung. Das Interesse gilt einem flexiblen Zugriff auf die sich schnell wandelnden Sachverhalte des jeweiligen Augenblicks. Persönlichkeitsbildung verkommt zum Training von Softskills, um das Erreichen des eigenen Ziels auch durch emotionale
Techniken zu optimieren.
Dass die Schüler/innen in einem solchen System schließlich der „Diagnostik“ bedürfen und damit nicht mehr als sich Bildende, sondern als Patienten, als krank, in den Blick kommen, dürfte, bös-ironisch betrachtet, tatsächlich zunehmend realitätsangemessen sein.

Der Zwang zum Alleinstellungsmerkmal

Die totale Ökonomisierung der Bildungsprozesse ruft gleichzeitig die Notwendigkeit individueller Profilierung der allgemeinbildenden Schulen hervor. Angesichts sinkender Schülerzahlen in Deutschland kann die Schullandschaft als gesättigter Markt betrachtet werden. Wo die Märkte aber gesättigt sind, bedarf die Ware der Alleinstellungsmerkmale.
Das ist bei zu vielen Schulen das Gleiche wie bei zu vielen Sorten Seife. Boten bisher alle Schulen den Schüler/innen die Möglichkeit von Bildung, so verlangen die Märkte nun nach einem Surplus, nach einem den Gebrauchswert überschreitenden Tauschwert, um es mit Karl Marx zu
sagen: Prestige, besondere Betreuungsangebote, extra sanfter Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule, Kooperationen mit Wirtschaftsunternehmen im Interesse frühzeitiger Zurichtung für den Arbeitsmarkt, Zertifizierungsund Testierungsfetischismus etc.
In Hinsicht auf den Protestantismus als Bildungsreligion lässt das die Frage nach Schulen in evangelischer Trägerschaft in doppelter Hinsicht
interessant werden. Zum einen liegt auf der Hand, dass sich das Bildungsinteresse des Protestantismus – und so sehen es auch alle relevanten Bildungsschriften und Denkschriften der evangelischen
Kirchen und Kirchenverbünde – von dem gegenwärtigen gesellschaftlichen Trend in erheblicher Weise unterscheidet. Bildung wird ein Wert um des Subjektes selbst willen zugemessen, das nicht zum Mittel ökonomischer Zwecke gemacht werden darf. Vielmehr wird seine Persönlichkeitsentwicklung als Zweck in sich selbst gesehen.
Dabei dient die Persönlichkeitsentwicklung als Bildungsprozess in Auseinandersetzung mit der Welt gerade dazu, dem Menschen ein solidarisches Miteinander zu ermöglichen. Persönlichkeitsentwicklung
um des Subjektes willen bedeutet nicht Erziehung zum Egoismus. Sein theologisches Pendant hat diese Auffassung von Bildung in der Rechtfertigungslehre, die den Menschen als gerecht vor aller Leistung sieht. Aus der erfahrenen Gnade resultiert das gesellschaftliche Engagement als weiterführende Antwort des Subjektes auf die ihm vorgängige Annahme.

Evangelisches Schulprofil

Eine Schule in evangelischer Trägerschaft wird sich dann protestantisch profilieren können, wenn sie Bildung als Eigenwert ernst nimmt und die Bildung des Individuums als wahrnehmungs-, empathie- und beurteilungsfähiges Subjekt gewährleistet. Um die Gründung evangelischer Schulen zu rechtfertigen, bedarf es mithin einer Rückbesinnung auf das Prinzip der Rechtfertigung, das sich im schulischen Kontext dann auch in einer klaren Trennung zwischen Person und Leistung wird spiegeln müssen. Eine evangelische Schule muss
einen Lern- und Lebensraum entwerfen, der den Boden einer vertrauend-engagierten Lebenshaltung bereitet, die sich in erster Linie der Annahme und erst in zweiter Hinsicht der gesellschaftlichen Anforderung verdankt. Wo ein solcher Grund in Programm, Gestalt und auch zumindest teilweise akzentuiert in den Inhalten einer evangelischen Schule gelegt wird, kann sich diese Schule als Nährboden einer gesellschaftlichen Avantgarde erweisen, die dann gebraucht werden wird, wenn sich alle Verzweckungsstrategien bildungspolitischer Ökonomismen als Irrwege erwiesen haben werden. Evangelische Schulen müssen in Spannung zu einem gesellschaftlichen Bildungsverständnis stehen, bei dem sich die Ökonomie zur „einzigen und totalen Ordnung menschlichen Lebens“ zu erheben versucht, um einen Satz der Barmer Theologischen Erklärung zu aktualisieren. In diesem Widerspruch besteht gleichzeitig ihre Solidarität mit der Gesellschaft.

Das evangelische Alleinstellungsmerkmal

Im Konzert pädagogischer Plädoyers auf dem Markt der Bildungsangebote kann dann gerade eine solche Haltung zur Bildung, die Zeit- und Lebensräume zur Beschäftigung mit dem Elementaren freihält, sich gleichsam einer List der pädagogischen Vernunft bedienen. Bildung mit Seele und Verstand in angemessener Zeit und humaner und humanistischer Gesinnung kann zu einem wertvollen Alleinstellungsmerkmal werden. Evangelische Schulen sollten versuchen, das protestantische Bildungsprinzip zu ihrem spezifischen Qualitätsmerkmal zu machen.
So sehr es zu wünschen ist, dass christlich-religiöse Begleitung – oftmals etwas unscharf mit dem Begriff der Schulseelsorge umschrieben – auch im Kontext der nicht konfessionellen Schulen stattfindet, können doch Schulen in kirchlicher Trägerschaft eine Form von Leuchttürmen darstellen, die exemplarisch zeigen, dass gesellschaftlichen
Zwangsvorstellungen in solidarischem Widerspruch auch Alternativen gegenüberzustellen möglich ist. Im übrigen muss man gerade aus
kirchlicher Sicht auch vorsichtig sein, dass beim kirchlichen Angebot in staatlichen Schulen nicht lediglich Hilfe geleistet wird, Freizeitangebote zu
präsentieren, die aufgrund der finanziellen und inhaltlichen Selbstüberforderung des Bildungssystems von den Schulen selbst nicht mehr geleistet werden können. An dieser Stelle sind dann in der Tat Qualitätsstandards in Hinsicht auf Form und Inhalt kirchlicher Angebote zu fordern.



Ingo Reuter

Ina Korter

Contra

Ina Korter ist Mitglied des Landtages
Niedersachsen für Bündnis 90/Die Grünen.

Sonderrechte für kirchliche Schulen

Die Zukunftsfähigkeit der evangelischen Kirche hängt wesentlich davon ab, ob es ihr gelingt, die Bildungsherausforderungen der Gegenwart zu
meistern. So heißt es im 2009 von der EKD herausgegebenen
Strategiepapier „Kirche und Bildung“. Kirchliches Bildungshandeln findet zu einem großen Teil im staatlich geförderten Bereich statt, im Religionsunterricht an staatlichen Schulen, aber natürlich insbesondere an Schulen in kirchlicher Trägerschaft, die vom Staat weitgehend finanziert
werden. „Für die Kirche bietet die Kooperation mit dem Staat den Vorteil, dass sie dadurch weit über die eigenen Möglichkeiten hinaus ihren Auftrag in Bereichen erfüllen kann, die sonst in der Breite für
sie kaum erreichbar wären. Dies entspricht nicht zuletzt dem Öffentlichkeits- und Missionsauftrag der Kirchen.“ So ist es im oben genannten EKD-Papier formuliert. Ohne in die Diskussion über das
Verhältnis von Staat und Kirche im Schulwesen einsteigen zu wollen, frage ich mich, ob ein Missionsauftrag der Kirchen gerade in den Schulen aktueller gesellschaftlicher Konsens ist.
In Niedersachsen beabsichtigt die evangelische Landeskirche bis 2020 die Neugründung mehrerer Schulen in kirchlicher Trägerschaft oder sogar die Übernahme der Trägerschaft von staatlichen Schulen. Die Landeskirche will an Orten, an denen die Schülerzahlen so stark zurückgehen, dass Haupt- und Realschulstandorte gefährdet sind,
kleine Integrierte Gesamtschulen gründen. Es sollen gebundene Ganztagsschulen werden mit Mittagessen und guter Förderung am Nachmittag.
Wunderbar, pädagogisch genau richtig, wenn da nicht das Schulgeld wäre von ca. 45 Euro monatlich, und wenn es nicht bestimmte Rahmenbedingungen gäbe wie die zwingend vorausgesetzte Kirchenzugehörigkeit der Mitarbeiter/innen und vor allem, wenn die Kirche nicht, ebenso wie andere private Schulen, erhebliche Sonderrechte gegenüber den staatlichen Schulen bekäme. In Niedersachsen dürfen kommunale Schulträger nur dann neue Gesamtschulen gründen, wenn sie über 14 Jahre hinweg die nötigen Schülerzahlen für fünfzügige Schulen (130 Schüler/innen pro Jahrgang)
nachweisen. Das ist im ländlichen Raum oft nicht möglich. Kirchliche und private Schulen brauchen diese Voraussetzungen nicht zu erfüllen. Kommunale Schulträger bekommen keine gebundenen Ganztagsschulen genehmigt, da sie der Landesregierung zu teuer sind, und sie dürfen (zu Recht!) kein Schulgeld nehmen. Nun sind diese ungleichen Bedingungen
nicht der Kirche anzulasten, sondern der Landesregierung, aber es ist sehr wohl eine Frage, wie die evangelische Landeskirche damit umgeht.
Ist es richtig, wenn die Landeskirche in Niedersachsen Sonderrechte für eine Bildungsoffensive mit eigenen guten, aber kostenpflichtigen Schulen nutzt, um den aktuellen Herausforderungen des demografischen Wandels mit erheblichem Mitgliederschwund und immer mehr Kindern und Jugendlichen ohne christlichen Religionshintergrund zu begegnen? Kann es Position der Kirche sein, die im oben erwähnten EKD-Papier auch Bildungsgerechtigkeit und Chancengleichheit für bildungsbenachteiligte
Kinder und Jugendliche einfordert, selbst dazu beizutragen, dass es Schulen 1. und 2. Klasse gibt? Statt in Nischen Bildung für einige wenige zu organisieren, die mehr Geld ausgeben können, und gute Bildung mit einem Missionsauftrag zu verbinden, verstehe ich „den Missionsauftrag“ der Kirche, meiner Kirche, anders: Ihre Mission sollte es sein, vernehmbar Position zu beziehen für ein gerechtes und demokratisches Schulsystem, das Schluss macht mit der sozialen Auslese, Schluss macht mit der Ausgrenzung und Diskriminierung von Kindern aus Migrantenfamilien oder von Kindern mit Beeinträchtigungen und Behinderungen. Die gute Schule für alle ohne zusätzliche Elternbeiträge
einfordern und umsetzen, das ist meines Erachtens die evangelische Herausforderung heute. Eine kämpferische Kirche wünsche ich mir, kämpferisch für gute Bildung und gleiche Chancen. Martin Luthers revolutionäre Bildungsinitiative könnte so ihre aktuelle Fortsetzung finden.


Ina Korter