Stiefkind Religionsunterricht

von Britta Averkamp-Peters und Annette Esser

Warum eigentlich konfessioneller Religionsunterricht?

Manche Fächer, z. B. Mathematik oder Sprachen, werden in Frankreich, England oder Deutschland mit ähnlichem Inhalt unterrichtet. Anders das Fach Religion. In Frankreich gibt es, infolge der Trennung von Kirche und Staat, ein solches Fach in den staatlichen Schulen gar nicht. In England ist Religious Education (RE) ein staatlich verantwortetes Fach, in dem über Religion informiert wird und an dem alle Schüler und Schülerinnen teilnehmen müssen, wobei die Lehrenden verschiedene fachliche Hintergründe haben können, z. B. in Theologie oder in Religionswissenschaften.

In Deutschland sieht die Situation anders aus. Hier wird nicht nur an kirchlichen Schulen (wie in den meisten Ländern), sondern auch an staatlichen Schulen Religionsunterricht (im Folgenden: RU) erteilt, und dies im kirchlichen Auftrag. Dazu müssen die Lehrenden zweierlei mitbringen, nämlich einmal die staatliche Fakultas, die auf einer theologischen Hochschulausbildung basiert, und zum zweiten eine kirchliche Lehrerlaubnis (die katholische Missio Canonica oder die evangelische Vocatio). Es gibt daher keine vollständige, sondern nur eine "hinkende Trennung" von Kirche und Staat, und der RU ist grundlegend konfessionell gebunden, d. h. er wird in zwei Fächern als "katholisch" oder "evangelisch" gelehrt, so bestimmt es jedenfalls unser Grundgesetz. Die Realität des RU sieht allerdings vielschichtiger aus und spiegelt mittlerweile in vielem eine säkulare und multireligiöse Gesellschaft, die die Väter und Mütter des Grundgesetzes so wohl nicht im Blick hatten bzw. haben konnten. So stellt sich etwa in Ostdeutschland, wo nur knapp ein Drittel der Bevölkerung einer der beiden großen Kirchen angehört, die Frage nach der konfessionellen Bindung des RU in verschärfter Weise, und die Neueinführung des Faches Lebenskunde/ Ethik/Religion (LER) in Brandenburg ist mindestens ein Indiz dafür, dass der konfessionelle Religionsunterricht in Deutschland in eine Krise geraten ist.

Als Autorinnen dieses Artikels wollen wir unsere Erfahrungen mit dieser Vielschichtigkeit zum Anlass für einige kritische Fragen nehmen, die wir hier an die evangelische Kirche richten möchten. Dabei haben wir als Religionslehrerinnen selbst sowohl an kirchlichen Privatschulen als auch an staatlichen Schulen im Rheinland gearbeitet - so an mehreren Gymnasien, an einer Gesamtschule, an einer Waldorfschule und an einem Berufskolleg - und wir können unsere Erfahrungen sowohl mit evangelischem als auch mit katholischem RU sowie auch mit Formen ökumenischen Religionsunterrichtes einbringen. Zudem haben wir mit vielen anderen Religionslehrern nicht nur im Rheinland, sondern auch in Berlin und Niedersachsen sowie darüber hinaus in England und Amerika gesprochen (wo wir auch selbst studiert haben). In diesen Gesprächen ging es immer wieder um die Frage, was es eigentlich für uns heißt, konfessionellen RU zu erteilen und wie wir uns selbst in unseren unterschiedlichen Kontexten zwischen Schule und Kirche erleben. Die folgenden Überlegungen basieren auf der Reflexion dieser Erfahrungen. Sie stellen damit zwar nicht den Anspruch, Ergebnisse einer empirischen Untersuchung zu sein, aber sie sind doch mehr als bloß die Meinung zweier Autorinnen.

Ausgangspunkt unserer Kritik ist, dass viele evangelische Religionslehrer/innen Schule und Kirche als weit entfernt voneinander erleben, bis hin zur Frage: "Was habe ich eigentlich mit der Kirche zu tun!?"

An solch einer fundamentalen Wahrnehmung, die der Kirche eigentlich zu denken geben sollte, hat auch die EKD-Denkschrift "Identität und Verständigung" nichts geändert, die es sich doch zur Aufgabe gemacht hatte, zu einer Verortung des evangelischen RU beizutragen. Woran liegt das? Als Religionslehrerinnen haben wir in der Denkschrift nach der Begründung gesucht, warum die evangelische Kirche eigentlich am konfessionellen Religionsunterricht in der Schule, und d. h. auch an uns als ihren Vertreterinnen, festhalten möchte!? So heißt es dort etwa auf die Frage, warum religiöse Orientierung in der öffentlichen staatlichen Schule stattfinden soll, es genüge nicht, sich nur auf die Verfassung zu berufen, es müsse allen Beteiligten pädagogisch einleuchten, dass die ethisch-religiöse Dimension ein zentrales Element der Schule sei. D. h. an dieser Stelle wird RU vornehmlich vom Bildungs- und Erziehungsauftrag der Schule her begründet. Diese Tendenz einer pädagogischen Begründung ist in der gesamten Denkschrift erkennbar und klingt auch in unseren Ohren zunächst gut. Allerdings hat sich uns zunehmend die Frage gestellt, ob dieser Auftrag nicht im Grunde besser durch einen religionswissenschaftlichen oder ökumenischen Religionsunterricht erreicht werden könnte als durch einen konfessionell gebundenen RU. Eine Begründung für den konfessionellen RU scheint uns hier jedenfalls nicht gegeben, sondern eher gemieden zu werden.

Die Vermutung, dass das Festhalten am konfessionellen Prinzip von der evangelischen Kirche eigentlich nicht wirklich vertreten wird, sondern im Grunde nur der katholischen Kirche geschuldet ist, legt sich hier vielen Religionslehrer/innen nahe. Genau an diesem Punkt fragen sie sich auch, was sie selbst eigentlich mit der Kirche zu tun haben müssen, um dieses Fach zu lehren: Reicht es aus evangelischer Sicht im Grunde nicht aus, eine möglichst gut geschulte Pädagogin und Theologin zu sein? - Allein auf der Basis der EKD-Denkschrift könnte diese Frage jedenfalls mit ‚Ja' beantwortet werden. D. h. auch ein religionswissenschaftlich orientierter RU, der sich darum bemüht, die verschiedenen Konfessionen und Religionen gleichwertig darzustellen, so wie er auch im staatlichen Auftrag in England als RE erteilt wird, könnte damit begründet werden. Erst ein RU nach dem Modell des brandenburgischen LER ließe sich auf der Basis der Denkschrift nicht mehr rechtfertigen. Dabei scheinen uns die Unterschiede zum englischen Modell allerdings weniger in der nicht vorhandenen konfessionellen Orientierung, als vielmehr in der äußerst problematischen Negierung der eigenen Position der Lehrpersonen zu liegen.1 So wird in Brandenburg, anders als in England, gefordert, dass LER-Lehrer "neutrale Informationen" über die verschiedenen Religionen zu geben haben und dabei z. B. den Hinduismus gleichberechtigt neben dem Christentum darstellen müssen. Unsere Kritik, dass dabei weder ihre eigene religiöse Identität und kulturelle Prägung als Lehrende noch die Bedeutung der christlichen Tradition in unseren Breitengraden reflektiert wird, findet Anhaltspunkte in der EKD-Denkschrift, wo es heißt: "Wie kein anderes Fach ist der Religionsunterricht von einem eindeutigen Bezug zu einer Position bestimmt, die auch eine Stellungnahme der Lehrenden aus ihrem Glauben einschließt."2 Über eine solche Stellungnahme hinaus, die wir uns allerdings deutlicher wünschen, halten wir nicht nur die Idee der Neutralität der Inhalte und der Lehrenden für unsinnig und undurchführbar, sondern wir fragen auch immer noch nach dem Sinn des konfessionellen RU.

Problem konfessioneller Religionsunterricht

Macht konfessioneller RU noch Sinn in einer Situation, in der sich die volkskirchlichen Strukturen auflösen? Für Religionslehrer/innen in protestantischen Gegenden, wie z. B. Hannover, wo in ganzen Gymnasialklassen fast ausschließlich evangelisch getaufte Schüler sitzen, ist die Situation selbstverständlich anders als für Lehrer/innen an einer Gesamtschule mit hohem Ausländeranteil, und d. h. mit einem hohen Anteil muslimischer Schüler, in Köln oder Duisburg. Allein aus organisatorischen Gründen hat sich an vielen Gesamtschulen und wohl an den meisten Berufsschulen eine Art überkonfessioneller oder ökumenischer Religionsunterricht im Klassenverband durchgesetzt. Gemäß dem Grundgesetz darf dies allerdings offiziell nicht so benannt werden, daher wird dieser RU gegenüber Schulaufsicht und Kirchen je nach Lehrperson als "evangelisch" oder "katholisch" deklariert, sonst kann es Schwierigkeiten geben. So haben z. B. die evangelischen und katholischen Religionslehrer/innen einer Gesamtschule im Rheinland ihren RU in der Sekundarstufe I im Schulprogramm als "ökumenisch" bezeichnet. Nachdem dies gedruckt war und über Jahre bei niemand Anstoß erregt hat, wurde den betroffenen Lehrern und Lehrerinnen mitgeteilt, dies sei die falsche Begrifflichkeit, sie würden je nach der Konfession der Lehrenden evangelischen oder katholischen RU erteilen.

Wir fragen uns allerdings, ob es hier nur um eine Frage der Begrifflichkeit geht, oder ob die Sache nicht komplexer ist. So ist es etwas anderes, ob ich im RU Religionskunde betreibe oder ob ich ein allgemeines überkonfessionelles Christentum vermittele oder ob ich konfessionellen RU erteile. Alle drei Varianten kommen in der Praxis des "konfessionellen" RU vor. Auf katholischer Seite ist, durch die dort vertretene Trias (der Lehrer ist katholisch, die Schüler sind katholisch und die Lehre ist ebenso katholisch), eine von kirchlicher Seite klare Position im Blick auf den konfessionellen RU bezogen, die evangelische Seite (für die nur die Lehrinhalte und die Lehrperson evangelisch sein müssen, nicht aber die Schüler/innen) wirkt dagegen unklarer. Dabei würden viele evangelische und katholische Religionslehrer/innen gerne einen ökumenischen RU erteilen und äußern dies nur nicht, um Stellenpositionen nicht zu gefährden. Auch vielen Schülern und Eltern, denen die konfessionellen Unterschiede fremd geworden sind, wünschen sich einen überkonfessionellen oder religionswissenschaftlich orientierten RU. Vor Ort stellt nach unseren Beobachtungen auch ein "ökumenischer" Religionsunterricht, der von einer Lehrkraft im Klassenverband erteilt wird, meist kein Problem dar; vielmehr bietet er eine interessante Herausforderung, insbesondere dann, wenn auch muslimische Schüler/innen am Unterricht teilnehmen (müssen), wie dies an Berufsschulen teilweise der Fall ist. An vielen Schulen, an denen nach wie vor "evangelischer" und "katholi- scher" RU als Parallelangebot erteilt wird, findet auch eine hervorragende Zusammenarbeit aller Religionslehrer und -lehrerinnen statt, was sich z. B. in gemeinsamen Fachkonferenzen oder in der gemeinsamen Benutzung von Unterrichtsmaterial (so z. B. die Einheitsübersetzung oder die für den katholischen RU zugelassenen Bücher von H. Halbfas) und manchmal auch im Teamteaching zeigt. Dies geht so weit, dass wir den Eindruck haben, dass gerade am säkularen Ort der Schule die ökumenische Zusammenarbeit am allerbesten funktioniert, d. h. dass unter dem Druck der religionskritischen Verhältnisse der Wunsch nach Gemeinsamkeit wächst, während auf kirchlichen Ebenen der Wunsch nach gegenseitiger Abgrenzung das Bild bestimmt. Unter dem Strich deuten unsere Erfahrungen darauf hin, dass Religionslehrer/ innen mit dem Konfessionalitätsprinzip etwas verteidigen, was eher von außen (von Kirche und Staat) an sie herangetragen wurde, wozu sie aber selbst eher aus stellenpolitischen Gründen stehen, denn im Blick auf ihre persönlichen Glaubensüberzeugungen.

In dieser Situation wirken die mit dem gesetzlich vorgesehenen konfessionellen RU verbundenen praktischen Probleme besonders gravierend. So können sich z. B. Jugendliche mit ihrer Religionsmündigkeit (ab 14 Jahren) vom RU abmelden. Die Konsequenzen dieser rechtlichen Situation für den Unterrichtsprozess sind nicht zu unterschätzen. Als Lehrer/in unterrichtet man anders, wenn alle Schüler/innen am RU teilnehmen müssen (wie z. B. in den kirchlichen Ersatzschulen), wenn Schüler/innen sonst frei haben, oder wenn sie als Alternative Ethik/ Philosophie wählen können. Die Abmeldeproblematik bedeutet für manche Lehrer und Lehrerinnen einen enormen Druck, denn Schulleitungen haben keine Stunden zur Verfügung, um die "Religionsflüchtlinge" zu beaufsichtigen, wozu sie laut der Allgemeinen Schulordnung aber verpflichtet sind. Daher legen sie den Religionsunterricht auch gerne in die Randstunden (z. B. 6. oder 7. Stunde), was sowohl aufgrund der dann mangelnden Konzentration problematisch ist, als auch deswegen, weil sich die verbliebenen Religionsschüler oft als die Dummen fühlen, die Unterricht haben müssen, wenn ihre Mitschüler/innen nach Hause gehen dürfen. Deswegen sind Schulleitungen, die den Religionsunterricht am liebsten im Klassenverband einrichten möchten, daran interessiert, dass die Religionslehrer/innen ihre Schüler/ innen im Unterricht halten und diese sich nicht oder nur in Einzelfällen abmelden, so dass kein besonderer Aufsichtsbedarf entsteht. Aufgrund dieser Situation sehen sich Religionslehrer/innen Druck von allen Seiten ausgesetzt: Sie müssen ein gutes Unterhaltungsprogramm liefern, um Schüler/ innen zu halten und in gewisser Weise sogar für ihre Teilnahme am Religionsunterricht zu entschädigen. Sie können auch kaum schlechte Noten geben, einmal, um Schülern das Fach nicht zu verleiden, und außerdem, um sich selbst nicht dem Verdacht auszusetzen, den Glauben zu bewerten und nicht die Leistungen. Als "Vertreter des Glaubens" in einem stark säkular geprägten Umfeld, denen an der Schule sogar untersagt ist, das ihnen nahe Fach Praktische Philosophie fachfremd zu unterrichten, sehen sie sich weniger geschätzt als vielmehr permanent einem Verdachtsmoment ausgesetzt, das da heißt: Vorsicht, hier ist eine/r, der nicht "objektiv" und "neutral" einen Unterrichtsstoff lehrt, sondern hier muss eine/r qua Lehrerlaubnis eine bestimmte Position vertreten. D. h. er/sie ist quasi fremdbestimmt (durch Glauben und Kirche). So stehen Religionslehrer/innen unter ständigem Legitimationszwang und fühlen sich genötigt, den ausgesprochenen oder unausgesprochenen Verdacht der Manipulation oder Indoktrination ihrer Schüler und Schülerinnen auszuräumen. Sie tun dies, indem sie größtmögliche Toleranz demonstrieren und sich teilweise kritisch von (ihrer) Kirche und deren Äußerungen distanzieren und/oder ein allgemeines, überkonfessionelles Christentum vertreten. Was dabei herauskommt, ist dann kaum mehr das "ordentliche Unterrichtsfach", dass sie selbst lehren sollen und wollen, sondern eine Art von Infotainment, welches weder dem Bildungsanspruch von EKD-Denkschrift noch den Lehrplänen entspricht.

Der Umstand, dass auch nur noch wenige Schüler/ innen aus gewachsenen konfessionellen Milieus stammen und dass bei vielen nur noch rudimentäre Kenntnisse des christlichen Glaubens vorhanden sind, kommt erschwerend hinzu. So war 2005 in einer 5. Klasse im evangelischen Religionsunterricht eines städtischen Kölner Gymnasiums nur die Hälfte der Schüler/innen evangelisch getauft, die anderen waren konfessionslos, katholischen oder islamischen Glaubens. Die Eltern dieser Kinder waren evangelisch, katholisch, aus der Kirche ausgetreten oder muslimisch. Nur bei einem evangelisch getauften Schüler waren auch beide Eltern evangelisch getauft. Daher kann bei den wenigsten Schülern von einem gewachsenen evangelischen Milieu und von einem aktiven Bezug zur Kirche gesprochen werden.

So erwartet auch nur eine Minderheit der Eltern und Schüler einen identitätsbildenden konfessionell geprägten evangelischen Religionsunterricht. Bei den meisten Eltern (viele davon in konfessionsverschiedenen ‚Mischehen' und in Patchworkfamilien) herrscht eher der Wunsch vor, dass ihr Kind durch den Religionsunterricht noch etwas von Religion mitbekommen sollte, insofern Religion ja auch unsere Kultur, z. B. Feste, Musik und Bilderwelt, prägt. Eher sehr diffuse Bilder vom RU, wonach der katholische RU irgendwie "strenger" ist und der evangelische "offener", verbunden mit der Befürchtung kirchlicher Indoktrination führen bei diesen Eltern dann zur Wahl des evangelischen RU für ihr Kind. Dass dies so generell nicht stimmt, z. B. im Hinblick auf die Orientierung an Bibel und Jesus Christus, die in manchen protestantischen Gegenden wie dem Siegerland oder Baden-Württemberg besonders stark ist, wird oft nicht wahrgenommen. Unserer Erfahrung nach hängt auch die Frage, wie liberal oder konservativ ein bestimmter RU ist, immer sehr stark von der Lehrerin oder vom Lehrer ab. Zudem denken wir, dass der Wunsch mancher Eltern nach einer umfassenden Religionskunde teilweise nicht sinnvoll ist und gar nicht erfüllt werden kann. Wenn z. B. Eltern sagen: "Mein Kind soll alles erst einmal kennen lernen und kann sich dann später ja selbst entscheiden", dann ignorieren sie dabei, dass ihr Kind nur über etwas entscheiden kann, was es bereits kennen gelernt hat, und dass sie als Erzieher selbst dabei eine entscheidende Rolle spielen. Außerdem ignorieren sie damit, dass es in der Religion der Sache nach sozusagen nicht um eine Auswahl im "Markt der Möglichkeiten" gehen kann. Vielmehr haben Entscheidungen, welche die Religion betreffen, mit dem zu tun, was uns mit Paul Tillich gesprochen "unbedingt angeht", was uns wirklich eine Herzenssache ist, und dies ist sehr viel weniger vernunftgesteuert, als manche Eltern meinen.

Dass aber in einem solchen Kontext, in dem sich viele oder die meisten Eltern bereits selbst von Kirche und Religion distanziert haben, Schüler kaum oder keine Erfahrungen mit christlicher Glaubenspraxis (Gebet, Gottesdienstbesuch, Bibellektüre) mitbringen, dass sie eher von Sankt Mar- tin oder von Martin Luther King als von Martin Luther gehört haben, dass sie das Christentum hauptsächlich mit Weihnachten und bestenfalls mit dem Gebot der Nächstenliebe verbinden (welche sie dann gerne als eines der zehn Gebote vermuten), kann nicht mehr erstaunen. Kurz gesagt bedeutet dies für Religionslehrer/innen, dass sie von der Schülerfrage "Wo steht denn die Geschichte mit dem Osterhasen in der Bibel?" zu den Inhalten des Lehrplans dieses ‚ordentlichen Schulfaches' oft einen weiten und schwierigen Weg beschreiten müssen.

Wir meinen, dass, wenn die evangelische Kirche wirklich (noch) ein Interesse am RU in seiner konfessionellen Form hat, sie dann (ihre) Religionslehrer eigentlich in besonderer Weise auf diesem Weg begleiten und unterstützen müsste, damit es an Schulen auch kirchliche Vorbilder für junge Menschen gibt. Und gerade in einer gesellschaftlichen Situation, in der nicht mehr einfach von volkskirchlichen Strukturen ausgegangen werden kann und in der viele Menschen (auch Eltern) nur noch rudimentäre Kirchenkenntnisse haben3, müsste die Kirche die Brückenkopffunktion des RU als eine Chance der Kirche sehen und sich verstärkt um den Religionsunterricht kümmern.

Probleme der Kirche

Wir haben den Eindruck, dass es der evangelischen Kirche teilweise gar nicht klar zu sein scheint, dass viele Menschen die Kirche gar nicht mehr durch die Person des Pfarrers oder der Pfarrerin, sondern nur noch durch Religionslehrer/ innen kennen lernen. Die Idee eines allgemeinen Priestertums der Gläubigen hat in der evangelischen Kirche nicht verhindern können, dass die Kirche in weiten Teilen pfarrerzentriert ist. Gerade in Zeiten der Geldknappheit versucht die Kirche sich nun mehr und mehr auf das "Kerngeschäft" Gemeinde und ihre Pfarrer und Pfarrerinnen zurückzubesinnen.

Wie aber sieht die evangelische Kirche in dieser Situation ihre Religionslehrer und Religionslehrerinnen? Es ist schwer, dies genau zu sagen, doch da geht schon an den Universitäten das Wort von den "Schmalspurtheologen" um. Die Vokation wird hier im Rheinland nicht so ernst genommen, so manche werden ernst, nachdem sie schon viele Jahre Religion unterrichtet haben, voziert. Auf katholischer Seite wäre dies undenkbar; ohne Missio, die einem auch entzogen werden kann, wenn der Lebenswandel nicht (mehr) der kirchlichen Lehre entspricht, kann man keinen katholischen RU erteilen. Auf evangelischer Seite ist der Lebenswandel von Pfarrern wichtig, der von Religionslehren- den scheint nicht so wichtig zu sein. In vielen Schulreferaten und PTIs sind Pfarrer für die Lehrerfortbildung zuständig. Pfarrer sollen nun auch verstärkt in die Schulen. Hier im Rheinland versucht man gerade zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, es fehlt einerseits an ausgebildeten Religionslehrern und andererseits hat die Kirche nicht genug Geld für ihre Pfarrer und Pfarrerinnen. So sollen nun vermehrt Pfarrer an Gymnasien unterrichten, damit so 20-25% ihrer Stellen über den Staat refinanziert werden können.

Eigentlich alle Religionslehrer, mit denen wir sprachen, hatten den Eindruck, dass die evangelische Kirche Religionslehrende nicht wirklich als vollwertige Theologen und Theologinnen betrachtet. Die Fähigkeiten, die durch das Studium eines weiteren Faches, durch die Pädagogik, durch den Dialog mit vielen (auch kirchenfernen) Menschen erworben wurden, werden von der Kirche kaum bedacht. Wären Religionslehrer nicht teilweise auch sehr gute Pfarrer und Pfarrerinnen?

Es soll hier ausdrücklich nicht gesagt werden, dass Pfarrer und Pfarrerinnen nicht in die Schule sollen. Das könnte auch eine Chance sein, wenn die Kirche die Schule neu in den Blick nimmt und sich mit dem konfessionellen RU auseinander setzt. Dazu nur einmal ein Gedankenspiel: Was wäre, wenn alle Pfarrer und Pfarrerinnen immer wieder auch RU, z. B. als Teamteacher mit einem Religionslehrer zusammen, in allen Schultypen erteilen würden und es umgekehrt auch selbstverständlich wäre, dass Religionslehrer und -lehrerinnen z. B. predigen würden. Könnte es nicht sein, dass eine solche Kirche erste Schritte tun würde hin zu einem Priestertum aller Gläubigen?

Folgerungen und Forderungen

Was brauchen wir? Wir brauchen eine offene und ehrliche Diskussion über die Konfessionalität des RU. Die Realität, auch in ihrer Widersprüchlichkeit zum Grundgesetz, sollte offen in beiden Großkirchen thematisiert werden. Wenn die evangelische Kirche einen konfessionellen RU will, dann sollte sie sich auch für diesen einsetzen und die Lehrenden ernst nehmen und unterstützen, und dies nicht nur durch Tagungen und Fortbildungen, sondern auch in spiritueller Hinsicht. Auch dürfen gerade in den Schulreferaten keine Stellen gestrichen werden, sondern diese müssen endlich insbesondere auch mit Lehrern und Lehrerinnen besetzt werden. Alle Kirchengemeinden sollten aufgefordert werden, mit den in ihrer Nähe liegenden Schulen aktiv und nicht erst auf Anfrage der Lehrer/innen zusammenzuarbeiten. Das muss nicht durch den Pfarrer oder die Pfarrerin, sondern kann auch durch z. B. Jugendpresbyter oder Gemeindepädagogen geschehen. Eine solche Zusammenarbeit kann nur funktionieren, wenn es vor Ort in jeder Gemeinde auch eine kirchliche Jugendarbeit gibt. Gerade die kirchliche Jugendarbeit darf nicht gekürzt, sondern muss erweitert werden. Wir denken, dass der RU kein Ersatz für christliche Jugendarbeit ist und sein kann. Im Gegenteil: Konfessioneller RU macht nur Sinn, wenn wir die Kinder und Jugendlichen aus dem mit vielen Zwängen behafteten System Schule auf einen anderen Ort verweisen können, in dem christlicher Glaube in der Gemeinschaft frei und freiwillig gelebt werden kann, und dieser Ort ist die Kirche.

Literatur:
Identität und Verständigung. Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität. Eine Denkschrift der EKD, Gütersloh 1994 Religion und Allgemeine Hochschulreife. Bedeutung, Aufgabe und Situation des Religionsunterrichts in der gymnasialen Oberstufe und im Abitur. Eine Stellungnahme des Rates der EKD, Hg. Kirchenamt der EKD, Hannover 2004

1 Man kann LER aufgrund der spezifischen Situation nicht mit RE (= Religious Education) in England vergleichen, da dies Fach in Brandenburg offenbar häufig von ehemaligen Staatskundelehrern unterrichtet wird und es gerade nicht von selbst Gläubigen unterrichtet werden soll, sondern diese nur in den LER- Unterricht eingeladen werden sollen.

2 Identität und Verständigung. Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität. Eine Denkschrift der EKD, Gütersloh 1994, S. 41.

3 Ich möchte hier als Beispiel anfügen, dass die Journalistin Gabriele Kammerer in Berlin beim Amtsgericht Menschen nach ihren Gründen befragt hat, warum sie aus der evangelischen Kirche austreten: Wegen dem Papst.

Britta Averkamp-Peters (oben), Annette Esser beide Religionslehrerinnen in Köln