Magdalene L. Frettlöh

Aber man schafft es doch nicht immer

„Wir haben gedacht, wir schaffen alles, und mit Liebe geht das. Aber man schafft es doch nicht immer“, bekennt Teresa Enke bei der Pressekonferenz einen Tag nach der Selbsttötung ihres Mannes Robert Enke. Ja, wenn nicht mit Liebe, womit dann lässt sich die Finsternis der Depression vertreiben, jene dämonische Macht, die einen Menschen überfällt, sich immer weiter in ihm ausbreitet und von ihm Besitz ergreift?! Was, wenn nicht die Liebe, kann die Todesschatten besiegen, die sich über eine Seele gelegt haben?!

Gnadenlose Öffentlichkeit –
unbarmherzige Menschenbilder


Auch die menschliche Liebe stößt an ihre Grenzen – nicht zuletzt deshalb, weil es ja auch ein Leben gibt jenseits jener Nahbeziehungen, in denen wir geliebt werden, öffentliche Lebenswelten, die das persönliche Leben, den privaten Bereich in Mitleidenschaft ziehen und unserer Liebe bisweilen Unmögliches zu tragen aufbürden. „Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren“, schreibt Theodor W. Adorno in den ›Minima moralia‹, den ›Reflexionen aus dem beschädigten Leben‹. Aber genau dies gilt so wenig in jenen öffentlichen Lebensräumen, in denen sich ein Großteil unseres Daseins abspielt.
Da tut man(n?) gut daran, keine Schwäche zu zeigen, sich keine Blöße zu geben, nur keinen Fehler zu machen. Denn nicht nur eine sensationshungrige Medienwelt würde sich gnadenlos daran weiden.
Wir kennen das doch auch selbst, wie süß bisweilen die Schadenfreude schmeckt, wenn jenen Menschen, die uns unsympathisch sind oder unter
denen wir zu leiden haben, etwas misslingt und sie Schwächen offenbaren. Um wie viel mehr gilt es Stärke zu demonstrieren
in einer Welt, in der Leistungsfähigkeit und Siegeswillen, Unangreiflichkeit und Unbeirrbarkeit zählen?! Wieviel Überwindung hätte es in der
Ellenbogenwelt des Männerfußballs gekostet, gerade als Torwart von jenen bösen Mächten zu sprechen, die einen bis in den Schlaf hinein verfolgen und die Schlinge immer dichter ziehen?! Denn der Torwart, das soll doch der unbefleckte Priester der Mannschaft sein, der dafür zu sorgen hat, dass das Tor sauber, ja rein gehalten wird. Und der Nationaltorwart – das ist gleichsam der Hohepriester, die Kultperson der Nation. „Danke Robert, und halt das Himmelstor sauber“, war auf einem Abschiedsplakat der Fans in Hannover zu lesen. Da liegt es so nahe, alles dafür zu tun, dass niemand davon erfährt, wie anders es in einem drinnen aussieht. Ja, nur nichts offenbaren, was das öffentliche Ansehen
beeinträchtigen könnte, nur keinen Imageverlust riskieren.

Eine Kultur des Respekts –
ein Klima der Nachsicht


„Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.“ Zu erwarten, dass wir auch in öffentlichen Lebenswelten
einander lieben, ist in einer unerlösten Welt wohl naiv, aber eine Kultur des Respekts und ein Klima der Nachsicht würden schon vieles verändern. Eine Kultur und ein Klima, in denen Menschen nicht bis zur
Aufgabe des eigenen Lebens ihre Schwächen verheimlichen, ihre Krankheit verstecken und ihre Fehler verleugnen müssen. Eine Kultur und ein Klima, in denen immer weniger Mitmenschen versuchen, Profit zu schlagen aus dem Unglück und Leiden anderer … Robert Enkes Selbsttötung hat die Routine Fußball-Deutschlands empfindlich unterbrochen. 2 Möge diese Unterbrechung zu bleibenden Veränderungen führen und allemal auch denen zugute kommen, die ohne prominenten Namen kein Licht mehr sehen im dunklen Tunnel ihres Lebenswegs – jene, für die niemand in einer Schweigeminute innehält, einen Trauerflor trägt oder sich ins Kondolenzbuch einträgt, für deren
Andenken nicht Zehntausende auf die Straße gehen, für die keine Landesbischöfin einen Gottes dienst hält und kein Verein eine im Fernsehen# übertragene Trauerfeier organisiert. Mögen die öffentlich geweinten Tränen, die unverhohlene Fassungs- und Sprachlosigkeit zu einer befreiten Kommunikation und einem barmherzigen
Miteinander führen, damit Menschen nicht länger buchstäblich unter die Räder geraten, weil sie dem Druck, stark sein zu müssen, nicht länger
standhalten konnten.

Wie Gott ein Leben zurücknehmen kann

„Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben … uns scheiden können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.“ Unsere Kirche und unsere Theologie haben sich lange schwer getan, diese Gewissheit des Apostels Paulus auch auf jenen Tod zu beziehen, den sich ein Mensch selbst gibt und der doch gleichwohl kaum ein ›Freitod‹ ist, und manche tun sich bis heute schwer damit, auch wenn
Selbstmörder nicht mehr jenseits der Friedhofsmauern verscharrt werden. Als sich vor zweieinhalb Jahren ein Kursteilnehmer des Kirchlichen Fernunterrichts mit seiner eigenen Dienstwaffe erschoss,
kamen plötzlich die vermeintlich längst überwundenen Schreckensbilder und Höllenängste hoch, die eine christliche Erziehung und kirchliche
Verkündigung über Jahrhunderte eingeimpft hatte.
Ist Selbstmord nicht eine unvergebbare Sünde? Wird unser Kollege nicht in Ewigkeit von Gott getrennt sein? In langen Gesprächen, unter viel
Schweigen und Weinen miteinander, haben wir uns damals in der Kursgemeinschaft dem Gedanken öffnen können, dass nicht mit jeder Selbsttötung ein Mensch sich selbst das Leben nimmt 4, dass
vielmehr auch die Selbsttötung eine Hingabe, ja eine Rückgabe des eigenen Lebens an Gott sein kann. Wer von uns wollte es Gott verbieten, auch auf diese Weise ein Leben, das er geschenkt ist, zurückzunehmen,
zu vollenden und zu Ehren zu bringen?! 5 Gottes Möglichkeiten enden nicht wie unsere an der Grenze des Todes! Gott hat eine eigene
Geschichte mit den Verschiedenen.

Gott ist stärker als der Tod

„Wir haben gedacht, wir schaffen alles, und mit Liebe geht das …“ Auch unter den TeilnehmerInnen des damaligen Kurses meldeten sich menschliche Allmachtsphantasien: Warum haben wir nur nichts gemerkt? Was haben wir übersehen? Wo waren wir zu sehr mit uns selbst beschäftigt? Sind wir nicht mitschuldig an seinem Tod? Wir hätten
diese Katastrophe doch verhindern müssen! „Aber man schafft es doch nicht immer“, musste Teresa Enke einräumen. Es ist gut, befreiend und
heilsam, uns diese Grenzen unserer menschlichen Liebe einzugestehen. Denn wir sind nicht Gott. Gott allein ist allmächtig, so glauben wir, so hoffe ich. Darum vertraue ich mit Paulus darauf, dass kein Tod und kein Leben uns scheiden können von der Liebe Gottes – denn Gott ist stark wie der Tod und darum stärker.

Gebet

Gott, Quelle und Ziel allen Lebens,
dir danken wir für die Gabe unserer Lebendigkeit
und die Fülle unserer Begabungen.
Dich bitten wir für alle Menschen, die gerade jetzt
vor einem Abgrund stehen,
die die große Erlaubnis „Du darfst leben!“ für sich
nicht mehr vernehmen können.
Birg sie in deinem Erbarmen, halte ihr Leben in
Ehren und bringe es zurecht.
Für unser Miteinander im Privaten wie im Öffentlichen
erbitten wir
Achtsamkeit und Respekt, offene Augen, Ohren
und Herzen für die Not der Mitmenschen,
und den Mut, selbst um Hilfe zu schreien, wo wir
ihrer bedürfen.
Unsere Sprachlosigkeit und unsere Trauer,
unsere offenen Fragen und unsere sehnsüchtigen
Bitten
bringen wir ein in unser gemeinsames Gebet: Vater
unser im Himmel …

 



Magdalene L. Frettlöh