Der Gottesdienst als Qualitätsprodukt

Anmerkungen zu einer neuen Orientierungshilfe der EKD

Nach den Orientierungshilfen zum Abendmahl und zur Taufe erschien 2009 „Der Gottesdienst. Eine Orientierungshilfe zu Verständnis und Praxis des Gottesdienstes in der evangelischen Kirche“, vorgelegt vom Rat der EKD. Um meinen ersten Eindruck vorweg zu nehmen: beim Lesen wurden mir zunehmend die Flügel schwer. Am Ende fühle ich mich gedrückt und müde und befürchte, diese Schrift eignet
sich nicht, die Freude am Gottesdienst zu wecken. Sprache und Anspruch der knapp 100 Seiten laden eher ein in die funktionale Welt des Qualitätsmanagements. Die von einer Ad-hoc-Kommission unter Vorsitz von Professor Michael Beintker vorgelegte Schrift orientiert sich erklärtermaßen an den Zielen des Impulspapiers „Kirche der Freiheit“ (2006). Es gilt, die Gottesdienstbeteiligung zu stärken und ein gemeinsames Qualitätsbewusstsein im Blick auf den Gottesdienst zu entwickeln. (7)


Wie kann das Lesewort zum Lebenswort werden?

Ich versuche, zu verstehen, an welchem „Qualitätsverständnis“ sich die Kommission orientiert. Für Wolfgang Huber, dessen Handschrift in der Orientierungshilfe unverkennbar ist, zeichnet sich ein guter Gottesdienst dadurch aus, dass der Einzelne die Kirche in dem Gefühl verlasse, eine Stunde gut verbracht zu haben, und im Gottesdienst Gemeinschaft, Lebensorientierung sowie die Begegnung mit Gott gespürt habe. Die Orientierungshilfe fragt: Wie können Gottesdienste so gestaltet werden, dass die Menschen sie nicht versäumen möchten? Wie kann die Ausstrahlung des Evangeliums so zum Leuchten kommen, dass unsere Gottesdienste sogar für Menschen interessant werden, denen der christliche Gottesdienst nichts mehr sagt? (14 f.) Auch auf die Gefahr hin, dass meine Bemerkungen kleinlich wirken: diese wenigen Sätze sollten wir genauer befragen. Ein Blick in die Vorstellungen amerikanischer PredigerInnen auf Bibel-TV genügt, um sich klar zu machen,
welche Art Gottesdienste eine maximale Zahl von Menschen nicht versäumen möchten! Oder ich stelle mir vor, wie ich einen Buß- und Bettagsgottesdienst „aufbereiten“ muss, damit keiner mehr auf der Straße gesichtet wird. Es erschreckt mich, dass nicht wesentlich auch von der „Qualität“ des Evangeliums gesprochen wird, das Anstoß und Ärgernis ist, prophetische Zumutung und Infragestellung meiner Gefühlsherrschaften. Das biblische Zeugnis, das Wort Gottes steht uns und der Welt immer auch gegenüber. Im Gottesdienst setze ich mich dieser unauflöslichen Spannung zweier Wirklichkeiten aus. Jesu Kreuzweg der Hingabe bleibt der Welt eine Torheit, ein Tor zur Freiheit, zur Auferstehung und zuweilen zum Aufstand.

Wie viel Kleinglaube bei gleichzeitigem Größenwahn versteckt sich in der Annahme, wir müssten und könnten Gottesdienste unwiderstehlich interessant machen? Was aber ist ein „guter“ Gottesdienst? Wird eines der neuen EKD-Kompetenzzentren
in Hildesheim oder Wittenberg in Zukunft darüber entscheiden?
Oder die Kirchenaufsicht? Welche Konsequenzen erwarten uns bei der Qualitätskontrolle? Erstaunlich das Wissen der Autoren, dass sich im Gottesdienst als Klang- und Beziehungsgeschehen eine
Begegnung zwischen Gott und Mensch ereignet (31). Und wenn nicht? Wer oder was ist dann falsch? Die Pastor/innen? Gott? Die Gemeinde? Vielleicht schreckt manchen der Geist einer Orientierungshilfe, die weniger einlädt als postuliert, weniger
orientiert als Suchende verunsichert. Dabei bekennt die EKD sich ja ausdrücklich dazu, die spirituelle Suche moderner Menschen ernst zu nehmen. Wie sehr dieses Anliegen aber vom Geist der
Gewinnmaximierung (mehr Mitglieder, weniger Kosten) überlagert ist, zeigt u. a. der folgende Widerspruch: Obwohl die Bedeutung der Musik im Gottesdienst und darum die kirchenmusikalische
Fachkompetenz betont werden, erleben wir seit Jahren einen massiven Abbau von Kirchenmusikerstellen. Die Orientierungshilfe hält dagegen: Auf keinen Fall darf an der Kirchenmusik gespart werden (86). Meine Frage, die mir in vielen Begegnungen
entgegen kommt, bleibt in dieser Orientierung unbeantwortet:
Wie kann das Lesewort zum Lebenswort (Luther) werden? Wie kann der christliche Glaube lebensgestaltende Kraft gewinnen,
vor, in und nach einem Gottesdienst? Ich wünsche mir Gottesdienste
als Raum, in dem ich mich mit Gottes und der Geschwister Hilfe einüben kann in das Vertrauen auf das Gütesiegel, das mir längst ins Herz gelegt ist.

Julia Rabel
Pastorin für Evangelische Spiritualität und Geistliche Begleitung im Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf (Schleswig-Holstein)