Lothar Kreyssig - von der Person zur Sache.
Impulse auf den Weg

(Ungekürzte Fassung)

Rede zur Eröffnung des Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zentrums der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland am 22. Oktober 2009 in Magdeburg

Von Joachim Garstecki

“Sagt mir, welche Menschen ihr verehrt, und ich sage euch, wie nah oder fern ihr dem Frieden seid“, lautet ein Sprichwort. Auf der Suche nach Orientierung halten Menschen Ausschau nach Vorbildern. Ich bin auf einen Text gestoßen, der diesen Gedanken programmatisch aufnimmt. Er lautet: „Der Gewalt vorbeugen heißt auch, eine Tradition gemeinsamer Vorbilder begründen, in denen sich eine gemeinsame Zukunft verkörpert. In ihr und durch sie formt sich eine verbindende Identität“.

Zwei Sätze, wie für diesen Tag geschrieben, finde ich. Nein, sie stammen nicht von Lothar Kreyssig. Auch nicht aus der zu Ende gehenden „Ökumenischen Dekade zur Überwindung von Gewalt“, oder gar von den beiden alten Damen KPS und Thüringer Landeskirche, die zusammen in den Gesundbrunnen stiegen und als EKM wieder herauskamen. Leider auch nicht aus der Friedens-Denkschrift der EKD von 2007, sondern aus dem katholischen Friedenswort „Gerechter Friede“ aus dem Jahr 2000 (Nr.110). So ist das mit der Ökumene - sie ist immer für Überraschungen gut, und manchmal finden sich die brauchbarsten Ressourcen gerade bei den anderen. Ich wähle diese Sätze bewusst als Ausgangspunkt für ein paar „Impulse auf den Weg“, auf den wir uns heute mit dem neuen Ökumene-Zentrum machen. Denn ich bin davon überzeugt: dieses neue Zentrum muss etwas anderes sein als das Ergebnis eines bloßen Synergie-Effektes, mehr als die Installation einer „interdisziplinären Bürogemeinschaft“ für ökumenische Fragen mit dem Ziel der „inhaltlichen Stärkung des Standortes Magdeburg“ in der neuen EKM. Das Ökumene-Zentrum soll vielmehr exemplarisch zeigen, wie Kirche und Christen in dieser Zeit und in diesem Land zu ihrem eigentlichen Auftrag finden können: lebensdienlich, friedensstiftend und menschenfreundlich, und wie sie genau darin ihre Identität entdecken.

Die Konstruktion des Zentrums, „inhaltliche Kompetenzen zu bündeln“ in den Bereichen Partnerschaftsarbeit, Migration, Frieden, Entwicklung und Umwelt mit dem Ziel, „ein spezifisches Profil“ ökumenisch-sozialethischer Arbeit in der EKM zu schaffen, ist ehrgeizig und präzedenzlos – ein Testfall für die Weltverantwortung der Kirche im 21. Jahrhundert, unter nicht gerade günstigen äußeren Vorzeichen. Mut, Phantasie und Innovationskraft sind da gefordert, Widerständigkeit, Enttäuschungsfestigkeit und ein starker Glauben. Weil das so ist, braucht das Zentrum die Verankerung in einer kongenialen Tradition, damit es seine Ziele nicht aus den Augen verliert und ein unverwechselbares ökumenisches Profil gewinnt. Das Sich-Hinein-Stellen in eine Tradition gemeinsamer Vorbilder ist wie ein Sich - Festmachen in einem weiten Horizont, ein Unterpfand für Zukunftsfähigkeit.

Wer könnte einen solchen weiten Horizont besser verkörpern als Lothar Kreyssig (1898-1986), der 18 Jahre in und von Magdeburg aus wirkte und dessen Leben so viele Stationen und Facetten, Berufungen und Berufe umfasst, dass wir Mühe haben, sie alle in einem Atemzug zu nennen, geschweige denn zu verstehen: Jurist und Richter im Widerstand, frommer Bekenner, erdverbundener Bauer, charismatischer Kirchenführer, rastloser Ökumeniker, unbeugsamer Visionär, ‚Prophet der Versöhnung’ (Konrad Weiß) - die Charakterisierungen sind so zahlreich wie ehrenhaft. Sie vermitteln uns Nachgeborenen heute, 23 Jahre nach seinem Tod, eine schwache Ahnung davon, in welche Tradition wir uns stellen, wenn wir Lothar Kreyssig zum Kronzeugen unserer ökumenischen Arbeit küren.

Meine Perspektive auf Lothar Kreyssig - sie merken es schon - ist nicht die des nüchternen Historikers, auch nicht die eines ehrfürchtigen Hagiographen. Es ist die Perspektive eines Nachgeborenen, der sich dem Menschen Lothar Kreyssig mit Empathie zu nähern versucht, um aus seiner Person, seinem Charisma und seinen Anstößen Impulse für heute aufzuspüren. Kaum ein anderer Zeuge aus der ökumenischen Tradition der Kriegs- und Nachkriegszeit bringt so viele inspirierende Impulse in die ernüchternde post - konziliare Ökumene mit wie Kreyssig. Keiner hat so intensiv und leidenschaftlich voraus- und quergedacht, was wir heute noch immer nach-denkend aufgreifen und weiterdenken, weiterdenken müssen, weil wir als Kirche in Raum und Zeit niemals damit fertig werden. Wir sind dicht dran an den Fragestellungen, die ihn zeitlebens umgetrieben haben, wenn wir die biblische Zusage aus Psalm 85 hören, „dass Gerechtigkeit und Frieden sich küssen“, oder, anders formuliert, wenn wir uns dorthin begeben, wo Ökumene und Sozialethik einander den Hof machen. Lothar Kreyssig ist immer schon da. Er ist ein unerschöpflicher Kosmos voll konziliarer Breite und geistlicher Tiefe, ausgestattet mit einem messerscharfen Geist und einer unkorrumpierbaren Neugier auf praktisches Tun.

In vier Punkten möchte ich darstellen, worin seine Aktualität für uns heute besteht.



Lothar Kreyssig wird 1898 in Flöha (Sachsen) geboren. Er studiert in Leipzig Rechtswissenschaften und arbeitet ab 1926 als Jurist im Landgericht Chemnitz. 1928 wird er dort Richter. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme weigert sich Lothar Kreyssig, in die NSDAP einzutreten. 1934 schließt er sich der Bekennenden Kirche an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geht Lothar Kreyssig als Konsistorialpräsident der Kirchenprovinz Sachsen nach Magdeburg. 1947 wird er zum hauptamtlichen Präses der Provinzialsynode gewählt. Das Amt übt er bis 1964 aus. Das wohl bedeutendste Werk Lothar Kreyssigs ist die Gründung der „Aktion Sühnezeichen”. Im Jahr 1958 ruft Lothar Kreyssig dazu auf, aktiv an der Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner zu arbeiten. Junge Deutsche reisen in die kriegsgeschädigten Länder Europas und nach Israel, um beim Wiederaufbau zu helfen. Nach dem Bau der Mauer beginnt Lothar Kreyssig eine Sühnenzeichenarbeit in der DDR. Am 5. Juli 1986 stirbt er in Bergisch-Gladbach.

Widerstehen und Versöhnen

Ab 1928 Jurist und Richter am Amtsgericht Chemnitz , Mitglied der Bekennenden Kirche Sachsens und danach der Altpreußischen Union, wird Lothar Kreyssig ab 1937 Vormundschaftsrichter in Brandenburg und Nebenerwerbslandwirt. In der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus begegnet er uns als bekennender Christ, der die Juden die „Altbrüder“ der Christen nennt. Wie sehr Bekennen und Widerstehen für ihn zusammengehören, zeigt eine Begebenheit, bei der er einem Pfarrer der „Deutschen Christen“ frank und frei den Zutritt zur Kanzel der Brandenburger St. Gotthard-Kirche verweigert. 1940 muss er feststellen, dass seine Mündel im Rahmen des NS-Euthanasieprogramms aus den Anstalten verlegt werden und danach zu Tode kommen. Als vermutlich einziger von 1.400 Vormundschaftsrichtern im ganzen Deutschen Reich erstattet Kreyssig Anzeige wegen Mordes gegen den Reichsleiter Phillipp Bouhler und untersagt die weitere Verlegung der ihm Anvertrauten aus ihren Heimen. Keiner seiner Mündel wird danach mehr ermordet. Kreyssig wird als Amtsrichter beurlaubt und in die vorzeitige, „selbst beantragte“ Pensionierung geschickt. Bis zum Kriegsende 1945 lebt er mit seiner Familie in Hohenferchesar bei Brandenburg, bodenständig als Bauer und Laienpastor.

Kreyssigs Haltung und Entscheidung in der Frage der Vernichtung sogenannten „lebensunwerten Lebens“ ist eindeutig, ist nach den Kriterien der heutigen zeitgeschichtlichen Forschung Widerstand gegen die NS-Diktatur. Er schreibt 1940 über seine Motive an den Reichsminister der Justiz: „Die Frage nach dem Sinn solchen Lebens rührt an die tiefsten Daseinsfragen überhaupt. Sie führt unmittelbar auf die Frage nach Gott. So ist auch meine Stellung zu ihr und – denke ich – vieler anderer Deutscher und deutscher Richter durch meinen christlichen Glauben bestimmt…. Leben ist ein Geheimnis Gottes…Es ist darum eine ungeheuerliche Empörung und Anmaßung des Menschen, Leben beenden zu dürfen, weil er es mit seiner beschränkten Vernunft nicht oder nicht mehr als sinnvoll begreift…“. Soweit das Zitat.

Wir können einen merkwürdigen Bruch in der öffentlichen Wahrnehmung Kreyssigs feststellen. Sie trennt sein widerständiges Handeln während der NS-Zeit weitgehend von seinem Einsatz für Versöhnung und Frieden nach dem 2. Weltkrieg. Die Kreyssig - Rezeption konzentriert sich mit Vorliebe auf den „Propheten der Versöhnung“ und Gründer von Aktion Sühnezeichen, weiß aber wenig oder gar nichts über seinen Widerstand als einsamer, nur Gott und seinem Gewissen verantwortlicher Christ, Staatsbürger und Jurist in der Zeit des NS-Regimes, zum Beispiel dort, wo er für die Juden Partei ergreift. Das Nebeneinander von zwei in Lothar Kreyssigs Leben und in seinem Verständnis von Gewissen, Recht und Verantwortung, von Menschenwürde und Frieden aufs engste zusammengehörenden Seiten bringt uns um eine wichtige Einsicht: Widerstehen und Versöhnen gehören zusammen, sind gleichsam zwei Seiten einer Medaille, sind Verbündete im Einsatz für das Leben. Ich wage die These: Versöhnen und dem Frieden dienen kann derjenige umso glaubwürdiger, der zuvor widerstanden hat. Für Lothar Kreyssig gilt dieser Satz ebenso wie für Willem Visser’t Hooft, der als designierter Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen ab 1939/40 von Genf aus den europäischen Widerstand gegen Hitler koordinierte, oder für den katholischen Bischof Theas aus Montauban in Südfrankreich, der 1944 in einer Predigt gegen die Deportation der französischen Juden protestiert und von der Gestapo sofort verhaftet wird. Noch während der Haft reift seine Idee der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland, aus der 1946 Pax Christi als katholische Versöhnungs- und Friedensbewegung hervorgeht.

Wer sich auf Lothar Kreyssig als Menschen der Versöhnung beruft, muss ihn auch als Mensch im Widerstand zur Kenntnis nehmen. Das neue Ökumene-Zentrum bekommt es mit dem ganzen Kreyssig zu tun, wenn es sich in seiner Arbeit auf sein Lebenszeugnis als Ganzes bezieht. Wir werden dabei entdecken: Widerstand gegen eine Diktatur und Widerstehen in einer Demokratie kommen bei aller notwendigen Unterscheidung aus derselben Wurzel: aus der Parteinahme für Menschenwürde und Menschenrechte.

„Selbstentäußerung“ oder „Die Einbeziehung des Anderen“

Lothar Kreyssigs kirchliche Laufbahn, wenn wir es einmal so nennen dürfen, beginnt 1946 hier in Magdeburg, wo er zunächst Konsistorialpräsident und danach Präses der Provinzialsynode der KPS wird und bis 1964 wirkt. Die Liste seiner Aktivitäten liest sich wie ein Echo auf die Nöte und Aufgaben der Nachkriegszeit. Seine Verantwortung als Jurist in kirchenleitenden Gremien ist das eine, seine ökumenische Neugier und Ungeduld als bekennender Christ das andere. Als Delegierter der 2. Weltkonferenz des Ökumenischen Rates der Kirchen 1954 in Evanston wird er mit den sehr realen Nöten der Dritten Welt konfrontiert. Er will die Kirchen für eine globale Aktion „ökumenischer Diakonie“ gewinnen, für eine ökumenische Mobilmachung gegen den Hunger in der Welt und gegen die ungerechte Verteilung der wirtschaftlichen Ressourcen dieser Erde. In diesem Zusammenhang benutzt er immer wieder das Wort von der notwendigen „Selbstentäußerung“ der Kirchen. Die Kirchen müssten angesichts der Not der Welt aus ihrer „Selbstgenügsamkeit“ herausfinden; „Bereitwilligkeit zur Selbstentäußerung“ sei geboten, um als Christenheit gemeinsam und wirksam gegen den Hunger vorgehen zu können.

Wir wissen nicht genau, wie der charismatische Kirchenführer Kreyssig den Konflikt zwischen seinen praktischen Verpflichtungen zum Dienst an der institutionellen Selbstbehauptung der Kirche und seiner geistlichen Einsicht in die für ihn „gewissensmäßig notwendige“ Selbstentäußerung der Kirche aufgelöst hat. Nachdem seine Bemühungen um eine weltumspannende „ökumenische Diakonie“ Ende 1954 grandios gescheitert waren, wendet er sich „in getroster Verzweiflung“, wie er es nannte, den verbliebenen Möglichkeiten des Handelns zu. Denn auch die Erfahrung des Scheiterns konnte Lothar Kreyssig nicht vom Einsatz für etwas einmal als notwendig Erkanntes abbringen. Im Juli 1957 präsentiert er in Berlin den Aufruf „Für die Hungernden“, das Gründungsdokument der „Aktionsgemeinschaft für die Hungernden“: Die Christen in Deutschland verzichten regelmäßig einmal die Woche auf eine Mahlzeit und spenden den entsprechenden Gegenwert für den Kampf gegen den Hunger in der Welt - nicht als Almosen, sondern als Zeichen ihrer Solidarität. Die Zeit, die sie mit der ausgefallenen Mahlzeit gewinnen, widmen sie dem aktiven Gedenken an die Menschen in Not.

Lothar Kreyssig begegnet uns in dieser frühen Initiative ökumenischer Solidarität als ein Kronzeuge partnerschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit, der dafür schon 1957 das Wort „nachhaltig“ benutzte. Aber Kreyssigs Praxis ökumenischer Solidarität lässt sich wunderbar verknüpfen mit Überlegungen und Perspektiven von heute. Der Philosoph Jürgen Habermas nennt es „Die Einbeziehung des Anderen“ (1996) und nimmt dabei auf den biblischen Bundesgedanken Bezug. Er erkennt im Bundesgedanken einen unverzichtbaren „Vernunftgehalt“ für die Gestaltung des Verhältnisses von Einzelnem und Gemeinschaft in der modernen Gesellschaft. Im Bund steht jeder einzelne vor Gott und zugleich in solidarischer Gemeinschaft mit anderen; Humanität muss ständig neu aus der schwierigen Balance zwischen Individualität und Solidarität erkämpft werden. Dazu brauchen wir, so Habermas, die religiöse Ressource des Bundesdenkens. Mit der „Einbeziehung des Anderen“ denkt der Philosoph Habermas politisch weiter, was der Praktiker Kreyssig vor fünfzig Jahren mit seiner Forderung nach „Selbstentäußerung“ der Kirche begonnen hat.

In der ökumenischen Partnerschaftsarbeit des neuen Zentrums, im Fachbereich Migration und interreligiöser Dialog sowie im klassischen Handlungsfeld Entwicklung und Umwelt findet diese „Einbeziehung des Anderen“ ihre inhaltlich-strukturelle Entsprechung. Doch die Verständigung darüber, was es eigentlich bedeutet: den Anderen in das Eigene einzubeziehen, ist kompliziert. Sie ist nicht allein programmatisch „zu lösen“, noch geht sie in Konzepten und Projekten auf. Wir stoßen hier auf einen sensiblen Punkt ökumenischer Solidarität, der uns gelegentlich unsere Grenzen vor Augen führt.

Der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg hat auf dem Jahresempfang von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) im Januar 2009 einige Gedanken über die ambivalente Beziehung zwischen dem Eigenen und dem Anderen vorgetragen. Ich möchte sie Ihnen nicht vorenthalten. Muschg sieht den Menschen als jemanden, der sich „nicht nur um die Erkenntnis der objektiven Welt, sondern auch um seine eigene bemüht – und da hört per Definitionem die Objektivität auf. Sie endet schon bei der Betrachtung dessen, was für den einen auf der Hand liegt, für den Anderen weit hergeholt ist; sie endet am gründlichsten bei der Behandlung des Anderen. Im Anderen das Eigene, oder im Eigenen das Andere zu entdecken, oder abzulehnen; das wirklich andere als solches zu erkennen und gelten zu lassen, ohne es disqualifizieren oder vernichten zu müssen. Das ist ein großes, ja unerschöpfliches Thema, das sich der Mensch gar nicht zu stellen braucht, es stellt sich mit ihm. Und, dass es einen Bereich gibt, in dem Fragen nicht zu Antworten führen, schon gar nicht zu definitiven, sondern zu größeren Fragen, ist für die meisten Erkenntnisgebiete eine ärgerliche Tatsache…“. Muschg schließt seine Überlegung mit der ernüchternden Feststellung:
„Da kann sich zeigen, er (der Mensch, J. G.) mag Vernunft haben, so viel er will, rationale, ökonomische, politische Vernunft, die Unvernunft hat ihn. Oder, je dringender er das Gute schaffen will, desto vergnügter grinst ihm das Böse über die Schulter. Oder, noch knapper gesagt: Keine Menschlichkeit, die nicht, wie von ihrem Schatten, von der eigenen Unmenschlichkeit begleitet wäre...“.
Ich vermute, Kreyssigs Gedanke der „Selbstentäußerung“ und Habermas’ Plädoyer für die „Einbeziehung des Anderen“ werden eher unsere Fragen vervielfachen als uns definitive Antworten bescheren. Deshalb wird das neue Ökumene –Zentrum auch nicht als Kompetenz-Zentrum für ökumenische Weltverbesserung gebraucht, sondern als Ort des Austausches, wo die richtigen Fragen gestellt und diskutiert werden können. Wir sind auf einem guten Weg, wenn wir versuchen, die „Einbeziehung des Anderen“ einzuüben, „im Anderen das Eigene oder im Eigenen das Andere“ wahrzunehmen, die unvermeidliche Spannung zwischen beidem auszuhalten und für das Zusammenleben fruchtbar zu machen.

Die Trias des konziliaren Prozesses und das Leitbild Gerechter Frieden

Lothar Kreyssig hat den konziliaren Prozess der 80erjahre für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung bereits als Aufgabe erkannt und in seinem inneren Zusammenhang vorgelebt, als die Ökumene der christlichen Kirchen gerade begann, die sozialethischen Fragen der Welt in ihre Agenda aufzunehmen, wie z. B. auf der Weltkonferenz in Uppsala 1968. Er hat in seiner ihm eigenen visionären Ungeduld und geistlichen Unberechenbarkeit in den 50erjahren eine Form von Konziliarität praktiziert, die den Kirchen und der institutionellen Ökumene um Jahre voraus war. Konziliarität heißt für ihn, die drängenden Fragen und Probleme der Zeit nicht allein als Herausforderung an den praktischen Dienst der Kirche zu begreifen, sondern als Anfrage an das Kirche-Sein der Kirche selbst. Er hat diese Konziliarität vorauseilend praktiziert als eine Vorwegnahme der sichtbaren Einheit der Kirche um der Welt willen. Der Jurist Lothar Kreyssig ist in ekklesiologischer Unbekümmertheit immer „aufs Ganze“ gegangen. Er wollte keine sozialethischen Schrebergärten in der Kirche einrichten, er wollte die ganze Kirche als Werkzeug Gottes in der Welt für die Welt.

Diesem Ziel galt auch sein drängendes Werben für einen ökumenischen Aufbruch gegen den Hunger in der Welt. Überall da, wo in den Kirchen in Deutschland in jenen Jahren etwas für Gerechtigkeit und gegen die Not in der Zwei-Drittel-Welt in Gang kam, etwa bei Kirchentagskollekten oder beim Start von „Brot für die Welt“ 1959, hatte Lothar Kreyssig seine Hände im Spiel.

Und schließlich der „Prophet der Versöhnung“. Nach mehreren vergeblichen Anläufen bringt Kreyssig am 30. April 1958 auf der EKD-Synode in Berlin den Aufruf „Wir bitten um Frieden“ ein, der zum Gründungsdokument der „Aktion Sühnezeichen“ wird, deren 50jährige Erfolgsgeschichte wir 2008 erinnert haben. Der entscheidende Satz dieses Aufrufs nimmt Bezug auf die lähmende, restaurative Selbstgenügsamkeit der Deutschen mitten im Kalten Krieg der 50erjahre: „Wir haben vornehmlich darum noch immer keinen Frieden, weil zu wenig Versöhnung geschieht…“. Versöhnung muss geschehen, nicht proklamiert werden, wenn sie etwas bewirken soll. Deshalb spricht der Praktiker Kreyssig von „Aktion Sühnezeichen“ und orientiert sie auf zeichenhaftes Tun. Die Bitte um Vergebung an die Opfer deutscher Verbrechen im 2. Weltkrieg soll durch tätige Zeichen der Sühne beglaubigt werden. Diese Initiative macht Lothar Kreyssig als Versöhner und Friedenstifter weit über Deutschland hinaus bekannt.

Und dann gibt es da den Frühaufsteher Kreyssig, der als Nebenerwerbslandwirt auf seinem Gut in Hohenferchesar bei Brandenburg ab 1937 biologisch-dynamische Landwirtschaft ausprobiert, jeden Werktag vier Stunden im Morgengrauen, ehe er vom Acker ins Amtsgericht nach Bandenburg aufbricht, um dort seinen Dienst als Vormundschaftsrichter zu versehen. Nach seiner Suspendierung Ende 1940 bis zum Kriegsende ernährt er seine Frau, die vier Söhne und sich selbst von seiner Hände Arbeit als Bauer. Kreyssig betreibt ökologischen Landbau und praktiziert Schöpfungsverantwortung auf dem eigenem Hof. Er hat immer gewusst: hochfliegenden Visionen und Pläne müssen „geerdet“ werden durch praktische Arbeit. Ich will dem Gespräch mit dem Sohn Jochen Kreyssig an diesem Punkt nicht vorgreifen; er weiß besser, ob auf seinen Vater zutrifft, was ich kürzlich in einer Mischung aus Gorbatschow und Sachsen-Anhalt-Werbung gehört habe: „Wer früher aufsteht, den belohnt das Leben“.

Das alles ist „konziliarer Prozess“ - mit den ganz eigenen Akzenten, die Lothar Kreyssig vor mehr als 50 Jahren gesetzt hat. Vor gut 20 Jahren haben sich die Kirchen in der DDR mit der Ökumenischen Versammlung in Dresden und Magdeburg in diesen weltweiten konziliaren Prozess der Ökumene hineinbegeben. Ich möchte unsere Aufmerksamkeit auf die Frage richten, worin die Aktualität der Ökumenischen Versammlung heute besteht. Ihre Ergebnisse unterliegen ja dem geschichtlichen Wandel und brauchen, um unter veränderten gesellschaftlichen und politischen Bedingungen weiterwirken zu können, eine neue „Kontextualisierung“ ( Heino Falcke). Kontextualisierung bedeutet, die in der „Theologischen Grundlegung“ von 1989 formulierten vorrangigen Optionen und Einsichten auf die globalen und gesellschaftlichen Herausforderungen am Beginn des 21. Jahrhunderts zu beziehen. Die Überlebenskrisen der Welt, die in den Analysen der Ökumenischen Versammlung 1989 Ausgangpunkt der Forderung nach „Umkehr in den Schalom“ waren, zeigen sich heute in ihrem „Vollbild“ ungleich schärfer als noch vor 20 Jahren. Das Scheitern neoliberaler Globalisierung, die internationale Finanzkrise, neue Kriege, die wachsenden Gefahren der Atomrüstung und der drohende Klimakollaps machen deutlich, wie aktuell und nicht überholt die Basis-Aussagen dieser Versammlung nach wie vor sind. Glücklicher Weise können wir über den ökumenischen Kairos einer solchen Versammlung nicht verfügen. Er war einmalig, und deshalb ist eine solche Gelegenheit nicht wiederholbar. Was wir aber können, ist mit ihrem Instrumentarium weiterzuarbeiten; es ist weder ausgeschöpft noch veraltet.

An einem konkreten Beispiel möchte ich solches Weiterarbeiten verdeutlichen. In der Theologischen Grundlegung der ÖV heißt es in Nr. 36, dass „mit der notwendigen Überwindung der Institution des Krieges“ auch „die Lehre vom gerechten Krieg….an ein Ende (kommt). Daher muss schon jetzt eine Lehre vom gerechten Frieden entwickelt werden, die zugleich theologisch begründet und dialogoffen auf allgemein-menschliche Werte bezogen ist. Dies im Dialog mit Andersglaubenden und Nichtglaubenden zu erarbeiten, ist eine langfristige ökumenische Aufgabe der Kirchen“.

Lothar Kreyssig würde an diesem Punkt einhaken und fragen, was wir tun müssen, damit die „Lehre vom gerechten Frieden“ vom Kopf auf die Füße kommt und zur Praxis wird. Hier ergibt sich für das Ökumene-Zentrum die schöne Gelegenheit, in die Rezeptionsgeschichte der Ökumenischen Versammlung einzusteigen und sie nach zwei Richtungen weiter zu verfolgen: Einmal, indem die Basis für die De - Legitimierung von Krieg und Gewalt auf der Grundlage der ökumenischen Friedensethik argumentativ verbreitert und vertieft wird, zum Beispiel in den Kontroversen um den Einsatz der Bundeswehr im Afghanistan-Krieg.

Zum anderen könnte sich das Zentrum einer Frage zuwenden, auf die kürzlich Konrad Raiser aufmerksam gemacht hat: Welche Bedingungen von Gerechtigkeit müssen erfüllt sein, um überhaupt von Frieden sprechen zu können? Welche qualifizierenden Standards von Gerechtigkeit braucht der Frieden, um als „gerechter Frieden“ einladend und attraktiv zu sein? Hier liegt eine gerade erst in Umrissen erkannte Aufgabe. Wir müssen vermeiden, dass das Leitbild des gerechten Friedens, kaum dass es in die ökumenische Friedensethik eingeführt ist, zu einem inhaltslosen Zitierkonzern verkümmert.

„Aber man kann es einfach tun“

Ich kann den Weg „von der Person zur Sache“ Lothar Kreyssigs nicht beenden ohne einen kurzen Blick auf sein immer wiederkehrende „Ceterum censeo“, auf sein notorisches Insistieren auf den Primat der Praxis vor der Theorie. Wie ein roter Faden zieht sich diese Überzeugung durch alle seine Äußerungen zum ökumenischen Handeln der Kirche und zur Verantwortung des Christen in der Welt. In klassischer Kürze heißt es im Aufruf „Für die Hungernden“ von 1957: „Gesinnung aber erweist sich durch die Tat, und nur wo sie beharrlich geschieht, vermag sie etwas auszurichten“. Nur beharrliches Tun richtet etwas aus, vermag die Welt zu bewegen, nicht die gute Absicht. Kreyssig ist geradezu darauf versessen, mit der guten Gesinnung endlich in der guten Tat zu landen, denn da gehört sie hin. Und wenn er einmal, zweimal scheitert, muss er es eben ein drittes Mal probieren. Erst im Handeln selbst, in der getanen Tat kann sich zeigen, was geht und was nicht. Im Rückblick auf seine Motive bei der Gründung von Aktion Sühnezeichen schreibt er 1958 den berühmt gewordenen Satz: „Dass unbewältigte Gegenwart an unbewältigter Vergangenheit krankt, dass am Ende Frieden nicht ohne Versöhnung werden kann, das ist weder rechtlich noch programmatisch darzustellen, aber man kann es einfach tun“. Und an einer anderen Stelle heißt es: „Zum Entschluss kommt der Mensch wohl als Instrument des Geistes, indem am Ende das Komplizierteste einfach wird. Ich habe mich zuletzt in die Flucht nach vorn, in die befreiende Tat, wie Bonhoeffer sie preist, wohl nur begeben, weil das wahrscheinliche Scheitern leichter zu ertragen sein würde, als die angstvolle Ungewissheit, den Gehorsam verfehlt zu haben“.

Der Satz „Aber man kann es einfach tun“ sagt nicht, dass dieses Tun einfach oder gar leicht wäre, und er kalkuliert ein mögliches Scheitern ausdrücklich ein. Insofern meint Kreyssig hier etwas grundsätzlich anderes als das „Yes we can“ von Barack Obama. Obama will die Zuversicht ausdrücken, „Ja, wir können das, wir werden es schaffen“. Kreyssigs ist nüchterner. „Aber man kann es einfach tun“ sagt nur, dass der Aufbruch ins Handeln die einzige Möglichkeit darstellt, die lähmende Passivität des ewigen Zögerns hinter sich zu lassen und herauszufinden, was möglich ist und was nicht. Wenn alle Argumente pro und contra ausgetauscht und abgewogen sind, ist ein Punkt erreicht, wo „am Ende das Komplizierteste einfach wird“ und nur noch „die Flucht nach vorn, in die befreiende Tat“ zählt, gegen alle Bedenken und Bedenkenträger.

Lothar Kreyssigs nüchterner Realismus der Tat hat zu seiner Zeit Aufbrüche ermöglicht, von denen wir bis heute zehren. Sie verkörpern eine gemeinsame Zukunft und ermöglichen eine verbindende Identität. Ich wünsche dem Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zentrum, seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und allen, die den Weg des Zentrums mit Interesse und Sympathie begleiten, viele gute Erfahrungen mit dieser vielleicht wichtigsten Botschaft von Lothar Kreyssig an uns: „Aber man kann es einfach tun“.

Ich danke Ihnen.

Datei: Kreyssig-Ökumene-Zentrum.MD.10.09

Lothar-Kreyssig-Ökumene-Zentrum der EKM
Leibnizstraße 4, 39104 Magdeburg
hans-joachim.doering@ekmd.de



Joachim Garstecki
ab 1971 Referent für Friedensfragen im Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR, 1974–1990 in der Theologischen Studienabteilung beim DDR-Kirchenbund. 1991–2000 Generalsekretär der deutschen Sektion von Pax Christi, 2001–2007 Studienleiter der Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V.