Wilfried Neusel

„Umkehr zum Leben – Nachhaltige Entwicklung im Zeichen des Klimawandels“
Die Denkschrift der EKD im ökumenischen Kontext

Die von der Kammer für nachhaltige Entwicklung der EKD erarbeitete Denkschrift ist hinsichtlich ihrer analytischen Schärfe und der Klarheit ihrer Schlussfolgerungen eine angenehme Überraschung. Nach der enttäuschenden „Unternehmer- Denkschrift“ hatte ich so einen Text nicht erwartet. Sie „bekennt“, dass die Kirche im globalen Norden „als Teil der Gesellschaft in die Lebens- und Wirtschaftsweise verwoben ist, die den Klimawandel mit verursacht hat, und deshalb selbst zu konkreten Schritten der Umkehr gerufen ist“. Das Schlüsselwort „Umkehr“, bzw. „radikale Umkehr“, durchzieht die Denkschrift wie ein roter Faden. Dem eindimensionalen Verständnis von Wachstum, das nach dem Brutto-Inland-Produkt gemessen wird, wird eine eindeutige Absage erteilt, ebenso dem Paradigma von „nachholender Entwicklung“ nach dem Muster des Nordens. Die Klimakrise wird im Geist weltweiter ökumenischer Anwaltschaft als eine Frage nach der Gerechtigkeit thematisiert, ein Systemwandel gefordert. Fossile und atomare Energie sind nicht mehr zu rechtfertigen, die Produktion von Agrartreibstoff auch nicht. Bemerkenswert, dass der in anderen Denkschriften gern verwandte generalisierend-appellative Stil vermieden und in einem eigenen Kapitel (4) „Konfliktkonstellationen“ vor der Militarisierung der Politik zur Sicherung der Privilegien der Reichen gewarnt wird. Auch der theologische Einstieg lässt aufhorchen:

„Die dramatische Situation, vor die uns der Klimawandel über die gegenwärtige Wirtschaftskrise hinaus stellt, ist nicht nur eine politische und soziale, sondern auch eine theologische Herausforderung. Sie wirft drängende und zutiefst beunruhigende Fragen an den christlichen Glauben auf.

Dürfen wir uns mit dem Gedanken beruhigen, dass Gott uns vor weiteren Sintfluten bewahren wird? Oder wird die Zusage des Noahbundes dadurch gegenstandslos, dass wir erneut dem unersättlichen Streben nach Mehr verfallen sind? Überlässt uns Gott unserem Schicksal? ... Können wir noch umkehren? Wohin müssen wir umkehren? Was gibt uns die Hoffnung und die Kraft für die nötigen Schritte der Umkehr?“

Sprung in die Harmlosigkeit

Eine Antwort auf diese Fragen suche ich im Kapitel 5. „Theologische Orientierung“. Da werde ich aber schon im vorangestellten „Leitgedanken“ zur Bewältigung der anstehenden Aufgaben auf „Zuversicht und Beistand“ gepolt, auf den Noahbund als Gottes gnädiges Ja zu seiner Schöpfung auch angesichts von Sünde und Bosheit der Menschen und auf die Befreiung in Jesus Christus durch den versöhnenden Gott. Dann folgt eine sehr traditionelle schöpfungs-theologische Begründung christlichen Engagements im Angesicht der Klimakrise, in der auch die Schönheit der Schöpfung als Motivation zu Behutsamkeit und Genügsamkeit hervorgehoben wird. Dagegen ist nichts einzuwenden, ich gestehe aber, dass ich das nach den eingangs zitierten radikalen theologischen Fragen für einen Übersprung in die Harmlosigkeit halte. Und es ärgert mich, dass biblische Texte zitiert werden, ohne dass ihr brisanter Kontext geltend gemacht wird.

Z. B. heißt es zu Psalm 24,1 „Die Erde ist des HERREN“ „… dieses Psalmwort bekennt, dass Gott der Schöpfer allen Lebens ist“. Unterschlagen werden, die in diesem Psalm beschriebenen Konsequenzen für den Gottesdienst: Nur der darf den Berg des Herrn und die heilige Stätte betreten, der unschuldige Hände hat und reinen Herzens ist. Anderenfalls würde nach der damaligen Überzeugung der Berg, das architektonische Fundament und Zentrum der Schöpfung, erschüttert und die Herrschaft Gottes in Frage gestellt.

Merkwürdig unverbunden schließt sich der zweite Teil des Kapitels an diese Grundlegung an und signalisiert mit der Überschrift „Konziliarer Prozess und Option für die Armen“ eine andere theologische Denktradition, die der neueren ökumenischen Bewegung entspringt. Der m. E. zentrale theologische Satz wirkt nicht als Höhepunkt, sondern eher als Abgesang: „Wir machen uns schuldig vor Gottes Augen und vor der Welt und leugnen seine befreiende und verändernde Macht, wenn wir als Christen trotz allen Wissens nicht global und lokal herrschenden Ungerechtigkeiten, den Menschen verachtenden Kriegen und dem aus Maßlosigkeit geborenen Raubbau an seiner Schöpfung entgegentreten.“ Hier klingt an, dass Klimagerechtigkeit eine Bekenntnisfrage ist! Mit dem „prophetischen“ Ruf „Kehret um und ihr werdet leben“ schließt das Theologie-Kapitel, und ich suche verzweifelt den Ort, wo die Kirche mit dieser Bekenntnisfrage und dem Ruf zur Umkehr lebt. Ich finde das Zitat von Römer 8,21 aus dem Kontext gerissen – Heilsperfektionismus! Aber keine angefochtene, sich in Solidarität mit der Schöpfung ängstigende Kirche, in ihrer Schwachheit bitter angewiesen auf den Beistand des Geistes Gottes. Hannover muss weit weg sein von der trefflich analysierten Krise unseres Planeten.

Herausforderungen aus der Ökumene

Der Bericht einer gemeinsamen Arbeitsgruppe zum Thema Klimawandel und Theologie der Baptistischen Union, der Methodistischen und der Vereinigten Reformierten Kirche in Großbritannien mit dem Titel „Hoffnung auf Gottes Zukunft: Christliche Nachfolge im Kontext des Klimawandels“ aus demselben Jahr ist wesentlich einfühlsamer und eindringlicher, ohne alarmistisch zu werden.

Ausführlich wird die ökumenische Verantwortung gegenüber den bedrohten Nationen im Pazifik angesprochen und die Stimme der Pazifik-Konferenz der Kirchen aus dem Jahr 2007 gewürdigt: „Fähig zu sein, die Stimme dieser Gemeinschaften, die durch den Klimawandel betroffen sind, zu vernehmen, ist ein Segen für uns im Prozess einer theologischen Antwort.“ Gottes Gericht über die Privilegierten wird nicht verschwiegen, mit dem sehr evangelischen Kommentar, dass dieses Gericht uns nicht in die Verzweiflung treibt, sondern – im Unterschied zur Möglichkeit, die Menschheit ihrem Schicksal zu überlassen – ein Zeichen seiner Gnade und Liebe ist. In diesem Zusammenhang wird auch jeglicher christlicher Pausbäckigkeit hinsichtlich der Bedeutung christlicher Auferstehungshoffnung mit dem Wort aus Lukas 16,27 ff. begegnet: „Hören sie auf Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ Ein Verständnis von Hoffnung, die von Gott alles erwartet und weises und moralisches Handeln vernachlässigt, wird zurückgewiesen.

Die Botschaft des Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus zum Tag des Schutzes der Umwelt vom 1. 9. 2008 steht unter einem Wort des Apostels Paulus in Römer 8: „Wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet“ (8,22). Der Patriarch verortet die Kirche Christi in der Solidarität mit der noch nicht befreiten Schöpfung als eine Kirche, die stöhnt und sich ängstet und ausharrt. Bei dieser Ortsangabe fänden dann auch die in der EKD-Denkschrift eingangs gestellten theologischen Fragen ihren angemessenen Platz. Der Patriarch lässt uns etwas von der existenziellen Dramatik der Geschichte Gottes spüren, an der wir beteiligt sind.

Diesen Geist hätte ich in der EKD-Denkschrift auch gern gefunden. So aber weist die (theologische) Sprache der Denkschrift noch einmal darauf hin, wie sicher sich Kirche in Deutschland immer noch wähnt. Und das schlägt sich dann auch in den praktischen Erwägungen nieder: statt den Emissionshandelals moderne Form des Ablasshandels zu entmythologisieren und das vom ÖRK in die Diskussion gebrachte Konzept der „ökologischen Schulden“ des Nordens ernsthaft zu bedenken, wird wie gehabt auf die politische Anschlussfähigkeit Bezug genommen. Wir bleiben im Mainstream! Der ethische Grundansatz wird damit aber relativiert.

Emissionshandel sollte als moderne Form des
Ablasshandels entmythologisiert werden.



Wilfried Neusel
arbeitet im Evangelischen Entwicklungsdienst auf der Fachstelle Theologie