Film-Betrachtung: Gran Tourino

Hans-Martin Gutmann

einem Vorort einer amerikanischen Kleinstadt im amerikanischen Mittelwesten. Die großen Tage der US-Autoindustrie sind gezählt, und Walt Kowalski (gespielt von Clint Eastwood), der sein Leben lang bei Ford gearbeitet hat, lebt nach dem Tode seiner Frau allein in einem Einfamilienhaus in diesem Viertel. Walt, der aus einer polnischen Einwandererfamilie stammt, ist einer der letzten „weißen“ hier wohnenden Amerikaner. Ringsum im Viertel leben Angehörige des Volkes der Hmong. Die Hmong, die im Vietnamkrieg auf Seiten der Amerikaner gekämpft haben, mussten nach dem Sieg des Vietcong ihre Heimat verlassen und in die USA
übersiedeln. Walt Kowalski kann diese Entwicklung weder verstehen noch gut heißen. Er sitzt Tag für Tag mit einer Kühltruhe voller Bierdosen auf der Terrasse seines Hauses und kommentiert das Leben ringsum mit rassistischen Sprüchen. Walt hat mit seinem 1972er „Gran Torino Sport“ ein Modell aus der Ford-Produktion besserer Tage in der Garage stehen.
Einmal in der Woche wird der Gran Torino vor das Haus gefahren und gewienert. Die Straßen des Viertels sind von konkurrierenden Straßengangs beherrscht. Thao, der sechzehnjährige Sohn der
Nachbarsfamilie, wird von einer Hmong-Straßengang genötigt, „zu seinem Schutz“ mit den Mitgliedern der Gang „rumzuhängen“ – sprich: schwer bewaffnet im Viertel in einem weißen aufgetunten
japanischen Wagen rumzufahren. Als „Einstand“ wird Thao genötigt, den Gran Torino aus Walts Garage zu stehlen. Walt wacht auf, lädt seine Flinte und stellt Thao in der Garage – und wenn er nicht gestolpert wäre, dies lässt der Film zumindest offen, hätte er den Dieb wohl erschossen.

Die Welt verändert sich

Als eines Nachts die Gang versucht, Thao zu zwingen, mit ihnen zu kommen, und Thaos Schwester Sue und die Mutter angreifen, vertreibt Walt die Gang mit vorgehaltenem Gewehr. Einige Tage später befreit er Sue, die an einer Straßenecke von einer Gang von jungen Schwarzen bedrängt wird. Die rassistischen Sprüche Walts haben sich ebenso wenig verändert wie seine Ablehnung gegenüber den „Sumpfratten“, wie er die Hmong nennt. Er greift ein, weil er eben der Ansicht ist, dass ein Mann sich in gefährlichen Situationen nicht aus der Affäre ziehen kann – und weil er meint, dass die Polizei immer zu spät kommt.
Von jetzt an ist Walt, ganz gegen seinen Willen, der Held der Hmong-Nachbarschaft. Sie bringen ihm gegen seine heftige Abwehr Blumen und leckeres Essen ins Haus. Walt gibt seine „offizielle“ Abneigung nicht auf, aber unter dieser Schale verändert
er sich nach und nach. Gegen seinen Widerwillen stimmt er zu, dass Thao zwei Wochen für ihn arbeitet, um seine „Schuld“ – den Autodiebstahl – wieder gut zu machen. Schritt für Schritt entwickelt sich zwischen den beiden eine Freundschaftsbeziehung.
Walt verschafft Thao Arbeit auf dem Bau und er leiht ihm seinen Gran Torino aus, als er sich auf ein erstes Date verabredet.
Gleichzeitig nimmt die Gewalt der Hmong- Gang gegenüber Thao und seiner Familie zu.

Sie überfallen ihn auf dem Weg von der Arbeit und brennen ihm eine Zigarette ins Gesicht. Walt erkundet daraufhin das Haus, wo die Gang gemeinsam wohnt, und schlägt einen von ihnen zusammen
– mit der klaren Ansage, er werde alle zusammenschlagen, wenn die Gang Thaos Familie nicht in Ruhe lasse. Daraufhin eskaliert die Situation endgültig. Eines Nachts fährt die Gang am Haus von Thaos Familie vorbei und beschießt das Haus mit automatischen Waffen. In derselben Nacht vergewaltigen sie Sue.
Walt ist sich sicher, dass Sue und Thao und ihre Familie nur dann in Frieden leben können, wenn die Gang ausgeschaltet werden kann. Und er ist sich sicher, dass die Polizei diese Aufgabe nicht
übernimmt. Deshalb plant er eine Konfrontation.
Vorher spricht er mit Thao. Er beichtet ihm die lebenslang traumatische Situation, in der er einen bereits ohnmächtigen jungen Koreaner ins Gesicht geschossen hat. Und er sperrt ihn im Keller ein, um allein in das finale Gefecht zu ziehen.

Ein Opfer

Allein vor dem Haus der Gang, provoziert Walt die jungen Männer – solange, bis er sicher ist, dass die Nachbarn nach draußen getreten sind, um die Szene zu beobachten. Die Mitglieder der Hmong- Gang haben bereits ihre Waffen gezogen. Walt hat sich eine Zigarette in den Mund gesteckt, fragt nach Feuer. Als er kein Feuer bekommt, greift er in seine Innentasche, in der er, wie die Gang-Mitglieder schon einmal gesehen haben, seinen Revolver hat. Er spricht „Gelobt seist du, Maria, voller Gnaden“, und zieht mit einer schnellen Bewegung sein Feuerzeug heraus. Walt stirbt im Kugelhagel der Gang, er ist schon tot, als er – in der körperlichen
Gestalt eines Kreuzes – auf dem Boden aufschlägt. Anders als bei den bisherigen Anschlägen, haben diesmal Nachbarn miterlebt und berichten der Polizei, was passiert ist. Der Film endet damit, dass
Thao den Gran Torino erbt. In der letzten Szene des Filmes fährt er in seinem neuen alten Wagen die Küstenstraße entlang.

Die Moral der Geschichte

Der Film erzählt von zwei gegenläufigen Bewegungen. Eine positive Bewegung, in der sich Walt der fremden Kultur öffnet, sich auf eine Freundschaftsbeziehung einlässt, sich seiner Vergangenheit
stellt und seine Verantwortung erkennt. Die Gegenbewegung beschreibt eine klassische Gewalteskalation: Die Gang
kann es nicht hinnehmen, dass Thao sich mit dem „weißen“
Amerikaner anfreundet und Anstalten macht, sich in die amerikanische Gesellschaft zu integrieren. Die massivste Gewalt erfährt Sue, die durch ihre soziale und kommunikative Kompetenz
die jungen Männer mit ihren Defiziten konfrontiert.
Sie versuchen, den Anspruch männlicher Überlegenheit ihr gegenüber durch sexuelle Gewalt durchzusetzen. Im Höhepunkt der Gewaltkrise kommt es zu einer Umdrehung der Logik, in der die Gewaltkrise durch den Sieg der „guten Gewalt“ über die „böse Gewalt“ beendet wird. Dies ist der Mechanismus, nach dem – so
René Girard – der traditionelle Gewaltopfer-Mechanismus
funktioniert: Die, die an der Ausbreitung der Gewalt schuld sind, werden durch „gute Gewalt“ oder die „Gewalt der Guten“ zur Strecke gebracht. Das Risiko dieser Art der Gewalt-Unterbrechung ist jedoch, dass die „endgültige“ Beendigung der Gewalt in der Regel nichts anderes ist als die erste Stufe einer neuen Gewalteskalation. Es ist keinesfalls so, dass diese Lösung – es wäre die Lösung jedes traditionellen Western und vieler Action-
Blockbuster – für den Protagonisten des Filmes, Walt, nicht denkbar gewesen wäre. Ganz im Gegenteil: alles scheint auf diese „Lösung“ hinzusteuern.
Was macht es möglich, dass er im Finale anders handelt? Es mag die Einsicht in die eigene Unterlegenheit gegenüber der Mehrzahl der schwer bewaffneten Feinde gewesen sein. Ich denke, es
kommt etwas hinzu. Walt ist durch die Freundschaft mit Thao verändert worden. Er kann sich den traumatisierenden Erfahrungen seines eigenen Lebens stellen und sie Thao gegenüber aussprechen. Durch die Hingabe seines Lebens kann Walt
erreichen, dass die zerstörerische Gewalt entmächtigt wird und dass die, die er liebt, ihr Leben behalten können. Dass Walt in der Gestalt des Gekreuzigten stirbt, ist m. E. ein bewusst gewähltes
Symbol des Regisseurs/Hauptdarstellers Clint Eastwood, die von ihm in diesem Film dargestellte Erzählfigur an die Christusgeschichte, an Leben, Passion und Eröffnung neuen Lebens zurückzubinden.




Hans-Martin Gutmann